<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Alexander, Gott und Europa

EU-Erweiterung - <small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Alexander, Gott und Europa

28 Länder sind genug, die EU braucht wirklich keine neuen Mitglieder: So denkt in Europa eine klare Mehrheit. Warum sie Unrecht hat.

Noch vor Kurzem konnte man in Skopje von der alten Vardar-Brücke zur gegenüberliegenden Türkenfestung und zu den nahen Bergen sehen. Nun ist dieser schöne Blick verstellt. Der einst bescheidene Hauptplatz ist zu einem seltsamen Gesamtkunstwerk mutiert. Da erhebt sich Alexander der Große 25 Meter hoch über einem Brunnen, am anderen Vardar-Ufer steht die gleichfalls gigantische Brunnenfigur von dessen Vater Philipp. Ein Triumphbogen aus weißem Marmor, barocke Kuppeln, klassizistische Fassaden und Tempel machen diesen Stein gewordenen Albtraum nationaler Mythologie perfekt. Die Regierung des Nikola Gruevs-ki, der seit 2006 das arme Westbalkanland Mazedonien regiert und kürzlich wiedergewählt wurde, ist auf diese „Skopje 2014“ benannte Nationalkitschorgie überaus stolz.

Eine Gruppe von Journalisten aus mehreren EU-Ländern ist von der Europäischen Kommission auf einen Zwei-Tage-Trip nach Mazedonien und Albanien eingeladen. Man zeigt uns, wie die EU durch „Pre-Accession Assistance“ diesen ärmsten der westbalkanischen Länder hilft, die grassierende Korruption zu bekämpfen und einen funktionierenden Rechtsstaat aufzubauen. So sollen sie Europa näher gebracht werden, um dereinst einmal Mitglied zu werden.

Am Beitritt war Mazedonien schon einmal näher dran. Da galt das Land in der „balkanischen Schule der schwer erziehbaren Kleinstaaten“, wie die deutsche FAZ schreibt, als „Musterknabe“. Bereits seit 2005 offiziell Kandidat für die EU-Mitgliedschaft, wurde Mazedonien auf dem Weg nach Europa inzwischen von den anderen überholt: Kroatien ist seit vergangenem Jahr Mitglied, die Beitrittsverhandlungen mit Serbien und Montenegro laufen bereits. Skopje aber bleibt außen vor. Mit den Mazedoniern dürfe erst verhandelt werden, wenn sie ihren Staatsnamen aufgeben, sagt Griechenland: König Alexander ist Grieche und Mazedonien dürfe nicht Mazedonien heißen, da das eine griechische Bezeichnung sei, die Skopje usurpiert habe.

Durch diese nationalistische Marotte Athens blockiert, verlieren die Mazedonier zunehmend die europäische Hoffnung. Und das hat Folgen: Sie entfernen sich inzwischen immer weiter von den EU-Standards und der einstige liberal-konservative Jungtechnokrat Nikola Gruevski ist zu einem altmodisch-nationalistischen Balkan-Autokraten verkommen. Es herrscht eine Halbdiktatur. Die monumentale Geschmacklosigkeit von „Skopje 2014“ ist nur der sichtbarste Ausdruck dieser politischen Rückentwicklung. Umso beeindruckender die Geduld und Hartnäckigkeit, mit der die EU-Beamten und -berater mit ihren Programmen vor Ort an ihrer zivilisatorischen Mission festhalten.

Im Nachbarstaat Albanien haben sie leichteres Spiel. Gewiss: Das Land der Skipetaren ist nicht weniger korrupt als Mazedonien, allerdings ärmer und noch nicht einmal Beitrittskandidat. Hier aber blickt man nach vorne. Das liegt nicht zuletzt an Edi Rama, dem Sozialdemokraten-Chef, der seit Herbst vergangenen Jahres in Tirana regiert.

Zehn Jahre lang war der international anerkannte Maler davor Bürgermeister der albanischen Hauptstadt. Tirana präsentiert sich heute, trotz Armut, freundlich und fröhlich. Unter Rama wurden keine nationalistischen Kultbauten errichtet. Stattdessen ließ der Ministerpräsident die grauen Häuserfronten aus der Ära des Steinzeitkommunismus unter Enver Hoxhas bunt anstreichen und zehntausende Bäume pflanzen. Und er präsentierte sich den EU-Journalisten nun als glühender Europa-Enthusiast: Für den Balkan gäbe es nur die europäische Perspektive. Und die sei alternativlos, betont er. Das wüssten auch seine Landsleute, sagt Rama und verweist auf Meinungsumfragen: „Es glauben mehr Albaner an Europa als an Gott“, witzelt der Premier.

Und was, wenn Albanien der Kandidatenstatus verwehrt, was, wenn überhaupt der Erweiterungsprozess der EU in Richtung Balkan nun gestoppt würde? Dann würden die Kämpfe wieder ausbrechen, warnt Rama und spricht vom Balkan als einer „europäischen Erfolgsgeschichte“: Die Region sei „von einem Ort, wo es vor Kurzem noch schreckliche Konflikte gab, zu einem Platz des Friedens geworden.“ Ohne das Engagement der EU hätte diese Pazifizierung nicht stattgefunden.

Dass der Balkan Europa braucht, sei ja klar, was aber brächte umgekehrt ein zukünftiger EU-Beitritt Albaniens, Mazedoniens und der anderen Balkanstaaten der EU, fragen insistierend einige Journalisten den albanischen Regierungschef. „Sicherheit“, antwortet dieser kurz. Rama erinnert daran, dass in dieser Region vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begonnen hat. Und: „Europa sollte doch etwas aus den jüngsten ukrainischen Entwicklungen gelernt haben.“

Das weitere „Enlargement“ der EU ist heute gewiss ein höchst unpopuläres Projekt. Österreich schwimmt da gegen den Strom. Außenminister Sebastian Kurz wirbt ganz offensiv für die europäische Integration des Balkans. Auch Bundespräsident Heinz Fischer gab sich auf seiner vorwöchigen Albanien-Visite als Fürsprecher der balkanischen Europa-Ambitionen. Das ist erfreulich. Diesmal hat man tatsächlich einmal Grund, die österreichische Außenpolitik zu loben. Kommt ja sonst nicht so oft vor.

georg.ostenhof@profil.at