Franz Schellhorn: Pragmatisierung, die krank macht

Franz Schellhorn: Pragmatisierung, die krank macht

Beamter zu sein, ist nicht nur angenehm. Ganz im Gegenteil: Der unkündbare Job dürfte mit beträchtlichen Gesundheitsrisiken verbunden sein.

Das Leben kann verdammt hart sein. Wie dem "Radiokolleg" von Ö1 vor einigen Wochen zu entnehmen war, sind alle Menschen von Burn-out betroffen. Nicht nur jene, die schon darunter leiden, sondern auch jene, die sich pumperlgsund und belastbar fühlen. Kein Witz! Denn, so die Erklärung, auch sie müssen fürchten, eines Tages dem stressiger werdenden Leben nicht mehr gewachsen zu sein und von der heimtückischen Krankheit erfasst zu werden, womit auch sie vom Burn-out betroffen sind, wenn – vorerst – auch nur gedanklich.

Nun ist völlig unbestritten, dass uns das Leben immer mehr abverlangt. Und ja, Arbeit kann krank machen. Insbesondere jene für den Staat, in dessen Betrieben ziemlich alarmierende Zustände herrschen dürften, vor allem für die unkündbaren Teile der Belegschaft. So mussten einem Bericht des "Standard" zufolge zwischen 2013 und 2016 unglaubliche 99 Prozent der verbeamteten Beschäftigten der Wiener Stadtwerke ihre Arbeit vor 65 aufgeben, rund 44 Prozent aus gesundheitlichen Gründen. Das sind fast drei Mal so viele wie im Bundesdienst. Besonders schlimm scheint die Arbeit auf den städtischen Friedhöfen zu sein, 82,4 Prozent der Frühpensionierungen erfolgten aus gesundheitlichen Gründen. Bei den Wiener Linien waren es 70 Prozent.

Das alles geht aus der Beantwortung einer Anfrage der NEOS durch die Stadt Wien hervor. Dort erreichten immerhin 14 Prozent der Beamten das gesetzliche Pensionsantrittsalter, aber 43 Prozent der unkündbaren Beschäftigten gingen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Pension. Empfehlenswerter (weil gesünder) scheint da schon eine Anstellung bei den Sozialversicherungsträgern zu sein. Dort müssen "nur" rund 20 Prozent der Beschäftigten aus gesundheitlichen Gründen das Arbeitsleben vorzeitig beenden. Zwei Drittel der Beschäftigten gehen dafür als "Hackler" in Frühpension, was nicht bedeutet, dass sie Schwerarbeit verrichten mussten, sondern dass die Betroffenen wegen langer Versicherungsdauer vorzeitig in Pension gehen können. Weibliche Mitarbeiter der SV-Träger werden im Schnitt mit 56 Jahren in den Vorruhestand verabschiedet, deren männliche Kollegen mit knapp 60 (Zahlen aus dem Rechnungshofbericht von 2010).

Nicht wirklich zu beneiden sind die unkündbaren Beschäftigten der Bundesbahnen. Nicht nur jene, die bei Wind und Wetter raus in den Verschub müssen, die Arbeit bei den ÖBB scheint generell nichts für Zartbesaitete zu sein. In den Jahren 2012 und 2013 wurden mehr als 90 Prozent aller Frühpensionierungen aus gesundheitlichen Gründen gewährt. Zwischen 2002 und 2013 lag das durchschnittliche Pensionsantrittsalter der Bundesbahnbeamten laut Rechnungshof bei 52,49 Jahren. "Bahnbeamte" sind Mitarbeiter, die bis 1995 bei den ÖBB anheuerten und dort "definitiv" gestellt wurden, was wiederum ein anderer Begriff für "pragmatisiert" oder "unkündbar" ist.

Ähnlich verheerend scheinen die Arbeitsbedingungen bei der Post zu sein. Hier gehen ebenfalls 99 Prozent der Mitarbeiter vorzeitig in Rente, rund 40 Prozent aus gesundheitlichen Gründen. 2012 (aktuellster Prüfbericht) lag das durchschnittliche Pensionsantrittsalter bei 55,8 Jahren. 2015 hat die Führung des Unternehmens die Anreize für gesunde Mitarbeiter erhöht, das Unternehmen freiwillig zu verlassen: Je nach Dauer der Unternehmenszugehörigkeit werden bis zu 45 Monatsgehälter an freiwilliger Abfertigung geboten, zusätzlich zur gesetzlichen.


Die einzige Chance, sich von den politischen Sünden der Vergangenheit zu befreien, sind Frühpensionierungen.

All diese Vorgänge müssten Arbeitsinspektoren und Betriebsräte auf die Barrikaden treiben. Tun sie aber nicht. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Alle Beteiligten wissen, dass die Arbeit in den öffentlichen Betrieben keineswegs gesundheitsschädigend ist. Jedem ist klar, dass der Staatssektor einen enormen Personalüberhang aufgebaut hat, weil der öffentliche Bereich über Jahre hinweg als verlängerter Arm der Arbeitsämter missbraucht wurde und eine ganze Menge an Parteigängern mit unkündbaren Jobs zu versorgen war (wenn auch nicht immer mit Arbeit). Die Kunden bezahlen das nur, wenn sie nicht anders können, also in Monopolmärkten. In teilweise liberalisierten Märkten sieht das anders aus, da kaufen Verbraucher eben gerne bei günstigeren (weil von Personalüberhängen befreiten) Konkurrenten ein, die noch dazu eine zumindest gleichwertige Leistung anbieten.

Die einzige Chance, sich von den politischen Sünden der Vergangenheit zu befreien, sind Frühpensionierungen. Aus gesundheitlichen oder aus "organisatorischen" Gründen, wie im Falle Wiens. Möglich macht das eine Sonderregelung für Wiener Beamte, die laut Paragraf 68 der Dienstordnung ganz legal auf Kosten der Allgemeinheit in Frühpension geschickt werden können, wenn deren Dienste "entbehrlich" geworden sind.

Zu bezahlen ist das von jenen, die das Pech haben, im exponierten Bereich ihr Geld zu verdienen und die jeden Tag ihren Job verlieren können. Das Leben kann verdammt hart sein.

franz.schellhorn@profil.at

Franz Schellhorn ist Direktor des Thinktanks Agenda Austria.