<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Antisemiten unterwegs

Wo Strache Recht hat – und warum sich Stockholm bei Jerusalem nicht entschuldigen muss.

„Exiljude“ ist kein Schimpfwort. Da hat FPÖ-Chef H.C. Strache Recht. Der Begriff ist zwar nicht sehr geläufig. Wenn er aber verwendet wird, hat er eher keine abwertende Konnotation. Der israelisch-deutsche Historiker Moshe Zuckermann etwa charakterisiert in „Theodor W. Adorno: Der Philosoph des beschädigten Lebens“ den deutschen Denker, der vor Hitler in die USA geflüchtet und nach Ende der Nazi-Herrschaft nach Deutschland zurückgekehrt war, als „Exiljuden“. Auch findet man zuweilen diesen Begriff als Synonym für die „Diaspora-Juden“, die „verstreut“ auf der Welt leben, nachdem sie ihre ursprüngliche Heimat im Nahen Osten vor hunderten und tausenden Jahren verlassen mussten.

Der FP-Chef von Vorarlberg, Dieter Egger, hat bekanntlich Hanno Loewy, den Direktor des Jüdischen Museums in Hohen­ems, als „Exiljuden aus Amerika in seinem hoch subventionierten Museum“ attackiert: Die österreichische Innenpolitik gehe diesen nichts an, er möge sich gefälligst nicht einmischen. Dass Strache nun zum Beweis der Harmlosigkeit der Egger’schen Auslassungen Bruno Kreisky anführt, der schließlich auch ein „Exiljude“ und gleichzeitig ein „österreichischer Patriot“ gewesen sei, verstärkt aber die allgemeine Einschätzung, dass Eggers Auslassungen grob antisemitisch sind. Bei aller Genugtuung ­darüber, dass der Vorarlberger Landeshauptmann und VP-Chef Herbert Sausgruber nun einer Koalition mit der Egger-Partei eine Absage erteilt, und bei aller Freude über die öffentliche Entrüstung muss dennoch auf die auf den ersten Blick stimmige Verteidigung Straches geantwortet werden.

Was ist antisemitisch an Eggers Sager?
1. Egger wusste, dass Loewy aus Deutschland und nicht aus den USA kommt. Egger hat ihn aber offenbar zu einem Amerikaner gemacht, weil er auf starke Emotionen spekuliert: Anti­amerikanismus in der Zeit der von der Wall Street ausgehenden Finanzkrise ist en vogue – die „jüdische Hochfinanz“ ist zudem ein alter Topos des Antisemitismus. „Hoch subventioniert“ weckt obendrein die alte Assoziation Jude/Geld. Und war es nicht die amerikanische „Ostküste“ – ein Codewort für Juden –, die uns vor über 20 Jahren verbieten wollte, Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten zu wählen?

2. Während wir für unsere Heimat gekämpft und unter dem Krieg gelitten haben, ließen es sich die Emigranten im Ausland gut gehen: So wird bis heute in rechten Kreisen von jenen gesprochen, die sich vor der Ermordung durch die Nazis durch Flucht ins Ausland retten konnten, für das Nazi-Milieu „war es eine schandbare Handlung, vor den Mördern davonzulaufen“, wie Loewy sagt. Die Emigranten waren unpatriotisch, heißt es in diesem Diskurs – mit Strache’schen Ausnahmen: etwa Bruno Kreisky, der ins Exil nach Schweden gegangen war.

3. Nur: Wo befindet sich Loewy im Exil? In Österreich? Und warum? Es wird insinuiert, er sei Exilant, der – von wo auch immer – zu uns flüchten musste. Faktum ist aber, der renommierte deutsche Literaturwissenschafter und Filmexperte wurde vom Trägerverein des Jüdischen Museums Hohenems zu dessen Direktor berufen.

4. „Exiljude“ mag per se nicht pejorativ sein. In Österreich und Deutschland ist aber, wenn es um Juden geht, nichts „per se“. Scheute man sich nach 1945 nicht mit gutem Grund, hierzulande überhaupt das Wort „Jude“ in den Mund zu nehmen? Da hieß es: „unsere jüdischen Mitbürger“ oder die „Österreicher mosaischen Glaubens“. Ein Echo aus jener Zeit, in der „Jude“ nicht nur als Schimpfwort galt: Er war schlicht ein Untermensch, und wer als solcher bezeichnet wurde, war dem Tode geweiht, wenn ihm die Flucht nicht gelang.

Dass die FPÖ in Wahlkampfzeiten ganz bewusst mit rassistischen Slogans zu punkten versucht, ist klar. Dass aber, wie jetzt vielfach angenommen wird, Eggers Attacke auf den „Exiljuden“ Loewy klug kalkulierte Strategie war, um zum einen rechtsradikale Stammwähler zu mobilisieren und zum andern mittels dieser Provokation mediale Aufmerksamkeit und Präsenz zu erlangen, ist zu bezweifeln. Da dürfte eher stimmen, was Loewy meint: dass es „mit Egger durchgegangen ist“ und offenbar die dummen antisemitischen Affekte „ziemlich tief sitzen müssen“. Gegen die Annahme, Egger habe bloß strategisch gehandelt, spricht auch die Empirie: Wann immer die FPÖ in den vergangenen Jahren mit judenfeindlichen Äußerungen die Wähler verführen wollte, ging das schief. Antisemitismus mag in Österreich tief verwurzelt sein. Als politische Waffe ist er Gott sei Dank, wenn ihm offen und energisch entgegengetreten wird, stumpf geworden.

Schweden ist sicher sehr viel weniger antisemitisch als Österreich. Trotzdem herrscht zwischen Jerusalem und Stockholm seit vergangener Woche Eiszeit. Andeutungen und Spekulationen in einem Zeitungsbericht der Boulevardzeitung „Aftonbladet“, wonach israelische Soldaten Palästinenser getötet hätten, um ihnen Organe zu entnehmen, sorgen in Israel für Empörung. Die schwedische Öffentlichkeit interpretiert den Artikel – so wie die israelische – als antisemitische Verschwörungstheorie.

Jerusalem aber will eine offizielle Entschuldigung aus Stockholm, was dort aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt wird: „Die Meinungsfreiheit gilt hier als sakrosankt – die Regierung wird den Artikel nicht verurteilen.“ Der Konflikt eskaliert: Man werde künftig bei allen Akkreditierungen von schwedischen Journalisten sorgfältig prüfen, „was sie oder er bisher über Israel geschrieben hat“, lässt nun die israelische ­Regierung verlauten.
Damit aber wird erst so recht klar, worum es dieser wirklich geht: Benjamin Netanjahu und seine Minister haben den obskuren Boulevardartikel hochgespielt, um mit dem Antisemitismus-Vorwurf die kritische Berichterstattung der schwedischen Medien über die israelische Politik zurückzudrängen. Das wird wohl nicht gelingen.

georg.ostenhof@profil.at