Elfriede Hammerl: Zwangsjacke

Elfriede Hammerl: Zwangsjacke

Margot ist ausgerutscht. Kann jeder passieren. Aber hallo! Margot ist 78!

Das neue Jahr hat für Margot eher blöd begonnen, weil sie in der Dusche ausgerutscht ist, gegen eine Kante knallte und sich zwei Rippen prellte. Das hätte jeder passieren können, aber Margot ist 78, und alles, was ihr passiert, wird von ihren Kindern mittlerweile daraufhin untersucht, ob es ihr passiert, weil sie 78 ist, und das Ergebnis ist immer das gleiche: Ihre Kinder kommen zu dem Schluss, dass Margot zu alt ist.

Zu alt zum Duschen? Nein, aber vielleicht zu alt, um allein zu duschen. Oder zu alt, um allein aus der Dusche zu steigen. Und auf jeden Fall zu alt, um nach dem Duschen ein fetziges Outfit überzustreifen und auszugehen.

Deswegen wird Margot es den Kindern verheimlichen, dass sie sich die Rippen geprellt hat. Zu viel erwartbares Gezeter. Die Kinder würden versuchen, sie unter Hausarrest zu stellen. Wieder einmal. Margots Kinder sind sehr besorgt. Deswegen beobachten sie akribisch, ob Margot Anzeichen von Altersschwäche und/oder Demenz zeigt. Sie haben Angst. Angst um Margot und Angst davor, dass Pflege auf sie zukommt.



Zwei Tage mit den Enkeln sind ihr anscheinend schon zu viel, wie gibt’s denn so was?

Wer suchet, der findet. Margots Kinder finden Anzeichen von Altersschwäche und Demenz bei Margot, weil sie entschlossen sind, jede Schwäche und jede Vergesslichkeit auf die Goldwaage zu legen und im Sinne ihrer Befürchtungen zu interpretieren. Sie tun das, wie gesagt, nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Besorgnis, aber letzten Endes wollen sie, dass Margot kein Risiko eingeht.

Margot soll nicht auf Leitern steigen. Margot soll abends daheim bleiben. Margot soll nicht mehr Auto fahren. Margot soll keinen Wein trinken.

Margot trinkt Wein, fährt Auto (natürlich nicht eins unmittelbar nach dem anderen), geht abends weg und klettert auf Leitern, beim Putzen oder um Bettwäsche aus dem Kasten zu holen. Das hat sie ein Erwachsenenleben lang getan, aber auf einmal ist ihr Verhalten pathologisch, zumindest nach Ansicht ihrer Kinder. Sie klettert jetzt auf Leitern aus greisenhafter Uneinsichtigkeit, finden ihre Kinder, ohne ihr jedoch sagen zu können, wie sie sonst putzen oder an ihre Bettwäsche kommen soll.

Margot leugnet nicht, dass ihr manches schwerer fällt als früher. Sie hat Probleme beim Öffnen von Schraubverschlüssen (Rhizarthrose!), kommt aus der Hocke vor dem Backrohr nur mit Mühe hoch und schafft es kaum, die jüngste Enkeltochter aus dem Babystuhl zu stemmen. Seltsamerweise können ihre Kinder darin keine natürlichen Folgen von altersbedingtem Verschleiß erkennen. Sie meinen vielmehr, dass Margot sich gehen lässt, und argwöhnen, hinter ihrer Unfähigkeit, das Gurkenglas ohne Drehhilfe zu öffnen, stehe ein Appell. Margot will, denken sie, mit dieser vorgeblichen Unfähigkeit ihre Umgebung dazu bringen, ihr lästige Tätigkeiten abzunehmen.

Wenn Margots Kinder ihre Kinder nach einem Wochenende bei der Oma abholen und Margot schaut fix und foxi aus, dann erblicken die Kinder darin einen latenten Vorwurf, den sie nicht auf sich sitzen lassen wollen. Stattdessen drehen sie den Spieß um und seufzen ihrerseits vorwurfsvoll: Zwei Tage mit den Enkeln sind ihr anscheinend schon zu viel, wie gibt’s denn so was?

Insgesamt läuft es darauf hinaus, dass die Kinder Margots Älterwerden einerseits verdrängen, andererseits aber um das Wissen darum nicht herumkommen. Für Margot bedeutet das: Wenn sie behauptet, dass es ihr zu viel ist, die ganze Familie an Feiertagen zu bekochen, dann darf sie auch nicht darauf bestehen, Auto zu fahren oder sich die Nacht bei einer Marathon-Theateraufführung um die Ohren zu schlagen.

Nicht sie soll bestimmen, was sie kann und will oder nicht kann und nicht will, ihre Kinder fühlen sich aufgerufen, ihr diese Entscheidungen abzunehmen. Schließlich ist sie 78.
Lasst mich in Frieden, Herrgott, sagt Margot, aber ihre Kinder kontern: Und wenn was ist mit dir? Dann sind wir dran.

Ihre Kinder wollen nicht dran sein. Deshalb soll sie sich in Vorsichtsmaßnahmen fügen. Auch Margot will nicht, dass ihre Kinder drankommen, sie glaubt nur nicht, dass Vorsichtsmaßnahmen eine Sicherheitsgarantie sind. Ihr müsst mich nicht pflegen, sagt sie, aber das ist leicht dahingesagt. Was sollen die Kinder denn tun im Ernstfall? Sie im Stich lassen?

Um den Ernstfall zu verhindern, rufen die Kinder präventiv ständig die Vorstufe zum Ernstfall aus. Gern würden sie Margot an einem sicheren Ort verwahren, wo ihr der Gebrauch von Leitern untersagt wäre, nicht jedoch das Bekochen von Enkeln.

Zu dumm, dass es diesen Ort nicht gibt. So spielt Margot weiterhin täglich mit dem Feuer, indem sie aus dem Haus geht, die U-Bahn benützt, mit Menschen zusammentrifft oder scharf gewürzte Speisen zu sich nimmt, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen, obwohl sie doch wissen müsste, dass jegliche Konsequenz in ihrem Alter der Preis für verantwortungslosen Leichtsinn ist.

Was hast du, du atmest so komisch, fragt Margots Schwiegertochter. Sie ist eine scharfe Beobachterin. Nichts, gar nichts, versichert Margot und unterdrückt ein Wimmern, zu dem ihre stechenden Rippen sie zwingen wollen. Ganz bestimmt lässt sie sich nicht zu schonendem Sticken verdonnern, statt zur Demo zu gehen.