Elfriede Hammerl: Vielleicht das Soziale

Elfriede Hammerl: Vielleicht das Soziale

Was den Erfolg alter linker Zausel ausmacht und warum er Kern den Rücken stärken sollte.

Warum haben so viele junge Leute Jeremy Corbyn und Bernie Sanders gewählt? Was macht den Reiz von zwei alten linken Zauseln für die Jugend aus? Die Frage wurde mittlerweile oft gestellt, und es gibt keine einzige Antwort darauf, aber durchaus ein paar Vermutungen dazu.

Zum Beispiel diese: Vielleicht haben viele junge Menschen ja noch ein sensibles Gespür für Recht und Unrecht und dafür, dass Ungerechtigkeit Unrecht ist?

Vielleicht haben sie ein idealistisches Bedürfnis nach einer gerechteren Welt? Vielleicht sind sie optimistischer als ihre desilliusionierten Eltern, was die Realisierung einer solchen Welt anlangt? Und ziemlich sicher haben sie noch nicht so viel zu verlieren – Posten, Beziehungen, Einfluss, Geld – wie die etablierten Älteren, falls die Gesellschaft von Grund auf umgekrempelt werden würde.

Jung sein heißt nicht automatisch, den Idealismus gepachtet zu haben, aber von jeher waren die Jungen idealismusanfälliger als das Gros derer, die an die herrschenden Zustände schon gewöhnt sind und sich mehr oder weniger gut darin eingerichtet haben.


Noch leben wir in einem halbwegs funktionierenden Wohlfahrtsstaat.

Zurzeit wird es gerade immer schwieriger, sich gut einzurichten in einer Welt stetig wachsender sozialer Gegensätze, und offenbar sehen viele der – gebildeten – Jungen in den linken Programmen der alten Zausel eine Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Warum auch nicht? Was ist falsch an den Forderungen nach kostenlosen beziehungsweise leistbaren Studienplätzen, nach einem für alle zugänglichen Gesundheitssystem, nach einer Arbeit, von deren Ertrag man gut leben kann, nach menschenwürdigen Wohnungen, deren Mieten erschwinglich sind, nach einer Altenbetreuung, die Pflegebedürftige nicht ums letzte Hemd bringt? Genauer gesagt: Was ist daran bedrohlich für die DurchschnittswählerInnen? Dass sich ihre imaginären Yachten verteuern? Dass ihr imaginäres Personal mehr imaginäres Geld kostet? Dass ihr (vergeblich) erträumter Aufstieg keiner wäre, sobald alle aufsteigen können?

Corbyn und Sanders punkteten in zwei Staaten, wo die Unterschiede zwischen Privilegierten und Nichtprivilegierten besonders krass sind. Großbritannien ist eine ausgeprägte Klassengesellschaft, die Bevölkerung ist trainiert, Distinktionsmerkmale wahrzunehmen und zu respektieren, zwischen den Kasten verlaufen sichtbare Grenzen. Aber auch in den USA geht es nicht wirklich locker zu, es gibt den Adel der Mayflower-Nachkommen, den alten Finanzadel, dessen Söhne von den Vorvätern nicht nur die Vermögen, sondern auch den Vornamen erben, der dann nach imperialem Vorbild mit einer römisch geschriebenen Ordnungszahl (George III) versehen wird, es gibt die weißen angelsächsischen Protestanten, in deren Clubs weder Schwarze noch Juden aufgenommen werden, es gibt ein Ranking der Ethnien und ein Ranking der Konfessionen. Falls der Tellerwäscher Millionär würde, wäre er gesellschaftlich noch lange nicht anerkannt, aber höchstwahrscheinlich bleibt er eh ein prekär Beschäftigter ohne Krankenversicherung.

In zahlreichen US-Serien dient der Status des Nichtversichertseins der dramaturgischen Zuspitzung. So selbstverständlich wie in der Realität hängt auch in der fiktiven Story das Überleben einzelner Personen davon ab, ob sie einen Arzt aufsuchen können oder nicht, nur dass der fiktive Kranke häufiger auf selbstloses medizinisches Personal trifft. Erstaunlicherweise haben auch diese unentwegten Hinweise der Unterhaltungsindustrie auf eine ständig präsente reale Bedrohung nicht zu einem kollektiven Aufschrei gegen das Versicherungssystem geführt, sondern eher dazu, dass die drohende Gefahr des Nichtversichertseins als ganz normal empfunden wurde. Doch das sehen zumindest die Jungen inzwischen anders.


Kurz will den Sozialstaat neoliberal zurückstutzen, verkauft das aber geschickt als Projekt im nationalen Interesse. Kerns Chance liegt darin, unbeirrt auf soziale Gerechtigkeit zu setzen.

Was das fortgeschrittene Alter von Corbyn und Sanders betrifft, so hat es anscheinend ihre Glaubwürdigkeit bestätigt. An ihren Jahresringen war ablesbar, dass sie sich und ihren Ideen schon über einen langen Zeitraum treu geblieben sind. Gerade weil sie so unprätentiös, so wenig glamourös, so aus der Zeit gefallen auftraten, wurden sie als authentisch und wahrhaftig empfunden. Dass Corbyns zweite Ehe angeblich an ideologischen Differenzen zerbrach (er wollte, heißt es, den Sohn in eine Gesamtschule mit bescheidener Reputation geben, seine Frau war dagegen), mag man für übertriebene Prinzipientreue halten, doch von einer konsequenten Haltung zeugt es allemal.

Was könnte das alles für den bevorstehenden Wahlkampf in Österreich bedeuten? Noch leben wir in einem halbwegs funktionierenden Wohlfahrtsstaat, das mag manche zu der Annahme verleiten, die soziale Agenda wäre hierzulande nicht so wichtig. Ich glaube jedoch, sie wird auch bei uns ausschlaggebend sein. Sebastian Kurz will den Sozialstaat neoliberal zurückstutzen, verkauft das aber geschickt als Projekt im nationalen Interesse. Christian Kerns Chance liegt darin, unbeirrt auf soziale Gerechtigkeit zu setzen. Das Beispiel von Corbyn und Sanders sollte ihm den Rücken stärken.