<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Subtext

Wer sich mit Strache anlegt, darf sich nicht mit Applaus aus den eigenen Reihen begnügen.

Wir Gutmenschen mögen H. C. Strache nicht, und wir haben dafür gute Gründe. Wenn wir gezwungen sind, unsere Gründe kurz zu umreißen, sagen (oder schreiben) wir: Er steht rechts außen. Er vertritt braunes Gedankengut. Er hetzt gegen Ausländer. Er heißt antisemitische Äußerungen gut.

Alle diese Behauptungen sind belegbar, allerdings nicht immer in Kürze und mit prägnanten Parolen, wie sie sich auch einem Menschen mit dürftigem Bildungshintergrund auf Anhieb erschließen.

Jemandem, der seine Kenntnisse und Standpunkte aus der „Kronen Zeitung“ bezieht und im hierzulande ganz normalen, weil üblichen Antisemitismus aufgewachsen ist (also vielleicht in einem Umfeld, in dem sich niemand viel denkt, wenn er sagt: „Da geht’s ja zu wie in einer Judenschul“, um ein untragbares Durcheinander zu charakterisieren), ist beispielsweise nicht leicht klarzumachen, was daran schlecht ist, einen Vorarlberger Museumsdirektor als Exiljuden aus Amerika zu bezeichnen. Weil: Was ist schlecht daran, einen Juden einen Juden zu nennen?

Wie tief diskriminierende Klischees im allgemeinen Bewusstsein verwurzelt sind und auch von denen nicht als diskriminierend wahrgenommen werden, die explizit gegen Diskriminierung auftreten wollen, führte Monica Weinzettl vor, als sie Strache im ORF-„Sommergespräch“ den Vorwurf machte, er agiere wie auf einem orientalischen Bazar, wo der am lautesten schreie, der den stinkertsten Fisch verkaufe.

Frau Weinzettls Beleidigungsabsicht war klar ersichtlich, weil sie Strache unterstellte, stinkerten Fisch verkaufen zu wollen. Der rassistische Subtext spielte dabei keine Rolle, weil rassistische Subtexte nach heimischem Gewohnheitsrecht grundsätzlich keine Rolle spielen.

Und das wiederum kommt auch Sagern wie dem vom Exiljuden aus Amerika zugute, der demzufolge als nicht beleidigend gilt, schließlich wird hier keine explizit grausliche Vokabel (wie beispielsweise stinkert) verwendet.

Menschen für die kritische Wahrnehmung von Subtexten zu sensibilisieren ist schwer, sie müssten dazu Hör- und Denkgewohnheiten infrage stellen und ihr Wissen erweitern wollen.

Strache macht sich das zunutze. Er ist ein Meister des Subtexts, jedenfalls dann, wenn er fern vom Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten und außerhalb der Bierzelte argumentiert, und er setzt auf dessen fragloses Akzeptiertsein. Was er sagt, ist vordergründig häufig nicht falsch, niemand kann bestreiten, dass es soziale Ungerechtigkeit und armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen gibt oder dass islamistische Parallelgesellschaften eine Gefahr wären. Nie lässt Strache im Fernsehen oder in Ö1-Interviews den braunen Wüterich raus. Muss er auch nicht. Er muss keine Hör- und Denkgewohnheiten ändern und beschränktes Wissen erweitern wollen, im Gegenteil, es kann ihm genügen, die unzufriedenen, missgünstigen, auch zu Recht verbitterten Gemüter anzusprechen, Verständnis und Mitgefühl vorzugeben für die braven Österreicher, die so oft den Kürzeren ziehen – der Rest ergibt sich aus dem Subtext, der den braven Österreichern geläufig ist und den sie sowieso verinnerlicht haben.

Strache tut denen, die ihn vorführen wollen, nicht den Gefallen, ihre Erwartungen zu erfüllen. Er sagt nicht: Alle Ausländer raus!

Er sagt vielmehr, mit festem blauem Blick und im Grundton aufrichtiger Überzeugung: Selbstverständlich habe er nichts gegen ehrenwerte, bestens integrierte, fleißige Zuwanderer, es gehe nur darum, dass Österreich nicht von ausländischen Kriminellen überschwemmt werde. (Und schon wissen die verbitterten braven Österreicher, wer schuld ist an ihrem Unglück: die kriminellen Ausländer. Blöderweise tragen die kein Kennzeichen um den Hals, weswegen man sie leicht mit den ehrenwerten verwechselt.)

Die FPÖ, behauptet Strache, angesprochen auf jugendliche Extremisten in seinen Reihen, mit feurigem Timbre, lehne jedweden Extremismus, gleich ob er von links oder von rechts kommt, kategorisch ab. Und dann fügt er noch, bebend vor Rechtschaffenheit, hinzu, dass die jugendlichen Extremisten wahrscheinlich linke Provokateure seien, die sich bei FPÖ-Zusammenkünften eingeschlichen hätten.

Ihn in solchen Momenten der Heuchelei oder der Lüge zu überführen ist nicht einfach, wenn man nicht bestens vorbereitet ist und spontan präzise formulieren kann. Strache genügen Behauptungen und Schlagworte, er kann auf Verständnis bauen, das sich aus etablierten Vorurteilen speist. Wer ihn jedoch widerlegen will, muss aufklären können, ohne die Aufnahmebereitschaft einer vorurteilsbeladenen Zuhörerschaft über Gebühr zu strapazieren.

Leider wollen unsere (Möchtegern-)Intellektuellen das nicht wahrhaben. Sie betrachten Strache als Jausengegner, den man mit ein bisschen Verachtung leicht dazu bringen kann, sich als lächerliche und/oder verabscheuungswürdige Figur zu outen. Und das ist eine brandgefährliche Unterschätzung. Mit blasierter Herablassung punktet man vielleicht im eigenen Soziotop. Die potenzielle Wählerschaft der FPÖ hingegen treibt man damit nur noch mehr dem vorgeblichen Volksversteher zu.

Wer immer sich mit Strache öffentlich konfrontiert, wird gut daran tun, nicht auf Applaus aus den eigenen Reihen aus zu sein, sondern ihn und seine potenziellen AnhängerInnen ernst zu nehmen. Deren Ressentiments gilt es zu entkräften. Vielleicht kann man das bei künftigen TV-Gesprächen berücksichtigen.

elfriede.hammerl@profil.at