<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Manche mögen’s heiß

Erderwärmung - <small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Manche mögen’s heiß

Die allgemeine Angst vor der Klimakatastrophe schwindet – und das ist gar nicht so unvernünftig.

Und was wurde aus der Erderwärmung? Sterbende Gletscher, einsam auf einer Scholle treibende Eisbären, im Meer versinkende Inseln und vorrückende Wüsten finden nur noch selten ihren Weg auf die ersten Seiten der Gazetten und in die Primetime-Sendungen. Über internationale Klimakonferenzen wird meist nur noch kursorisch berichtet, weil ohnehin niemand mehr glaubt, dass man sich dort auf etwas Sinnvolles einigt. Und die breite Masse hat den Glauben an den drohenden Hitzetod verloren.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Erderwärmung findet statt, sie ist zu einem nicht geringen Teil menschengemacht, und ihr gezielt entgegenzuwirken, stellt eine der großen Herausforderung unserer Zeit dar. Und natürlich fürchten sich nach wie vor die Menschen vor den Auswirkungen des Klimawandels. Aber in den meisten Ländern hat die Erderwärmung den Spitzenplatz bei den Zukunftsängsten verloren: Sie wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem islamistischen Terror überholt. Das ergibt eine vergangenes Jahr vom PEW Research Center in 39 Ländern durchgeführte Studie: „Dass der Klimawandel ein ‚sehr ernstes Problem‘ darstellt, meinen jetzt weniger Menschen als in all den 20 Jahren, seit es Umfragen zu diesem Thema gibt“, sagt einer der Verfasser der Studie.

Woher kommt dieser Meinungsumschwung? Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass sich apokalyptische Erwartungen irgendwann einmal erschöpfen. Die Behauptung, dass es fünf vor zwölf sei, kann nicht ewig aufrechterhalten werden. Vor allem dann, wenn der Abgrund, auf den wir angeblich in rasender Geschwindigkeit zusteuern, sich zu entfernen scheint: Die Klimaforscher müssen zugeben, dass die durchschnittliche Temperatur in den vergangenen 13 Jahren im Großen und Ganzen stabil geblieben ist, die Erd-erwärmung eine Pause macht. Und niemand weiß, woher diese Pause kommt und wie lange sie noch dauern wird.

Öko-Aktivisten interpretieren die veränderte Einstellung der Menschen als Vormarsch der Irrationalität. Die Öffentlichkeit sei „nicht mehr von Logik und Vernunft geleitet“, klagt Al Gore, Amerikas ehemaliger Vize-Präsident und Umwelt-Guru. Die Climate Change Advisory Group der UN glaubt, dass die Menschen „mit Trauer und Wut“ auf die Ankündigung reagieren, dass Wirtschaft und persönlicher Lebensstandard nicht ewig wachsen können. Apathie sei die Folge. Und der führende britische Umwelt-Publizist Leo Hickman sieht, dass der „Widerstand der Menschen gegen die Perspektive, den eigenen Lebensstil ändern zu müssen“, wächst.

Das stimmt sicherlich. Bleibt nur die Frage, ob das wirklich so irrational ist. Offenbar gehen den Leuten die Umweltlobbyisten mit ihrem Moralisieren auf die Nerven. Die Bürger sind immer weniger dazu bereit, sich darüber belehren zu lassen, was der richtige Lebensvollzug ist. Sie wollen sich nicht sündhaft fühlen, wenn sie Früchte aus entfernten Weltregionen verspeisen, sich ins Auto setzen, im Urlaub in südliche Gefilde düsen und im Winter die Heizung ordentlich aufdrehen. Die Verzichtsapelle sind ihnen suspekt. Die Wachstumsfeindlichkeit, die da meist mitschwingt, erscheint gerade in Krisenzeiten – in denen so offensichtlich nur Wirtschaftswachstum (und nicht Verzicht und Sparen) aus der Misere herausführen kann – weltfremd und lebensfeindlich.

„Die Menschen“, polemisiert der Umwelt-Blogger ­Brendan O’Neill im britischen „Telegraph“, „sehen die böswillige, ­Opfer fordernde grün-moralisierende Politik als Angriff auf das, was die Menschheit seit tausenden von Jahren immer wieder vorwärts gebracht hat: als Attacke auf den Wunsch, eine Welt der Fülle zu schaffen, ein Land, in dem Milch und Honig fließen, auf die Utopie des reichen und komfortablen Lebens. Die Menschen mögen solch eine ­Politik nicht.“

Aber muss man unter diesen Umständen nicht befürchten, dass nun, da die Angst vor einer Klimakatastrophe geringer geworden ist, auch der Eifer erlahmt, mit einer ­drastischen Verringerung des CO2-Ausstoßes gegen die Erd­erwärmung anzukämpfen?

Einiges deutet darauf hin, dass diese Sorge weitgehend unbegründet ist und wir uns trotz allem in die richtige Richtung bewegen:

• In grüne Technologie ist inzwischen so gewaltig investiert worden, dass die weitere Entwicklung keines besonderen Anschubs durch die öffentliche Meinung bedarf. Die Kosten für Solar- und Windenergie sinken zudem von Jahr zu Jahr in dramatischer Weise.
• Das Elektroauto ist in jüngster Zeit vom Stadium der ­Pilot-Projekte in das der – sicherlich noch beschränkten – Massenproduktion übergegangen: ein Quantensprung.
• Die Schiefergas-Revolution hat den CO2-Ausstoß in den USA drastisch gesenkt. Die Treibhausgas in die Luft blasenden Kohlekraftwerke werden sukzessive aufgelassen.
• Konfrontiert mit der Smog-Katastrophe dürfte China langfristig ebenfalls auf im Land massenhaft vorhandenes Schiefergas setzen und Solarstrom forcieren.
• Und ganz aktuell: Die Ukraine-Krise gibt in Europa dem Bestreben, sich aus der Abhängigkeit vom russischen Gas zu befreien, neuen Auftrieb: Der Umstieg auf alternative Energie wird beschleunigt.

Es sieht also ganz danach aus, als ob – trotz aller Kassandra-Rufe – unser Planet und seine Bewohner doch nicht in absehbarer Zeit verbrutzeln werden.

georg.ostenhof@profil.at