Elfriede Hammerl: Wen wählen Sie?

Elfriede Hammerl: Wen wählen Sie?

Über Geheimnisträger und eine spendable Krankenkasse.

1. Georg Niedermühlbichler sagt es uns. Peter McDonald sagt es uns nicht. Georg Kapsch sagt es auch nicht. Und Erwin Hameseder hält sich ebenfalls bedeckt. Vier Interviews mit vier wichtigen Männern (zu lesen Ende Juli in profil und „Die Presse“), in denen die Frage, wen der Betreffende in der Stichwahl zum Bundespräsidenten wählen werde, drei Mal unbeantwortet blieb. Während sich Niedermühlbichler, Bundesgeschäftsführer der SPÖ, als Van-der-Bellen-Wähler outete, beriefen sich ÖVP-Generalsekretär McDonald, IV-Präsident Kapsch und Raiffeisen-Holding-Chef Hameseder aufs Wahlgeheimnis.

Das ist ihr gutes Recht. Niemand muss sich deklarieren. Und gut, dass es das Wahlgeheimnis gibt, das WählerInnen vor Einschüchterung und Repressalien schützt!

Der Hinweis, dass keiner der Genannten sich vor Einschüchterung fürchten muss, zählt nicht, weil das Wahlgeheimnis ohne Wenn und Aber in Anspruch genommen werden darf, und auch das ist gut so.

Andererseits … Was spricht dagegen, dass eine sogenannte Führungspersönlichkeit, die einen Anspruch auf Gesellschaftsgestaltung erhebt, kundtut, für wen sie sich bei einer wichtigen, wahrscheinlich Weichen stellenden Wahl entscheidet?

Ob Alexander Van der Bellen oder Norbert Hofer, das sagt ja etwas aus über die politischen (Zukunfts-)Vorstellungen des Wählenden. Van der Bellen oder Hofer, das ist ja nicht nur eine Frage der persönlichen Sympathie, sondern auch ein Bekenntnis zu dem, wofür der jeweilige Kandidat mit seinem Amtsverständnis und seinen Ansichten zur Positionierung Österreichs in Europa und in der Welt (nicht) steht. Und da ist es doch ein wenig irritierend, wenn der Generalsekretär einer großen Partei seine diesbezügliche Präferenz geheimhält, als ginge es um private Gefühle und nicht um eine politische Stellungnahme.


Bei SängerInnen, SportlerInnen oder SpitzenköchInnen interessiert ihre politische Haltung auch eher nur am Rande; wo sie politisch stehen, hat auf ihre Leistung keinen unmittelbaren Einfluss.

Das ist ein bisschen so, als sagte er auf die Frage, ob er für oder gegen Studiengebühren, für oder gegen ein Milizheer, für oder gegen die EU sei: Das geht niemanden was an, das möchte ich für mich behalten.

Müssen sich also Personen des öffentlichen Lebens vor Wahlen deklarieren? Nein, müssen sie natürlich nicht. Bei SängerInnen, SportlerInnen oder SpitzenköchInnen interessiert ihre politische Haltung auch eher nur am Rande; wo sie politisch stehen, hat auf ihre Leistung keinen unmittelbaren Einfluss. Die politischen Standpunkte von Menschen, die auf – in letzter Konsequenz politische – Leadership pochen, sind hingegen von großer Bedeutung. Das Wahlgeheimnis gilt selbstverständlich auch für sie, niemand soll sie zwingen dürfen, sich zu deklarieren. Genauso wenig kann freilich unsereins gezwungen werden, es gut zu finden, wenn sich so einer um eine Stellungnahme drückt.

(Ich erhebe zwar keinen Anspruch auf Leadership irgendeiner Art, stehe aber nicht an, mich zu outen: Ich werde Alexander Van der Bellen wählen. Ein Kandidat wie Hofer, der mich als Präsident aus der EU entfernen möchte, wenn die nicht nach seinen Vorgaben spurt, ist mir unheimlich.)

2. Meine Krankenversicherung, die SVA, möchte, dass ich gesund bleibe. Das möchte ich auch, jedoch mehr aus Eigennutz, während die SVA vermeiden will, dass ich unnötig Kosten verursache.


Die SVA nimmt mir Geld weg, um Wellnesshotels privater Anbieter zu sponsern.

Um mich darauf hinzuweisen, dass nix umsonst ist (außer dem Tod, der aber bekanntlich das Leben kostet), schickt sie mir in regelmäßigen Abständen mein Gesundheitskonto. Darin ist aufgelistet, welche medizinischen Leistungen ich schon wieder in Anspruch genommen habe. Und damit ich in Zukunft billiger komme, werde ich aufgefordert, aktiv an meiner Fitness zu arbeiten, indem ich bestimmte Wellnesseinrichtungen besuche.

Meine Krankenkassa bietet mir sogar an, solche Besuche mit einem Beitrag von 100 Euro zu unterstützen. Sie kann sich diese Großzügigkeit leisten, denn für jeden Arztbesuch verrechnet sie mir einen Selbstbehalt. Das heißt, sie nimmt mir Geld weg, um damit Wellnesshotels oder No-Smoking-Camps oder Nordic-Walking-Seminare privater Anbieter zu sponsern.

Ich fasse ihre Angebote als Drohung auf und frage mich bang, ob sie mich demnächst vor die Wahl stellen wird, entweder ordentlich Kohle (aber immerhin um einen Hunderter reduziert!) in Dschungel-, pardon: Wellness-Camps zu lassen oder strafweise saftig erhöhte Beiträge zu zahlen, wenn ich mich weiterhin weigere, Qigong-Kurse o. ä. zu buchen.

Meine Bangigkeit ist insofern nicht bloß mein persönliches Problem, als der SVA Modellcharakter nachgesagt wird. Sie gilt mit ihrem Verrechnungs- und Belohnungssystem (zehn Prozent Selbstbehalt für die Gesunden, 20 Prozent für die Dicken mit dem Bluthochdruck) inzwischen als richtungsweisend, was die Zukunft der Krankenversicherungen betrifft.

Ein solidarisches Sicherheitsnetz, das war einmal. Wir sind auf dem besten Weg, jedwedes Risiko wieder zu privatisieren. Und damit das nicht gar so gemein klingt, behaupten wir, jedes Risiko wäre individuell beherrschbar.

Von mir aus soll die Krankenkasse Raucherentwöhnungsprogramme anbieten. Aber dass sie Anbieter sponsert, die ein Geschäft daraus machen, das geht der braven Selbstbehaltablegerin gegen den Strich.