Eva Linsinger: Good News!

Eva Linsinger: Good News!

Es geht längst um mehr als ORF-Gebühren: Die Politik mag Jubelberichterstattung. Mit Journalismus kann sie weniger anfangen.

Der Umstieg von der Rabauken- in die Staatsmannrolle kann seine Tücken haben. Attacken gegen „System“ und „Establishment“ fallen schwerer, wenn man selbst dazugehört, für die Underdog-Attitüde „ich allein gegen die Macht“ braucht es allerhand Verrenkung. Bleibt als Last Exit der Untergriff auf „Systemmedien“: Donald Trump exerziert es vor, er plärrt im Stakkato gegen „Fake News“ an. Heinz-Christian Strache macht es begeistert nach, auch aus der Erfahrung: In jedem Bierzelt, am Aschermittwoch oder im Rest des Jahres, sind Brachialattacken gegen die gemeinen Medien im Allgemeinen und den „Zwangsgebühren-ORF“, wo „Lügen zu Wahrheiten werden“, im Besonderen ein sicherer Brüller. Anti-ORF geht immer!

Bravo HC, Prost!

Dieses Dauerfeuer macht eine nüchterne Debatte über Zukunft oder gar Neuaufstellung des ORF schwer bis unmöglich. Zumal es längst um viel mehr als die Frage geht, ob die ORF-Gebühren gesenkt, sparsamer eingesetzt oder überhaupt abgeschafft gehören – nämlich um das heikle Grundsatzthema: Wie gefällig hätte die Politik die Medien denn gern? Wie viele Steuermillionen an Regierungsinseraten und Co ist ihr das wert? Und wie viel (öffentlich-rechtlicher) Qualitätsjournalismus?

Wenig überraschend will das niemand offen diskutieren. Auch Alexander Wrabetz nicht. Mut gehörte nie zu den Kernkompetenzen des Langzeit-ORF-Chefs, er war stets in erster Linie strategisch-zäh. Mit buddhistischer Duldsamkeit saß er vor Jahren aus, dass ihn sein Parteifreund, SPÖ-Kanzler Werner Faymann, aus dem Amt zu mobben versuchte. Unter Türkis-Blau müht er sich, seinen Job durch brave Erfüllung von allerlei Personalwünschen abzusichern. Das verschlang Energie und Tagesfreizeit. Für innovative Strategien, damit der ORF angesichts sinkender Markt- und Werbeanteile in Zukunft bestehen kann – und zwar unabhängig von den Launen der Politik –, war leider wenig Muße. Auch deshalb erwischt die Gebührendebatte die ORF-Spitze sichtlich am falschen Fuß. Wrabetz bleibt nur die Pose des beherzten Kämpfers für Unabhängigkeit, nicht gerade seine Glanzrolle.


Wahr ist, was genehm ist: Nach dem Prinzip agierten Rechtspopulisten stets.

An schlechten Mitstreitern mangelt es ihm nicht. Allen voran die SPÖ, die jetzt in der Oppositionszeit entdeckt, wie wichtig ihr ein unabhängiger ORF ist. Wie schade, dass ihr das in ihren Kanzlerzeiten nie ein derartiges Herzensanliegen war. Noch jede Regierungspartei versuchte, auf den ORF Einfluss zu nehmen, manche ungenierter, manche genanter. Die FPÖ legt es besonders brutal an. Das zeitigt durchaus Wirkung, zu besichtigen etwa in einer Schmeichelsendung, die FPÖ-Chef Strache in Schönbildern im Fitnessstudio zeigte, gänzlich unbehelligt von unbotmäßigen Fragen. Man will sich gar nicht ausmalen, zu welchen hochnotpeinlichen Bücklingsaktionen der ORF erst genötigt wäre, wenn die Gebühren wegfallen und er Jahr für Jahr um sein Budget feilschen müsste, stets abhängig vom Wohlwollen der Regierung. Darf es ein bisschen weniger Journalismus sein?

Wahr ist, was genehm ist: Nach dem Prinzip agierten Rechtspopulisten stets. Neuerdings offenbar auch die ÖVP: Vergangene Woche geißelte Bundeskanzler Sebastian Kurz einen ORF-Radio-Bericht als „ultimative Form der Falschinformation“. Das war nicht nur erstaunlich larmoyant im Ton – sitzt womöglich schon wieder eine Prinzessin mit Glaskinn im Kanzleramt? –, sondern auch bemerkenswert unverhältnismäßig in der Sache: Ein stinknormaler Bericht über die Erhöhung der Parteienförderung soll gleich „ultimative Falschinformation“ sein?

Offenbar gerät die Wahrnehmung, was unabhängiger Journalismus ist und was unkritische Jubelberichterstattung, gehörig ins Rutschen, wenn man sich an hymnische Schlagzeilen wie „Berlin liegt unserem Kanzler zu Füßen“ oder „Im Ausland lieben sie den Wonder Boy“ gewöhnt hat. Sebastian Kurz surft auf einer Boulevard-Welle des Wohlwollens. Kleine Geschenke können Freundschaften sichern, das wusste schon Vorvorgänger Werner Faymann. Auch dessen üppige Inseratepraxis trug Boulevard-Früchte: Etwa überbordende Lobhudeleien à la „Glatt ist der Faymann wie ein Aal? Nein, mutig ist er und sozial!“ oder die dadaistische Schlagzeile „Tiere würden Faymann wählen“. Jetzt ist Kurz der neue Superheld, Personenkult inklusive.

Die gute Nachrede lassen sich Machthaber einiges kosten: Ministerien und andere Big Spender wie die Stadt Wien gaben zuletzt satte 170 Millionen Euro pro Jahr für Inserate aus, der Löwenanteil fließt – erraten! – an die großen Drei des Boulevard. (Zum Vergleich: Die Presseförderung, die Qualität und Vielfalt gewährleisten soll, beträgt kümmerliche neun Millionen Euro.) Jede redliche Debatte über zukünftige Finanzierung und Aufstellung des ORF müsste diese Schieflage mitdiskutieren, gerade in Zeiten, in denen viele Medien (Transparenzeinschaltung: auch profil) um nachhaltige Strategien ringen.

Betonung auf: müsste. Das würde Hirnschmalz und Aufwand erfordern. Plumpes ORF-Bashing ist bedeutend einfacher.

eva.linsinger@profil.at
Twitter: @evalinsinger