Franz Schellhorn: Warum wir so super sind

Franz Schellhorn: Warum wir so super sind

Mit Österreich geht es angeblich abwärts. Zwei aktuelle Studien sehen das anders: Sie preisen die soziale Gerechtigkeit des Landes.

Könnten sich noch nicht geborene Menschen aussuchen, in welchem Land sie zur Welt kommen möchten, wäre Österreich wohl ganz vorne dabei – genauer gesagt auf Platz vier, hinter Norwegen, der Schweiz und den Niederlanden. Das jedenfalls sagt eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG), die den Lebensstandard in 162 Ländern vermessen hat und Österreich in der Spitzengruppe führt. Und ganz ehrlich: Platz vier ist nicht so schlecht, zumal jeder weiß, wie kalt und finster es in Norwegen ist, wie nüchtern die Schweizer sind und wie wenig unbewohnten Lebensraum es in Holland gibt.

Aber was genau findet die Boston Consulting Group an Österreich so toll? Nicht zuletzt das gut ausgebaute Bildungswesen, das engmaschig geknüpfte Netz in der Gesundheitsversorgung und die vergleichsweise hochwertige Infrastruktur. Besonders hervorgehoben wird aber der Umstand, dass sich die Lage der breiten Masse in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern die Ausnahme. Österreich sei eines der ganz wenigen Länder, in denen trotz schwachen Wachstums überdurchschnittliche Verbesserungen der Lebensqualität erzielt werden konnten, wie die Boston Consulting Group betont.

Spin-Doktoren würden so etwas eine Steilvorlage von unverdächtiger Stelle für die regierenden Sozialdemokraten nennen. Sie könnten in aller Ruhe darauf verweisen, dass selbst „neoliberale“ Organisationen wie die BCG von der hohen Wirkungskraft des österreichischen Wohlfahrtsstaates schwärmen – das umso mehr, als erst vor wenigen Wochen eine Forschungsarbeit von Bernd Marin in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung festgestellt hat, dass es um die soziale Gerechtigkeit in Österreich besonders gut bestellt ist. In kaum einem anderen Land ist der soziale Zusammenhalt größer als hierzulande, nicht zuletzt deshalb, weil vom Staat jährlich 100 Milliarden Euro unter dem Titel Soziales umverteilt werden. Diese Summe entspricht rund 56 Prozent der jährlichen Staatsausgaben.

Nun könnten ranghohe SPÖ-Regierungsvertreter die Vorzüge ihres Modells preisen und stolz erwähnen, dass das viele Geld auch bei den Menschen ankommt und die Ungleichheit bei den Einkommen reduziert. Doch was machen die Sozialdemokraten und von ihnen dominierte Interessenvertretungen? Sie erinnern die Bevölkerung in eindrucksvoller Regelmäßigkeit daran, wie schrecklich es in diesem Land zugeht. Sie beklagen ein Land, in dem sozialer Aufstieg kaum noch möglich sei, weil die Realeinkommen kontinuierlich sänken, eine gute Bildung trotz freien Hochschulzugangs nur noch Sprösslingen reicher Familien vorbehalten bleibe und die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer werde.

Es bleibt ein Geheimnis der SPÖ-Strategen, warum sie die Bevölkerung so hartnäckig davon zu überzeugen versuchen, dass der Sozialstaat zwar sehr viel kostet, aber dafür weitestgehend umsonst ist. Statt die Erfolge dieser ursozialdemokratischen Errungenschaft namens Wohlfahrtsstaat für sich zu reklamieren, attestieren sie ihrem Modell großflächige Wirkungslosigkeit. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen.


Zu keiner Zeit in der Geschichte lebte eine so große Anzahl von Bürgern auf einem derart hohen Wohlstandsniveau wie heute.

Denn wer sich ein wenig in diesem Land umsieht, merkt recht schnell: Zu keiner Zeit in der Geschichte lebte eine so große Anzahl von Bürgern auf einem derart hohen Wohlstandsniveau wie heute. Noch nie haben so viele Kinder aus sozial schwächeren Familien eine Hochschule besucht. Ja, Akademikerkinder sind an den Unis immer noch überrepräsentiert, aber die Eltern von 67 Prozent der Studienanfänger haben keinen Hochschulabschluss. Das ist ein Zeichen hoher Mobilität, die nur dadurch getrübt wird, dass es in sehr bildungsfernen Schichten kaum Aufstiegschancen gibt. Genau dort sitzt das Problem.

Und ja, es gibt immer noch Armut in diesem reichen Land. Aber selbst die bittere Armut hat heute ein anderes Gesicht als noch vor einigen Jahrzehnten. Das ist ohne Zweifel eine Errungenschaft des Wohlfahrtsstaates, der von einer höchst leistungsfähigen Bevölkerung gespeist wird. Mit anderen Worten: Österreich hat sich seinen Platz vier verdient. Allerdings – und jetzt kommen wir zum Haken an der Geschichte – nicht nur mit eigenem, sondern mit jeder Menge geliehenem Geld. Seit 1980 sind die Staatsschulden mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Wirtschaftsleistung. Obwohl die leistungsfähigen Bürger und Unternehmen immer neue Rekordbeiträge an den Staat abliefern, reicht das Geld für die vielen sozialen Segnungen nicht aus. Das ist die Schattenseite des heimischen Sozialstaates, die in der Boston-Consulting-Studie unbeleuchtet bleibt.

Vielleicht sollten es sich alle Ungeborenen noch einmal überlegen, ob sie nicht doch lieber im kalten Norwegen, im engen Holland oder in der humorbefreiten Schweiz zur Welt kommen wollen. Diese Länder sind nicht nur höchst lebenswert, sondern auch weit niedriger verschuldet als Österreich. Und genau das dürfte für nachkommende Generationen eine nicht ganz unwichtige Information sein.

Franz Schellhorn ist Direktor des Thinktanks Agenda Austria.

franz.schellhorn@profil.at