„Feuchtgebiete”: Eiter bis wolkig

„Feuchtgebiete“ war ein witziges, ­brachiales, ­originelles Buch und ein gigantischer Erfolg. Rosemarie Schwaiger über den Charme ­einer unhygienischen Anti-Heldin – der die Verfilmung nicht besonders gut bekam.

Das Buch verkaufte sich zweieinhalb Millionen Mal. Also war klar, dass der Stoff verfilmt werden musste. Bei einem solchen Erfolg geht das nicht anders. Herausgekommen ist nun ein Werk, das einen irgendwie blöd dastehen lässt, wenn man das Buch vor fünf Jahren einfach nur lustig und originell fand. Der Film erklärt uns jetzt: Ihr habt da etwas nicht kapiert. Ihr habt euch amüsiert, obwohl ihr besser geseufzt und mitgelitten hättet.

Im Buch ist Helen Memel ein junges Mädchen, das seinen Körper und dessen sinistre Hautfalten erforscht wie Archäologen eine keltische Ausgrabungsstätte. Noch den klebrigsten Glibber, den Helen an sich entdeckt, findet sie zum Fingerablutschen appetitlich; ist ja schließlich hausgemacht. Helens Exkursionen in eigene und fremde Körperöffnungen reichten 2008 für eine monatelange, auf höchstem Erregungsniveau geführte Debatte im Zeitungsfeuilleton. Darf, soll, kann man so etwas schreiben? Was will die Autorin damit sagen? Und warum verkauft sich das Zeug bloß so gut?

Auf der Leinwand ist Helen nach ein paar witzigen Auftaktszenen irgendwann bloß noch ein gestörtes Scheidungskind mit überforderten, ebenso gestörten Eltern. Was sie tut, macht sie nicht zum Spaß, sondern aus purer Verzweiflung. Am Schluss wird sie dann von einem braven Krankenpfleger errettet, der sie mit nach Hause nimmt. Ab sofort muss sich Helen nicht mehr von wildfremden Männern intimrasieren lassen oder mit dem Duschkopf masturbieren. Jetzt hat sie ja endlich eine Familie. Alles wird gut!

Das Scheidungsdrama der Eltern, die Eskapaden der depressiven Mutter und das abrupte Happy End samt Krankenpfleger gehörten schon in Charlotte Roches Bestseller zu den schwächsten Teilen. Aber das bisschen Küchenpsychologie war auszuhalten. Es gab genug anderes, wofür sich das Umblättern lohnte. Roche schuf mit ihrem Roman eine schnoddrig-anarchistische Gegenwelt zur keimfreien, retouchierten, immerfort nach Deo duftenden Perfektion des modernen Körperkults. In „Feuchtgebiete“ ist gar nichts perfekt. Es wimmelt vor Bakterien, die Körpersäfte fließen in Strömen, und unter Helens Fingernägeln findet sich zur Not immer noch ein Rest Dreck vom letzten Klobesuch, Eiter vom Pickelausdrücken oder Sperma vom Quickie vorhin. Die 18-jährige Heldin hat gerade etwas Muße, weil sie wegen einer Analfissur im Krankenhaus liegt. Also sinniert sie über ihr, wenn man es denn so nennen möchte, turbulentes Privatleben und spart auch nicht mit daraus gewonnenen Einsichten: „Warum immer dieses bescheuerte Waschen danach? Wenn man Schwänze, Sperma oder Smegma ekelhaft findet, kann man’s mit dem Sex auch direkt bleiben lassen.“

Aber der Körper ist nicht nur rund um „Perlenrüssel“ und „Hahnenkämme“ ein schier unerschöpfliches Forschungsareal. Im Stil einer „Universum“-Dokumentation erörtert Helen auch spannende Dinge an weniger delikaten Stellen. Ein lange nicht gewaschener Nacken etwa kann so manches abwerfen. „Wenn man dann über den Hals reibt, bilden sich kleine, dunkle, klebrige Würstchen, die so ähnlich riechen wie Eiter.“
Das alles ist, ohne Frage, ganz schön grauslich. Aber eben weil die Ekelschwelle des Menschen der eigenen Anatomie gegenüber so niedrig liegt, haben Helens neugierig-naive Selbstversuche eine kathartische Wirkung: Entspannt euch, Leute. Es ist nie zu spät für eine glückliche anale Phase.

Wie es sich für einen ordnungsgemäßen Tabubruch gehört, übertreibt Charlotte Roche die Eskapaden ihrer Heldin mitunter. Gemeinsames Trinken aus einem Kübel mit Erbrochenem und der Austausch gebrauchter Tampons mit der besten Freundin gehören vielleicht nicht zu jeder gelungenen Adoleszenz. Marketingtalent Roche dachte dabei sicher an den Skandalfaktor ihres Buches – und das Kalkül ging bekanntlich auf. Nicht genug danken kann man ihr aber dafür, dass sie den Ekel sozusagen gegendert hat. Männliche Romanhelden, die ihren Lesern den Hintern entgegenrecken, gibt es schon sehr lange. Charles Bukowski etwa schrieb detailverliebt und plastisch über seine Vollräusche und Brechdurchfälle. Und wer „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth gelesen hat, traut sich nie mehr, die gebrauchten Socken des halbwüchsigen Sohnes anzufassen. Es blieb einer ehemaligen „Viva“-Moderatorin vorbehalten, zur Abwechslung mal eine Frau in das Universum von Grind und Schleim zu schicken. Literarisch kommt das Werk den großen Vorbildern nicht einmal nahe. Aber das macht nichts. Hauptsache, der Weichzeichner blieb im Schrank.

Braucht die Welt jetzt auch noch einen „Feuchtgebiete“-Film? Offenbar ja. Trotz seiner Mängel offenbart das Werk durch seine schlichte Existenz, wie verlogen es noch immer zugeht. Laut Jugendschutzgesetz dürfen Teenager ab 14 Sex haben, so oft, wie und mit wem sie wollen. Ins Kino gehen und die Sex-Erlebnisse einer 18-Jährigen ansehen dürfen sie nicht. „Feuchtgebiete“ ist erst ab 16 Jahren freigegeben.

schwaiger.rosemarie@profil.at