<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Wem die Hand ausrutscht

Überforderten Eltern Strafen anzudrohen heißt, nur Symptome zu bekämpfen.

Ein neuer Gesetzesentwurf will künftig Mindeststrafen für Erwachsene festlegen, die Kindern gegenüber physisch oder psychisch Gewalt anwenden, ohne dass allerdings der Tatbestand eines schweren Vergehens erfüllt wäre. Also, salopp ausgedrückt: Strafen für Watschen oder Drohungen oder Beschimpfungen (sofern sie angezeigt werden). Während es bis jetzt im richterlichen Ermessen liegt, die Strafwürdigkeit – bzw. das Ausmaß der Strafwürdigkeit – ­eines bestimmten Verhaltens zu beurteilen, soll in Zukunft eine Mindeststrafe unumgänglich sein.

Roland Miklau, renommierter österreichischer Strafrechtsexperte und langjähriger Sektionschef im Justiz­ministerium, hat kürzlich die Sinnhaftigkeit dieser Gesetzes­reform bezweifelt. Er schreibt unter anderem: „Angemessener und verhältnismäßiger Opferschutz ist das nicht, faire und wirksame Sanktionierung der Täter noch weniger. Muss doch trotz aller Ächtung jeder Form von Gewalt in der gesellschaftlichen Realität davon ausgegangen werden, dass es nach wie vor nicht wenige Erwachsene gibt, die im Umgang mit Kindern in Überforderungssituationen geraten und unangemessen bis hilflos reagieren.“1)

Wie wahr. Kinder und Jugendliche können die Duldsamkeit und die Friedfertigkeit ihrer Umgebung auf harte Proben stellen. Sie werfen sich im Supermarkt kreischend auf den Boden, wollen abends nicht schlafen gehen, nachts nicht im Bett bleiben, morgens nicht aufstehen, in der Schule nicht aufpassen. Sie sind aufsässig, widerborstig und uneinsichtig. Sie geben unhöfliche Antworten, verwandeln Wohnungen in Müllhalden, machen Krach, verweigern Mithilfe im Haushalt, glauben, dass Geld auf Bäumen wächst. Sie trödeln, wenn man’s eilig hat, und platzen vor Ungeduld, wenn sie einmal warten sollen. Sie sind Nervensägen, Berserker, Terroristen. Liebevoll und liebenswert sind sie auch, oh ja, aber eben nicht unentwegt. Manchmal könnte man sie – Nein, nicht weiterdenken. Und schon gar nicht tun, was man manchmal versucht ist zu denken, dass man könnte.

Theoretisch ist klar, was angesagt wäre: Geduld, Verständnis, Aufmerksamkeit, liebevolle Konsequenz, das umsichtige Setzen von Grenzen. Die Anwendung der Theorie in der Praxis ist schon unter günstigen Rahmenbedingungen nicht immer leicht. Selbst entspannte, nicht von Pflichten überhäufte Mütter, Väter oder sonstige Bezugspersonen müssen sich manchmal sehr zusammennehmen, um kindliche Aggressionen nicht mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Der Bauch reagiert vor dem Kopf. Wer angeschrien wird, schreit reflexartig zurück. Wer – zum Beispiel von einem trotzenden Dreijährigen – getreten wird, muss das Bedürfnis unterdrücken, in Gegenwehr um sich zu schlagen. Das geht, aber selbstverständlich ist es nicht, attackiert zu werden und gelassen zu bleiben. Je schlechter es den Erwachsenen geht, desto schwerer fällt es ihnen, sich durch kindliche Macken nicht provozieren zu lassen.

Viel zu viel Arbeit, nicht wissen, wo einem der Kopf steht, Geldsorgen und dann noch ein Kind, das schon wieder vor dem Fernseher lungert, statt endlich seine Aufgaben zu machen – das ist keine Situation, in der man die Nerven hat, ein ruhiges Gespräch zu beginnen und erneut – vermutlich fruchtlos – an die Einsicht des lieben Sprösslings zu appellieren.

Nein, das wird kein Plädoyer für die gsunde Watschen. Gewalt ist abzulehnen, aber leider ist es weder mit ihrer Ablehnung noch mit bloßer Kriminalisierung getan. Überforderte Erwachsene schlagen ja nicht hin, weil die Absenz von Mindeststrafen sie dazu ermuntert, sondern weil sie sich im Moment des Hinschlagens nicht anders zu helfen wissen. Wer verhindern möchte, dass sie hinschlagen, muss versuchen, ihnen Hilfestellung zu geben.

Immer wieder staune ich, was für Maßstäbe die Lokalberichterstattung der Medien an welche Lebensrealitäten legt. Da herrscht Verwunderung, weil eine Mutter, die ab fünf Uhr Früh als Putzfrau in Bürohäusern arbeitet, nicht mitbekommen hat, dass ihr Sohn die Schule schwänzt, oder weil eine andere, des Deutschen kaum mächtig, auf die schriftlichen Nachrichten der Klassenlehrerin nicht reagiert hat oder weil sich die Familien abends nicht um liebevoll gedeckte Esstische versammeln – als würde die viel zitierte Supermarktkassierin infolge ­purer Desorganisation die Waschmaschine vollstopfen, statt mit ihren Kindern vor dampfenden Suppentellern zu plaudern. Hinter der Annahme, dass Strafandrohungen überforderten, überlasteten, vielleicht auch schlicht unfähigen Eltern Geduld, Gelassenheit und Kompetenz abringen können, steht dieselbe Haltung: Es werden Symptome an­ge­prangert statt Ursachen erforscht.

Natürlich findet sich erzieherische Inkompetenz nicht nur in den „sozial schwachen“ Schichten. Aber es sind Menschen aus diesem Milieu, die öfter auffällig werden. Die anderen können ihre Schwächen nicht nur besser camouflieren, sie haben zudem mehr Möglichkeiten, auch einmal – zur Nervenschonung – Aufgaben zu delegieren.

Weswegen im schlimmsten Fall so was wie eine Klassen­justiz droht. Die Hilfsarbeiterin, die ihrem Schulschwänzersohn eine runterhaut, kriegt eine Mindeststrafe. Die Oberschichteltern, die ihr Kind mit permanentem Leistungsdruck domptieren, sind sakrosankt.

elfriede.hammerl@profil.at

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