Elfriede Hammerl: Teenie-Mütter

Elfriede Hammerl: Teenie-Mütter

Da muss die Familie eben zusammenhelfen. Und zwar wer genau?

Österreich liegt, was die Häufigkeit von Teenagerschwangerschaften betrifft, europaweit an dritter Stelle. Das vermeldete kürzlich (am 8. Juni) die ORF-Fernsehsendung „Thema“. Und zeigte anschließend ein glückliches junges Elternpaar und eine glückliche junge Mutter sowie eine glückliche junge Großmutter, die es alle nicht bereuen, dass ein Kindlein kam, als die jungen Eltern beziehungsweise die junge Mutter gerade einmal 14, 15, 16 Jahre alt waren. Tamara, die jetzt 18 ist und ihren Sohn ohne Vater großziehen muss, hat es sich mit dem Kleinen in ihrem Girliezimmer in der elterlichen Wohnung gemütlich gemacht und den Alltag mit Kind angeblich voll im Griff, wobei sie auf die Unterstützung ihrer Familie zählen darf, wie es hieß.

Ja, mit der Unterstützung der Familie geht halt alles. Zum Unterstützen sind Familien nämlich da. Und woraus bestehen Familien? Na ja, zum Beispiel aus einer jungen Großmutter, die gefälligst schauen soll, wie sie Beruf und Enkelbetreuung unter einen Hut kriegt. Zum Beispiel aus einem jungen Großvater, der gefälligst dazuschauen soll, dass er genug verdient, um ein weiteres Familienmitglied durchzufüttern. Zum Beispiel aus jungen Großeltern, die vergeblich auf ein bisschen mehr Freizeit und Eigenleben gehofft haben, nachdem die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. Zum Beispiel aus einer jungen Großmutter, die schon wieder Karotten püriert, Windeln entsorgt, dreckiges Geschirr wegräumt und Klamottenberge in die Waschmaschine sortiert, statt ins Kino zu gehen. Und vielleicht auch noch aus einer älteren Urgroßmutter, die einspringt, wenn die Großmutter ausfällt, und sich freuen soll, dass sie gebraucht wird.
Es müssen eben alle zusammenhelfen. Müssen sie? Wer hilft wem? Und ist es ein Zusammen-Helfen, wenn Teenagerkinder ihre Kinderwünsche auf dem Buckel der Eltern realisieren?

Das wird man doch einmal fragen dürfen! Nein, darf man nicht. Die allgemeine Sprachregelung verlangt, dass die Familien klaglos zur Verfügung stehen, wenn ein Kind sich entschließt, ein Kind zu bekommen. Und dass das eh für alle Beteiligten ein Segen ist.

Teenagerschwangerschaften sind aber, euphemistisch ausgedrückt, problematisch. Zunächst einmal für die Teenager selbst, vor allem für die Teenagermütter. Die Teenagerväter machen sich nicht selten aus dem Staub, für die jungen Mädchen hingegen heißt die frühe Mutterschaft sehr häufig: Abbruch der Ausbildung und Schwierigkeiten, sie später fortzusetzen, zu frühe Verantwortung, Überforderung, anhaltende finanzielle Engpässe. Das ist im Prinzip bekannt. Nicht bekannt scheint jedoch, dass Teenagerschwangerschaften auch die Eltern der Teenager, vor allem die Mütter und vor allem die Alleinerzieherinnen unter ihnen, enorm belasten. Zumindest wird das nie an- oder gar ausgesprochen. Gute Familien unterstützen. Familien, die es nicht schaffen, den nötigen Rückhalt zu geben, sind schlechte Familien. Und Väter oder Mütter, die öffentlich eingestehen würden, dass sie keinen Bock darauf haben, schon wieder in die Pflicht genommen zu werden, müssten mit allgemeiner Ächtung rechnen.

Aber hallo, dürfen Eltern auch einmal an sich denken? Oder haben sie, speziell Mütter, das Recht auf eine autonome Lebensgestaltung verwirkt bis ans Ende ihrer Tage?


Haben Eltern das Recht auf eine autonome Lebensgestaltung verwirkt?

Dass Teenager in Österreich häufiger schwanger werden als in vielen anderen europäischen Ländern, sollte uns nicht gefallen. Das kommt nämlich nicht von einer allgemeinen Putzi-Freundlichkeit, sondern resultiert wahrscheinlich aus mangelndem Wissen über Verhütung und aus falschen Vorstellungen über die Freuden des Vater-Mutter-Kind-Spielens. Oder vielmehr aus der irrigen Annahme, dass es sich dabei um ein Spiel handle, das man abbrechen könne, wenn es einen nicht mehr unterhält.

An einigen englischen und deutschen Schulen bekamen Halbwüchsige vor ein paar Jahren versuchsweise computergesteuerte Babypuppen ausgehändigt, die sie etliche Tage versorgen sollten. Die Babysimulatoren mussten gefüttert und gewickelt werden, wie richtige Säuglinge brüllten sie immer wieder, auch nachts, man musste sie herumtragen und ihnen liebevoll zureden. Den Teenagern wurde rasch klar, dass sich diese Aufgaben mit ihren Inter­essen und Bedürfnissen allenfalls marginal deckten.

Nein, es geht nicht darum, jungen Menschen Kinderwünsche nachhaltig auszutreiben. Aber Teenager haben in der Regel keinen Kinderwunsch, sie werden ungewollt schwanger und hoffen, dass das Baby sie schon irgendwie glücklich machen wird, oder sie werden gewollt schwanger, weil sie damit andere unerfüllte Sehnsüchte kompensieren wollen. Sie in diesen Erwartungen zu bestärken, ist verantwortungslos ihnen gegenüber und rücksichtslos ihren Eltern, insbesondere ihren Müttern gegenüber, die es letztlich ausbaden sollen, wenn den Jugendlichen das Spielen mit der lebendigen Babypuppe zu viel oder zu fad wird.

Vielleicht könnte man ja zur Abwechslung ein bisschen ehrlicher mit dem viel beschworenen Familienzusammenhalt umgehen und gelegentlich nachfragen, wer dabei zum Handkuss kommt und wie lustig das für die Betroffenen ist. Obwohl: Wer wird sich schon trauen, eine ehrliche Antwort darauf zu geben?