Gastkommentar von Heinz Faßmann: Kein Klassenkampf

Bundesminister Heinz Faßmann

Bundesminister Heinz Faßmann

Minister Heinz Faßmann entgegnet einem Leitartikel von profil-Herausgeber Christian Rainer. Mit „Pragmatismus“ und „ehrlichem Bemühen“.

Sie haben sich in Ihrem letzten Leitartikel viel Mühe gemacht, um die Maßnahmen des Pädagogik-Pakets, die ich vorgestellt habe, in einen ideologiegetriebenen Kontext zu stellen. Unter dem Titel „Klassenkampf“ schildern Sie das fairerweise von Anfang an aus. Sie formulieren eine bildungstheoretische Morgenröte, auf die dieses Land schon so lange wartet. Da wären nur folgende Fragen zu lösen (gerne auch wissenschaftlich untermauert):

Wie kann es sein, dass in Österreich 36.000 Schüler als außerordentliche Schüler dem Unterricht nicht folgen können und zwei Jahre lang ohne Benotung in den Klassen ihre Zeit verbringen?

Wie erklären Sie sich, dass 45 Prozent davon bereits seit mehr als drei Jahren in Österreich leben und hier den Kindergarten besucht haben?

Wie ist es möglich, dass in manchen Bundesländern fast ein Fünftel aller Schüler im Alter von sechs Jahren noch nicht schulreif ist und deshalb die Vorschule besuchen muss?

Warum zeigen alle internationalen Studien, dass Kinder, die eine andere Umgangssprache als die Unterrichtssprache sprechen, in Österreich in der vierten Klasse Volksschule fast zwei Lernjahre im Rückstand sind, während dieser Abstand in fast allen anderen Ländern nicht einmal halb so hoch ist? Und das, obwohl wir in der Volksschule die gemeinsame Schule haben?

Ich muss mich dieser nüchternen empirischen Realität stellen. In den letzten Jahren wurden Ungleichheiten oder mögliche Defizite allzu oft kaschiert, im Sinne der Betroffenen nicht gelöst und somit unter den Teppich gekehrt. Die damit verbundene Tendenz, den Leistungsbegriff zu verdrängen und den Kompetenzerwerb als gruppendynamischen Prozess zu deklarieren, hat jedenfalls nachweislich – wissenschaftlich, empirisch – nicht zum Erfolg geführt. Mit dieser Vorgangsweise wurde auch eine Dynamik aus dem öffentlichen Schulwesen heraus in Gang gesetzt. Mir ist es wichtig, Eltern wieder eine grundlegende Sicherheit zu geben, die lautet: „Mein Kind wird gefördert und auch gefordert.“


Es passiert genau das, was Befürworter einer gemeinsamen Schule einfordern.

Dafür brauchen wir ein Mehr an pädagogischer Ehrlichkeit, um wieder Vertrauen herzustellen. Und dazu gehören gewissenhafte, transparente Leistungsbeurteilungen durch Noten und verbale Erläuterungen sowie die Möglichkeit, eine Klasse zu wiederholen. In der vierten Klasse Volksschule war das schon bisher so: mit dem Effekt, dass sich gerade in diesem Jahr, wo es um den Übertritt in die AHS oder NMS geht, die Wiederholungen häuften. Ich hingegen möchte, dass Kinder, die einen eklatanten Leistungsrückstand haben, diesen Rückstand möglichst früh aufholen können, nicht erst am Ende ihrer Volksschulzeit. Wiederholen ist dabei die Ultima Ratio. Selbst Wissenschafter, die in Ihrem vorwöchigen Leitartikel zu Wort kommen, müssen diesbezüglich kritisch rezipiert werden, wie OECD-Experte Schleicher. Er steht auf dem Standpunkt, dass es in keinem erfolgreichen Schulsystem Klassenwiederholungen gibt. Wir brauchen nur einen Blick über die Landesgrenze zu werfen. In Bayern haben die Schüler in der vierten Klasse Volksschule unter allen deutschen Bundesländern die beste Lesekompetenz, obwohl es dort Klassenwiederholungen gibt.

Zur pädagogischen Ehrlichkeit gehört es deshalb auch, unterschiedliche Leistungsniveaus zuzulassen. Kinder sind nicht alle gleich, auch wenn uns das manche gut gemeinten pädagogischen Ansätze glauben machen möchten. Manche Kinder verlangen spezielle Förderung in einem Fach, andere bedürfen mehr Motivation und persönlicher Zuwendung. Wir freuen uns über die Pluralität in der Gesellschaft, leben aber gleichzeitig die Fiktion der gleich begabten Kinder in der Schule.

Ein Unterricht in unterschiedlichen Leistungsniveaus ab der zweiten Klasse der Mittelschule ermöglicht ein besseres Eingehen auf die Begabungen und Bedürfnisse. Und er schließt zugleich die Lücke zwischen der alten, neuen Mittelschule und der Sekundarstufe 2, also dem weiteren Bildungsweg in einem Oberstufen-Realgymnasium oder einer berufsbildenden Schule. In den Gegenständen Deutsch, Mathematik und Englisch passiert in dem neuen Modell also genau das, was Befürworter einer gemeinsamen Schule einfordern: dass Kinder, die AHS-Niveau aufweisen, und Kinder, die weniger leistungsstark sind, in ein und derselben Schule unterrichtet werden.
Das alles hat nichts mit „Klassenkampf“ zu tun, wie Sie in Ihrem Leitartikel insinuieren. Aber viel mit Pragmatismus und dem ehrlichen Bemühen, die Probleme beim Namen zu nennen und zu lösen. Übrigens: Auch der von Ihnen zitierte Professor Hopmann meint in der Kleinen Zeitung vom 28. Mai 2016: „Die erhoffte soziale Chancengleichheit ist ein Irrtum. Fast alle Gesamtschulländer haben alternative Formen der Segregation entwickelt.“

Heinz Faßmann ist Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung.