<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Schöne neue Arbeitswelt

Bald wird die Regalbetreuerin einen Bachelor in Betriebswirtschaft vorweisen müssen.

Viel Post auf die beiden Kolumnen "Akademische Aussichten“ und "Rampensau sein“. Zusammenfassung: großes Unbehagen am allgemeinen Konkurrenzdruck, an der Arbeitswelt und daran, dass immer mehr Menschen mit immer besserer Ausbildung in Richtung Prekariat schlittern oder gar nicht erst Fuß fassen in annehmbaren, halbwegs gesicherten Beschäftigungsverhältnissen. Ein regelmäßiges Einkommen, dessen Höhe einigermaßen korreliert mit der erbrachten Leistung, bezahlter Urlaub, bezahlter Krankenstand, arbeitsrechtliche Ansprüche - das sind Privilegien, von denen viele nur mehr träumen können. Ein Nachhall aus vergangenen Zeiten, und dabei glaubten wir doch erst vorgestern, die vergangenen Zeiten, das seien jene, in denen all das nicht galt, was jetzt schon wieder nicht gilt: die selbstverständliche Aussicht auf ein (Arbeits-)Leben, in dem man vor Ausbeutung, Willkür und Armut geschützt ist.

Einer relativ kleinen Gruppe von sehr gut bis gut Verdienenden steht eine immer größer werdende Zahl von (hoch) qualifizierten Menschen gegenüber, die von ihren Einkünften kaum oder gar nicht leben können. Und die Stellenangebote werden ständig abenteuerlicher: steigende Anforderungen für Honorare knapp überm Wahrnehmungsbereich, das Unverschämte daran zugekleistert von modischem Karrieresprech. Die zu vergebende Arbeit wird mit leeren Worthülsen zum Top-Job erklärt, für den dann mindestens zwei akademische Abschlüsse plus internationale Praktika verlangt werden, bezahlt wird dafür beschämend wenig.

Wie schon mehrfach betont: Studieren dient auch der persönlichen, immateriellen Bereicherung und muss sich nicht zwangsläufig in materiellen Boni niederschlagen. Allerdings dürfen akademische Qualifikationen, die nicht entlohnt werden, keine Jobvoraussetzung sein. Das Gegenteil ist indes der Fall. Wir steuern auf einen Arbeitsmarkt zu, auf dem die Regalbetreuerin, um für einen Hungerlohn beschäftigt zu werden, einen Bachelor in Betriebswirtschaft nachweisen muss und auf dem die Betriebswirtin, deren Aufgabengebiet den gehobenen Ausbildungsanforderungen entspricht, nur nach Hilfsarbeitskriterien entlohnt wird.

Zwei Stellenausschreibungen als Beispiele für die schöne neue Arbeitswelt. Beispiel eins: Um unseren hohen Ansprüchen an die Qualität unserer Arbeit und die Zufriedenheit unserer Kunden auch in Zukunft gerecht zu werden, brauchen wir Mitarbeiter/innen, die sich mit uns diesem Ziel verschreiben. Wir suchen eine/n Praktikant/in im Produktmarketing Neuwagen. Sie arbeiten an der Planung, Umsetzung und Kontrolle des Marketingmixes von Produkten der Marke (…), definieren die Produkt- und kaufmännische Strategie und sind verantwortlich für das regelmäßige Budgetreporting. (…) Für diese spannende Herausforderung wenden wir uns an Damen und Herren mit abgeschlossenem Wirtschafts- bzw. Technikstudium (Uni oder FH), die idealerweise bereits Berufserfahrungen in der Automobilbranche sammeln konnten. Als kommunikationsfreudiger Teamplayer überzeugen Sie durch ausgezeichnete MS-Office Kenntnisse (…), ein Gespür für Zahlen, sehr gute Englisch- sowie Französischkenntnisse. Darüber hinaus sind Sie belastbar und zuverlässig. Für diese Position gilt ein KV-Mindestgrundgehalt von € 1.350,- brutto pro Monat auf Basis einer Vollbeschäftigung. Ein Praktikantengehalt halt, mag sein. Aber schauen so Praktikantenqualifikationen aus?

Beispiel zwei: Auf Beauty und Anti-Aging spezialisierte Ordination in 1010 Wien sucht Studenten/innen der Medizin und anderer Fächer als Hilfsassistenten/innen in den Bereichen OP-Assistenz, Patientenbetreuung, EDV und Web. Gute äußere Erscheinung, absolute Zuverlässigkeit und erstklassiges Benehmen Voraussetzung. Fremdsprachenkenntnisse erwünscht. Einige Stunden/Wo nach freier Einteilung. Gehalt: 7 €/Stunde. Zugegeben, im zweiten Beispiel geht es um einen StudentInnenjob. Aber ist die (Hilfs-)Assistenz bei Operationen ein solcher? Und würde uns die gute äußere Erscheinung der 7-Euro-Kraft ausreichend beruhigen, wenn wir auf dem OP-Tisch lägen? Obwohl: Auf welchen Stundenlohn kommen eigentlich junge SpitalsärztInnen, wenn sie noch dazu rund um die Uhr arbeiten? Ja, eben.

Also: hässliche neue Arbeitswelt, in der außerdem beinharter Konkurrenzkampf angesagt ist. Der privatisiert die miserablen gesellschaftlichen Vorgaben und lagert Unzufriedenheit damit ins rein Persönliche aus. Das Scheitern an Rahmenbedingungen wird zum individuellen Versagen: Wer tüchtig ist, bringt es zu was, wer es zu nichts bringt, ist eben nicht tüchtig genug, aus basta.

Dazu führende Köpfe, die Realitätsverweigerung betreiben. Erst dieser Tage durfte man im Radio wieder einmal hören, wie so genannte Experten das Pensionsmodell der Zukunft beschrieben, das sich aus einer staatlichen Grundrente, einer Firmenpension und Einkünften aus privater Vorsorge zusammensetze. Wie es Menschen, die keine dauerhafte Anstellung kriegen und gerade so viel verdienen, dass sie irgendwie über die Runden kommen, zu einer Firmenpension und privater Absicherung bringen sollen, haben sie nicht erklärt. Fortsetzung folgt.

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