Elfriede Hammerl: Wer warum regiert

Elfriede Hammerl: Wer warum regiert

Oder: Überall der Quotenwahnsinn – schon jeder zweite Mensch ist eine Frau.

Wie kommt es, dass sich in Oberösterreich ungeniert eine Landesregierung zusammenfindet, die aus lauter Männern besteht, nachdem sie die einzige noch im Rennen befindliche Frau per Kampfabstimmung abgeschossen haben? Wie kommt es, dass die Empörung darüber zwar mediale Wellen schlägt, den Verantwortlichen aber ganz offensichtlich total fäkalegal ist? Und warum dominieren im Internet als Reaktion darauf Postings, in denen die abgeschossene Landesrätin im Speziellen und Politikerinnen generell als inkompetent und unnötig geschmäht werden?

Das kommt daher, dass viele Menschen hierzulande eine selbstverständliche Repräsentanz von Frauen in halbwegs wichtigen Gremien, Positionen und Berufsfeldern anscheinend nicht als selbstverständlich empfinden.

Warum sonst berichten die Medien wie über eine Machtübernahme, wenn Frauen ein Stück weit in Männerdomänen vordringen? Warum zum Beispiel wird mittlerweile eine Feminisierung der Medizin, eine Verweiblichung der Justiz behauptet? Ich wurde bereits mehrfach eingeladen, über diesen angeblichen – und als bedrohlich empfundenen – Vormarsch der Frauen zu referieren. Wer sich jedoch die entsprechenden Zahlen anschaut, sieht, dass von der suggerierten Ablöse der Männer nicht die Rede sein kann. Beispiel Justiz: Die höchsten Positionen – vom Minister über den Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, den Leiter der Generalprokuratur und seine Stellvertreter bis zu den Präsidenten der Oberlandesgerichte – sind mehrheitlich mit Männern besetzt. Der Frauenanteil in den höheren Ebenen kommt, grob gesagt, über 30 Prozent selten und über 40 Prozent nie hinaus. Einen leichten Frauenüberhang gibt es lediglich bei den RichterInnen (55 Prozent) und den StaatsanwältInnen (54 Prozent).

Beispiel Medizin: 90 Prozent der Primariate werden von Männern gehalten, zwei Drittel der Fachärzte sind ebenfalls Männer. Nur bei den AllgemeinmedizinerInnen ist das Zahlenverhältnis einigermaßen ausgewogen, hier liegt der Frauenanteil bei 52 Prozent. Die Ärztekammer drückt das auf Anfrage allerdings anders aus: Es zeichne sich eine Feminisierung der Medizin ab, bereits jeder dritte Facharzt und mehr als jeder zweite Allgemeinmediziner sei weiblich.
Wow, Quotenwahnsinn: Jeder zweite Mensch ist eine Frau! Die österreichische Bevölkerung – feminisiert. Oder ist eine Gruppe, die etwa zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern besteht, doch keine verweiblichte Gruppe? Tatsächlich spiegeln die genannten Zahlen gerade einmal die demografische Normalität wider. Aber in Sachen Feminisierung schlagen die Warnsysteme früh an. Empfindliche Sensoren messen jede Erschütterung von jedem Frauenschritt auf bislang männliches Territorium. Hilfe, eine Frau! Und noch eine! Wohin soll das führen?


Politische Körperschaften spiegeln die gesellschaftliche Realität wider.

Hingegen wird eine Frauenquote von null Prozent – sobald es um halbwegs erstrebenswerte Positionen geht – als nicht weiter ungewöhnlich angesehen. Zur Begründung dann häufig das blöde Argument, es komme doch nicht auf das Geschlecht, sondern auf die Qualifikation an. Jetzt im Ernst: Kann man wirklich glauben, eine 100-prozentige Männerquote komme dadurch zustande, dass Männer zu 100 Prozent qualifizierter sind als Frauen? Oder, anders gefragt: Wie unterbelichtet muss einer sein, der Frauen samt und sonders für unterbelichtet hält?

In politische Ämter gehören ausreichend Frauen, nicht, weil sie bessere PolitikerInnen sind, nicht, weil nur sie Frauenanliegen vertreten können, nicht, weil sie das politische Geschäft weicher, gefühlvoller, weiblicher betreiben sollen, sondern einfach, weil sie die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und das Recht haben, die Gesellschaft, in der sie
leben, mitzugestalten. Sie brauchen dafür keine Extraerlaubnis, es bedarf dazu keiner eigenen Erklärung, sie müssen nicht doppelt so kompetent und drei Mal so fleißig sein wie ihre männlichen Kollegen, weil sie sich nämlich nicht als Ausnahmeerscheinung qualifizieren müssen und keine Ausnahmegenehmigung benötigen, um ganz normal mitmischen zu dürfen, wenn sie mitmischen wollen.

Politische Körperschaften spiegeln die gesellschaftliche Realität wider. Eine Landesregierung ohne Frauen bildet ein Land ab, in dem Frauen nichts zu melden haben. Sich dazu und noch dazu ohne Scham zu bekennen, ist eine Schande.
Im sogenannten Arbeitsübereinkommen von ÖVP und FPÖ in Oberösterreich heißt es übrigens: „Intolerantes Verhalten gegenüber unserer Lebensart und Kultur, der Gleichstellung von Mann und Frau und gegenüber der in Österreich gelebten Religions- und Meinungsfreiheit ist inakzeptabel. (…) Mangelnder Respekt bis hin zur Herabwürdigung von Frauen, vor allem in Bezug auf deren berufliche Position (…), kann nicht toleriert werden.“

Ganz recht! Und wenn’s die Zugewanderten nicht kapieren, dann brauchen sie sich nur die frauenlose Landesregierung anzuschauen, um zu sehen, was Gleichstellung nach unserer Lebensart bedeutet, wie man Frauen würdigt und wie man sie in ihrer Funktion als Politikerinnen respektiert. Satire? Leider nein.