Elfriede Hammerl: „Wer zweimal mit derselben pennt …“

Elfriede Hammerl: „Wer zweimal mit derselben pennt …“

Warum wir nicht gleich aufgeschrien haben. Und wie wir geglaubt haben, die sexuelle Befreiung gilt auch für Frauen.

Neulich, unter Menschen: Einer in unserer bunt zusammengewürfelten Runde beginnt plötzlich, ein Loblied auf seine Generation zu singen, die zufällig auch meine ist. Wir haben uns halt noch was getraut!, trompetet er und beendet die anschließende Schilderung seiner angeblich revolutionären Jugend mit dem Zitieren der 68er-Parole „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“

Ja, so war das damals.

Und warum haben wir Frauen diesen sexistischen Spruch den damaligen Machos nicht sofort in den Hals zurückgestopft?

Weil wir geglaubt haben, er wäre geschlechtsneutral gemeint. Weil wir gedacht haben, die sexuelle Befreiung würde auch für uns gelten. Während die Männer sich vom gesellschaftlichen Zwang zur Monogamie befreien wollten, indem sie Sexualpartnerinnen zum Gebrauchsgegenstand erklärten, der nach einmaliger Benützung zu wechseln sei, blieb uns die Rolle des Objekts. Aber das haben wir nicht alle gleich begriffen.

Auch wir sehnten uns nach Befreiung von spießigen Anstandsregeln. Wir sehnten uns nicht nach zwanghaft wahlloser Promiskuität, aber nach Selbstbestimmung. Wir wollten Sex mit frei gewählten Partnern zum Zeitpunkt und für den Zeitraum unserer Wahl. Wir wollten uns nicht aufsparen sollen für den einen. Wir wollten nicht auf unseren Ruf achten müssen. Wir wollten Lust haben dürfen, mit oder ohne große Liebe. Wir wollten begehren und begehrt werden ohne Heimlichtuerei. Wir waren es leid, über unser Sexualverhalten kontrolliert und bewertet zu werden. Wir dachten, wir könnten es halten wie die Männer, denen ja immer schon sexuelles Experimentieren zugestanden wurde, ohne dass es ihr Ansehen oder ihre Chancen auf dem Partnerschaftsmarkt gemindert hat.

Die jungen Machos von damals hingegen wollten den Partnerschaftsmarkt beherrschen und nach ihren Spielregeln neu gestalten. Das war in ihren Augen der Fortschritt: eine Ablöse der alten Spießer durch neue Wilde. An ein Mitgestalten der Spielregeln durch Frauen war nicht gedacht.

Nicht alle Frauen sind auf diese Form der angeblichen Befreiung hineingefallen, bald gab es grimmigen Widerspruch durch Emanzengruppen, aber der Anspruch auf ein freies Sexualleben setzte sich auch bei denen durch, die (frauen-)politisch nicht aktiv wurden.


Mittlerweile sind wir aufgewacht. Wir haben angefangen, uns gegen den Missbrauch des Begriffs Befreiung zu wehren.

Die alten Anstandsregeln, die Frauen klinisch saubere Zurückhaltung und verbale Zimperlichkeit im Umgang mit Männern diktierten, standen diesem Anspruch entgegen. Also gefielen wir uns in lockeren Sprüchen und in lässiger Duldung lockerer Annäherungsversuche. Bloß nicht zickig sein, wir waren schließlich keine verklemmten Jungfern von anno dazumal, sondern selbstbewusste Vertreterinnen einer neuen Zeit! Wir fürchteten, durch säuerliche Reaktionen auf Macho-Witze einen gesellschaftlichen Umgangston heraufzubeschwören, den wir nicht wiederhaben wollten. Wir waren stolz darauf, den männlichen Sprücheklopfern auf Augenhöhe Paroli zu bieten und in Männerrunden durch vorgebliches Abgebrühtsein zu bestehen. Weil, siehe oben: nur keine Rückkehr in biedere, bornierte, engstirnige Zeiten!

Aber früher oder später zeigte sich: Die Augenhöhe war eine Illusion. Maulhurerei rettete nicht vor grundsätzlicher, tief in alten Rollenmustern verankerter Geringschätzung, und eine, die auf plumpes Anbaggern lässig, aber nicht willig reagierte, wurde zur verklemmten Zicke erklärt, da half kein noch so abgebrühter Schmäh. Reagierte sie jedoch willig, egal ob aus Lust auf Sex, aus Tschapperlhaftigkeit oder gar aus Berechnung, brachte ihr das auch keine Lorbeeren ein. Die jungen Wilden hatten wie die alten Spießer die Tendenz, sich für leichtes Erobern mit einer abfälligen Nachred’ zu bedanken.

Mittlerweile sind wir aufgewacht. Wir haben angefangen, uns gegen den Missbrauch des Begriffs Befreiung zu wehren. Wovon wir uns befreien wollen und wann wir uns befreit fühlen, bestimmen wir selber. Wir sind sensibel geworden gegenüber verbaler Abwertung und trauen uns, sie übel zu nehmen, statt uns einreden zu lassen, die Alternative wäre frömmelnde Prüderie. Wir lassen sexuelle Übergriffe nicht mehr als Ausdruck schmeichelhaften Begehrens durchgehen.

Das Wir in diesen Sätzen ist freilich ein leichter Euphemismus, weil es immer noch – oder schon wieder – Frauen gibt, die in der Bekämpfung sexistischer Machtansprüche einen Kampf gegen sexuelle Freuden sehen. Wie das Amen im Gebet tauchen in der MeToo-Debatte Kommentare und Warnungen mehr oder weniger prominenter Geschlechtsgenossinnen auf, die behaupten, dass wir auf eine sexualfeindliche, freudlose, männerfeindliche Gesellschaft zusteuern. Ich nehme einmal an, dass es ihnen nicht nur darum geht, durch Widerspruch Aufmerksamkeit zu erregen, sondern dass sie immer noch – oder schon wieder – glauben, die Ächtung von plumpem Anbaggern führe zu einem Revival viktorianischer Lustfeindlichkeit. Es wäre schön, könnte dieses Missverständnis endlich aus der Welt geschafft werden. Sexismus hat mit einem erfreulichen Sexualleben so viel zu tun wie ein Schlag auf den Schädel mit erholsamen Träumen.

elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com