Elfriede Hammerl: Zeitvertreib

Elfriede Hammerl: Zeitvertreib

Was tun Studentinnen, wenn sie Geld brauchen? Sie werden Escortgirls. Oder doch nicht?

SIE und ER, Zeitungen lesend.

ER: Soll ich dir diesen neuen Roman schenken, der überall so gut besprochen wird? „Irrrungen, Wirrungen“. Nein, „Trennungen, Verbrennungen“.
SIE: Nein, sollst du nicht.
ER: Warum nicht?
SIE: Ich lese keine Bücher über Studentinnen, die sich ihr Geld als Escortgirls verdienen.
ER: Warum nicht?
SIE: Eine Männerfantasie. Das Mädchen, das aus erotischer Abentuerlust seinen schönen jungen Körper betuchten
alten Knackern zur Verfügung stellt.
ER: Oder um sich das Studium zu finanzieren.
SIE: Bei uns gibt es Stipendien. Und moderate Studiengebühren, wenn überhaupt.
ER: Das spricht dann dafür, dass es doch um erotische Abentuerlust geht.
SIE: Nein, das spricht dafür, dass die studierende Edelnutte eine Kopfgeburt sabbernder Zausel ist.

ER: Was soll dieses Hinhauen auf ältere Männer?
SIE: Nicht generell. Nur auf solche, die von willigen Escortgirls träumen.
ER: Du wirst doch nicht leugnen, dass es so was gibt?
SIE: Prostitution schaut anders aus.
ER: Das ist eben eine Spielart von Prostitution.
SIE: Ach was. Prostitution heißt Ausbeutung und Menschenhandel.
ER: Damit machst du es dir zu einfach.
SIE: Nein, du machst es dir einfach. Du fantasierst dir eine privilegierte junge Frau zurecht, die für selbstbestimmtes Vögeln viel Kohle kassiert, und glaubst, diese Kunstfigur ist repräsentativ. Du reduzierst das Problem Prostitution auf eine Wunschvorstellung. Damit bist du nicht allein, das gebe ich zu. Irma la Douce, Pretty Woman, Belle de Jour, Jung & Schön (dieser Film, der in Cannes sogar für die Goldene Palme nominiert war) – immer wieder diese romantisierenden Lügengeschichten. Warum muss es übrigens eine Studentin sein?

ER: Irma la Douce ist keine Studentin.
SIE: Nein, aber in der neueren Zeit nehmen die angeblichen Studentinnen überhand. Hier, Netflix empfiehlt mir eine Serie, „Bonding“ heißt sie, und worum geht es? Um eine New Yorker Studentin, die sich nebenbei als Domina verdingt.
ER: Na und?
SIE: Der anspruchsvolle Kunde legt Wert auf akademische Konversation, während er vor der Domina zu Kreuze kriecht?
ER: Du klingst so moralinsauer.
SIE: Sauer genügt. Jeden Morgen fahre ich an diesem Laufhaus vorbei. Ein schäbiger Bau an einer schäbigen Hauptverkehrsstraße. Wirbt mit Frauenbenützung zu Dumpingpreisen. Und dann kommst du mir mit schicken Studentinnen, für die Prostitution ein lässiger Zeitvertreib ist?
ER: Oder ein Job wie jeder andere.
SIE: Ist sie das? Sex ist Intimität. Kann Intimität verkauft werden, ohne dass Persönlichkeitsrechte über den Ladentisch gehen?

ER: Habe ich was verpasst? Steht gerade wieder eine Grundsatzdiskussion über Sexarbeit auf der allgemeinen Agenda?
SIE: Eben nicht. Stattdessen wird so nebenbei ein Bild etabliert, das uns die Prostitution als unproblematische Zerstreuung der studierenden weiblichen Jugend verkauft. Und ich frage mich, was Männer an dieser Vorstellung reizt.
ER: Liegt das nicht auf der Hand?
SIE: Dass sie sich mit Klassefrauen paaren möchten, liegt auf der Hand. Aber nicht, dass sie dafür zahlen wollen.
ER: Vielleicht können sie sich nicht vorstellen, dass sie an Klassefrauen ohne Bezahlung herankommen?
SIE: Ach, in der Fantasie hält sich doch jeder für unwiderstehlich.
ER: Wie erklärst du es dir dann?
SIE: Ich denke, es hat was mit Kleinkriegen zu tun. Mit der Idee, dass auch in der scheinbar überlegenen Frau eine Unterlegene steckt, die man gegen Geld dazu bringen kann, dass sie macht, was man ihr anschafft.
ER: Du meinst, nicht die Domina demütigt den Kunden, sondern der Kunde die Domina?
SIE: Ja, schon. Aber ich rede jetzt nicht von der Realität. Sondern von dem, was Kunst und Kommerz so zusammenfantasieren über angeblich souveräne Frauen, die nichts lieber tun, als für sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung zu stehen.

ER: Du sagst immer Dienstleistungen. Gibt es Frauen nicht auch ein Gefühl der Macht, wenn sie begehrt werden?
SIE: Die sexuelle Dienstleisterin wird nicht als unverwechselbares Individuum begehrt, sie wird auf ihre Geschlechtsteile reduziert, für deren Gebrauch gezahlt wird.
ER: Ja, und? Wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind?
SIE: Die Frage ist, was dem Einverständnis zugrunde liegt. Sex gegen Geld gibt es vor allem dann, wenn die einen das Geld haben und die anderen nicht viel zu verkaufen. Oder, von mir aus, im Fall der Nobelhure, nichts, was sich lukrativer verscherbeln ließe. Das System käuflicher Sex basiert auf einem ökonomischen Gefälle zwischen Anbieterin, freiwillig oder nicht, und Kunden. In manchen Ländern auch zwischen Kundin und Anbieter. Je tiefer der Status der Anbieterin, finanziell und sozial, desto größer die Gefahr von Zwang und Ausbeutung.
ER: Du glaubst, mehr Verteilungsgerechtigkeit würde die Prostitution abschaffen?
SIE: Sie würde sie zumindest sehr stark reduzieren.
ER: Und wie kommt es, dass Pretty Woman weltweit als romantisches Märchen gilt?
SIE: Das frage ich mich auch.

elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com