<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Bodenschatz auf zwei Beinen

Ein wenig untergegangen im Trubel um den Friedens­nobelpreis 2009 für Barack Obama ist die Tatsache, dass nicht nur dieser einem Amerikaner verliehen wird, sondern dass auch der Großteil der anderen Preise, die den Namen des Dynamit-Erfinders tragen, nach Übersee geht: Alle drei Preisträger für Physik sind Amerikaner, die drei für Medizin und einer für Chemie detto. Und es ist der große Amerikafreund der deutschen Publizistik, Josef Joffe, der im Wochenblatt „Die Zeit“ das noch interessantere Phänomen herausstrich, dass „vier der insgesamt neun ‚nobelitierten‘ Naturwissenschafter Neuamerikaner“, also Einwanderer sind. Sie stammen aus Australien, aus China, aus Kanada und aus Großbritannien.

Als vor wenigen Tagen wieder das jährliche Uni-Ranking der „Times“ veröffentlicht wurde, bei dem die einzige österreichische Universität, die unter die Top 200 kam, die Wiener Alma Mater, vom 115. auf den 132. Platz abrutschte, zeigte sich das gewohnte Bild: An der Spitze liegen fast nur Unis aus den USA. Sie belegen allein 13 der ersten 17 Plätze. Und es ist belegt, dass ein nicht geringer Teil der Exzellenz amerikanischer Hochschulen von Einwanderern kommt.

Die wenigen Nobelpreisträger der vergangenen Jahrzehnte, auf die man hierzulande stolz ist, sind fast alles Wissenschafter, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder in Österreich keine Entwicklungschancen für sich sahen – und dann in den USA Karriere machten.

Gewiss gibt es viele Gründe, warum Amerika wissenschaftlich Europa abgehängt hat. Einer davon ist aber ganz sicher der andere Umgang der USA mit seinen Migranten. Im Unterschied zu Europa, wo Ausländer zumeist als Störfaktor, Belastung und Kriminalität generierend empfunden werden, sieht das Einwandererland USA seine Migranten als Bereicherung und Grundlage der amerikanischen Prosperität. Man ist darauf stolz, wenn Neuankömmlinge Amerikaner werden wollen.

Und die ausländerfreundliche Haltung ist jenseits des Atlantiks nicht bloß Sache der Linken und Liberalen. Der rechteste und antiaufklärerischeste US-Präsident der vergangenen hundert Jahre, George W. Bush, wollte bekanntlich ein Gesetz durchsetzen, das den etwa zehn Millionen illegal in Amerika lebenden und arbeitenden Ausländern einen legalen Status verleiht, der bald in die Staatsbürgerschaft münden sollte. Ähnliches würden nicht einmal die linkesten Sozialdemokraten und fortschrittlichsten Grünen in Europa zu propagieren wagen. George Bush kam mit seinem Gesetzesentwurf zwar nicht durch. Aber beeindruckend war doch auch seine Neujahrsrede 2004 – am Höhepunkt des Irak-Kriegs also –, in der er die Einwanderer pries, die im vergangenen Jahrhundert durch ihre harte Arbeit, ihre Talente und ihren Patriotismus Amerika zu einer stärkeren und besseren Nation gemacht hätten: „Durch Tradition und Überzeugung sind wir eine willkommen heißende Gesellschaft.“

Genau das ist der Unterschied: Europa heißt im Großen und Ganzen Einwanderer nicht willkommen. Im Gegenteil. In Österreich scheint das in besonderem Maße zu gelten. „Hier sieht man Einwanderer immer nur als Asylanten, Asylanten als Scheinasylanten und sie alle unter dem Gesichtspunkt der inneren Sicherheit“, formuliert pointiert der österreichische Politologe Anton Pelinka in seinem gerade erschienenen Buch „Nach der Windstille“. Durch Tradition und Ressentiment sind wir eine Ausländer abweisende Gesellschaft.

Eine Donnerstag vergangener Woche veröffentlichte OECD-Studie spricht da eine klare Sprache: Migranten ­werden auf allen Ebenen schlecht behandelt und benachteiligt. In Österreich ist der Anteil der unter 20- bis 29-Jährigen mit Migrationshintergrund ohne Matura oder abgeschlossene Berufsausbildung dreimal so hoch wie in der gleichen Altersgruppe ohne ausländischen Background. In Deutschland etwa ist der entsprechende Anteil nur doppelt so hoch. Dass sich so die Migrantenkinder am Arbeitsmarkt schwertun, ist klar. Und die Situation verbessert sich auch bei der Einwandererjugend der zweiten Generation nicht. Im Gegenteil.

Selbst das Erreichen von höherer Bildung verbessert die Situation nicht. Qualifizierte Einheimische tun sich ungleich leichter, eine adäquate Arbeit zu finden, als Migranten mit gleich guter Qualifikation. Ahmed, Dusan, Dragica, Fatima und Ülcan haben kaum eine Chance. Wer gerne Taxi fährt und mit den Fahrern spricht, der weiß: Er wird von Ingenieuren, Lehrern, gelernten Managern und Mathematikern ­kutschiert.

Das alles hat Methode: Das ständische Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert mit Volks-, Hauptschule und Gymnasium selektiert die Migrantenkinder schon mit zehn Jahren aus. Was früher vor allem dazu diente, die „Proleten“ von der höheren Bildung fernzuhalten, stellt nun die Barriere für erfolgreiche Integration und sozialen Aufstieg von Zugewanderten. Und dazu kommen noch eine der restriktivsten Fremdengesetzgebungen Europas und ein von den Rechtspopulisten und dem Boulevard geprägter öffentlicher Diskurs, der – nach außen den Einwanderungswilligen und nach innen den schon im Land lebenden Ausländern – klar signalisiert: Wir wollen euch nicht. So wird man auch die so dringend gebrauchten Fachkräfte aus dem Ausland nicht kriegen. Die gehen in Länder, die sie willkommen heißen.

Man kann nur Joffe zustimmen, der meint, Europa müsse von den traditionellen Einwanderungsländern lernen. Die behandeln Talente mit „falschem“ Pass, anderer Hautfarbe oder fremdem Akzent „nicht als Eindringlinge, sondern als ‚Bodenschätze‘ auf zwei Beinen“. Für Österreich gilt das in besonderem Maße: Wir sind dabei, uns mit unserem Rassismus die Zukunft zu verbauen.