Elfriede Hammerl: Die Tugend der Selbstüberschätzung

Elfriede Hammerl: Die Tugend der Selbstüberschätzung

Wann haben wir angefangen, einen Hang zur Hybris als besondere Qualifikation zu sehen?

Der Bewerber, schreibt einer der Personalberater in seinem Gutachten, sei eine „smarte und kommerziell versierte Persönlichkeit, die über eine unternehmerische Grundeinstellung verfügt und bereit ist, entsprechende Verantwortung zu übernehmen“. Er propagiere einen verbindenden und kooperierenden Arbeitsstil und habe gezeigt, dass er zwischen Abteilungen koordinieren und Netzwerke aufbauen könne. Außerdem habe er Erfahrung mit „kontroversiellen Shareholder-Konstellationen“ und sei diesbezüglich stressresistent.

Allerdings sei er noch in keiner umfassenden Finanz-/CFO-Verantwortung in einem Großunternehmen tätig gewesen und habe sich nur in „eingeschränktem Umfang mit Rechnungswesen, Controlling, Treasury und IT befasst“. Sein sehr selbstbewusstes und bestimmtes Auftreten eröffne zudem die Gefahr, „blinde Flecken“ im eigenen Erfahrungsprofil „nicht ausreichend zu würdigen“. ( Zitiert nach „Training on the Job im Casinos-Vorstand“, „Der Standard“, 23.8.2019)

Was heißt das? Ich übersetze es mir so: Dem Bewerber, der Finanzvorstand eines großen Unternehmens werden möchte, fehlt es eigentlich an Kernkompetenzen für diesen Job. Rechnungswesen, Controlling, Treasury, IT – nicht so ganz seins.

Dafür ist er umtriebig und gut im Verwerten von Kontakten, und wenn die Aktionäre streiten, geht ihm das sonstwo vorbei.

Vor allem aber ist er gut darin, sich über alle Maßen gut zu finden.

Der Headhunter hat Bedenken, was die Eignung des Bewerbers für den wichtigen Posten betrifft. Sie werden jedoch nicht berücksichtigt, der Kandidat wird auf Betreiben der politischen Partei, der er angehört, inthronisiert.

Ja, gemeint sind der FPÖ-Günstling Peter Sidlo und seine Bestellung zum Finanzvorstand der Casinos Austria AG, aber worum es mir hier geht, das ist die neue Tugend der Selbstüberschätzung. Der Headhunter findet zwar, dass Sidlo es damit ein wenig übertreibt, aber grundsätzlich vermerkt er es als Pluspunkt, dass der nur partiell geeignete, jedoch smarte Bewerber über eine unternehmerische Grundeinstellung verfügt und bereit ist, entsprechende Verantwortung zu übernehmen.

Da tu ich mir mit dem Nachvollziehen schwer. Wenn sich einer zutraut, die Verantwortung für eine wichtige Aufgabe zu übernehmen, ohne in vollem Umfang über das nötige Rüstzeug dafür zu verfügen – ist das dann eine Qualifikation oder doch eher ein Symptom für eine megalomanische Persönlichkeitsstruktur? Und wann haben wir eigentlich angefangen, in einem Hang zur Hybris einen wünschenswerten Zug zum Tor zu sehen, egal wo der Ball am Ende landet?


Vielleicht ist es einem Kind ja zumutbar, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es nicht in allem der oder die Größte ist?

Soll heißen: Was ist aus der guten alten Tugend der Bescheidenheit geworden? Nicht dass sie jemals eine sichere Erfolgsgarantie gewesen ist. Natürlich wurde sie auch gepredigt, um die Kleinen nicht groß werden zu lassen, und immer schon haben Rambos gute Chancen gehabt, sich durchzusetzen. Trotzdem. Wenigstens moralisch stand den Bescheidenen eine gewisse Anerkennung zu. Mittlerweile jedoch gilt die unbegründete Selbstsicherheit fast mehr als die begründete. Sich toll zu vermarkten, ohne was Substanzielles zu bieten zu haben, das ist die wahre Kunst. Und je mehr sich diese Ansicht gesellschaftlich verfestigt, desto mehr aufgeblasene Unsympathler ziehen wir heran.

Pädagogik zwei-Punkt-null: Bestärken, bestärken, bestärken! Ja, schon, nur: worin? Darin, dass der Glaube an sich selbst Wissen und Talente ersetzt? Selbstvertrauen ist gut. Aber dieses Du-kannst-alles-wenn-du-nur-willst-aus-dir-kann-alles-werden-was-du-dir-vorstellst-Gelaber, das liebende Eltern mittlerweile gebetsmühlenartig von sich geben, nervt. Und es stimmt nicht. Aschenbrödels Schwestern haben ihre Schuhnummern zwar tapfer ignoriert, doch ruckedigu, am Ende hatten sie keine Zehen bzw. Fersen, und der Prinz war dennoch perdu. Nicht, dass es überhaupt um das Ergattern von Prinzen ginge, die Metapher will etwas anderes sagen, nämlich, dass ein wenig Realitätssinn gelegentlich nicht völlig unangebracht wäre.

Vielleicht ist es einem Kind ja zumutbar, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es nicht in allem der oder die Größte ist? Und sollte es nicht zumindest Hänschen klein halbwegs richtig singen können, ehe es darauf besteht, die Chorleiterin von der Bühne zu schubsen und ihren Platz einzunehmen?

Man muss diese Frage nicht zuletzt im Hinblick auf die langfristigen Folgen für alle stellen. Wenn wir Anmaßung und Vermessenheit weiterhin als bewunderungswürdiges Selbstbewusstsein propagieren, dann liefern wir uns endgültig der Herrschaft inkompetenter Idioten aus. Sind schon ziemlich viele am Ruder, das stimmt, aber noch können wir gesellschaftliche Richtlinien auch korrigieren.

Dass gerade die FPÖ immer wieder Führungskräfte installiert, deren Führungsanspruch auf einer waghalsigen Selbstwahrnehmung beruht, ist bekanntlich kein Zufall, gehört es doch zu ihrer Strategie, etwaigen Bildungsdefiziten einen brachialen Selbstwertanspruch entgegenzusetzen. Wer sie erneut an die Macht lassen möchte, bringt uns der Herrschaft der Inkompetenz wieder ein Stück näher.

elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com