<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Angst vor den Islamisten

Die Revolution frisst ihre Kinder – ist dies tatsächlich ein ehernes Gesetz der Geschichte?

Die Revolution in Ägypten begeistert die Welt. Und macht Angst. Wenn da alles ins Rutschen kommt, nicht nur am Nil, sondern auch in den anderen arabischen Ländern, was erwartet uns dann: Werden nicht die Kräfte des moslemischen Extremismus in das Vakuum vorstoßen, das entsteht, wenn jene Autokraten das Handtuch werfen, die bisher die Stabilität der Region garantierten?
Mancher geht die Frage sogar grundsätzlicher an. Wie etwa der bekannte Blogger Andrew Roberts in der amerikanischen Internet-Zeitung „The Daily Beast“. „Revolutionen fressen ihre Kinder“, schreibt er in einer Analyse der ägyptischen Ereignisse. „Das ist ein universelles geschichtliches Phänomen.“ Er geht weit in die Geschichte zurück. Wurde die „Große Französische Revolution“ von 1789 nicht bald von den großen jakobinischen Terroristen und wenig später von Napoleon usurpiert? Kidnappten nicht die radikalen und autoritären Bolschewiki im Oktober 1917 die Revolution vom Februar desselben Jahres, die so hoffnungsvoll und demokratisch begonnen hatte? Und passierte nicht Ähnliches auch im Iran des Jahres 1979? Da gelang es den Mullahs unter der Führung von Ayatollah Khomeini, die anderen Strömungen der großen Volksbewegung, die den Schah stürzte, zurückzudrängen, zu unterdrücken und schließlich einen islamischen Gottesstaat zu errichten.
Auf den ersten Blick scheinen Revolutionen tatsächlich einem ehernen Gesetz der Geschichte zu folgen. Revolu­tionen beginnen immer wunderbar. Das Volk verlangt Freiheit. Die Massen legen die Apathie ab, verlieren die Angst, entwickeln Fähigkeiten, die ihnen niemand zugetraut hätte, und stürzen einen Unterdrücker. Wenn die revolutionäre Welle dann abebbt, die Menschen nach den Tagen, Wochen und Monaten der begeisterten Aktion nach Hause zu ihren Familien zurückkehren, wieder arbeiten und Alltag erleben wollen, dann ist die Stunde der Extremisten und Autoritären gekommen, die in der Revolution oft gar nicht die führende Kraft waren. Sie übernehmen die Macht und ersticken die gerade erst errungene Freiheit wieder.

Aber frisst die Revolution wirklich immer ihre Kinder? Andrew Roberts hat bei seinem historischen Rückblick eine große Revolution vergessen, die seine These eindeutig falsifiziert: die friedliche demokratische Umwälzung in Osteuropa des Jahres 1989. Natürlich sind die dortigen Oppositionellen der ersten Stunde nur in Ausnahmefällen Führer der postkommunistischen Länder geworden. Ein Staatswesen kann letztlich von idealistischen Intellektuellen nicht verwaltet werden. Aber unter die Räder kamen die nicht. Bei allen Schwierigkeiten des Übergangs: Es haben sich in Osteuropa demokratische Staaten etabliert, die im Großen und Ganzen die Menschenrechte garantieren. Autokratische Extremisten haben die Macht nicht ergriffen.
Aber in der islamischen Welt sei das anders, wird jetzt eingewendet. Die Voraussetzungen für eine nachhaltige demokratische Entwicklung seien in diesem Kulturkreis nicht gegeben – wie man an der Khomeini-Revolution sehe.
Aber auch bei dieser Argumentation hat man etwas vergessen: Indonesien – immerhin das bevölkerungsreichste Land der islamischen Welt. In diesem südostasiatischen Inselstaat musste unter dem Druck einer gewaltigen Protestbewegung Hadji Mohamed Suharto, der langjährige Freund des Westens und grausame Diktator, 1998 abtreten. Aber siehe da: Nicht moslemische Radikale ergriffen die Macht. Im Gegenteil: Es etablierte sich eine liberale Demokratie, die bis heute halbwegs gut funktioniert.

Können also die Ereignisse in Ägypten in eine Demokratie münden? Natürlich. Und die Perspektive, es würde sich auf mittlere Sicht die Moslembruderschaft die Revolution am Nil unter den Nagel reißen und eine Theokratie nach iranischem Vorbild errichten, wird von den ernsthaften Nahost-Experten als äußerst unwahrscheinlich angesehen. Der Star-Journalist von „Time“ und CNN, Fareed Zakaria, hält derartige Befürchtungen geradezu für „absurd“.
Zweifellos sind die islamistischen Moslembrüder eine bedeutende Oppositionskraft im Land. Meinungsumfragen geben ihnen im Fall von freien Wahlen 20 bis 25 Prozent. Ihre bisherige ­Stärke aber beziehen sie nicht zuletzt aus der repressiven Situation. „Wenn Leute sich im Kaffeehaus trafen und über Dinge sprachen, die dem Regime nicht passten, wurde das Lokal einfach gesperrt, und wir landeten im Gefängnis“, sagt Menschenrechtsaktivist Hisham Kaseem. „Aber Moscheen kann man nicht zusperren. Das ließ die Moslembrüder überleben.“ Besteht einmal Meinungsfreiheit, hat die Moschee ihr Monopol als Ort der politischen Kommunikation verloren. Zudem haben die großen Demonstrationen der letzten Tage gezeigt, dass der Zeitgeist offenbar nicht islamisch weht. An den Gebeten beteiligten sich auf dem Tahrir-Platz nach Augenzeugenberichten nur etwa fünf bis zehn Prozent.
Noch eins: Es mag ein kluger Schachzug der Moslembrüder gewesen sein, sich bei den großen Demonstrationen nicht in den Vordergrund zu spielen. Aber das heißt auch, sie haben das Rendezvous mit der Geschichte verpasst. Zumindest in den Augen des Volkes. Wie sagte doch Michail Gorbatschow: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Natürlich geht die arabische Welt schwierigen und ungewissen Zeiten entgegen. Ja, die Moslembruderschaft wird im Post-Mubarak-Ägypten eine gewisse Rolle spielen, wahrscheinlich auch in der Regierung. Der Westen muss eine neue Nahost-Politik erfinden. Man darf beunruhigt sein.
Die Kinder der ägyptischen Revolution aber, die jetzt auf dem Kairoer Freiheitsplatz mit Intelligenz und Internet, mit Modernität und Moral dem Tyrannen trotzen, werden sich so leicht nicht fressen lassen. Das ist zumindest zu hoffen.

georg.ostenhof@profil.at