Georg Hoffmann-Ostenhof: Coburg, Krieg und Frieden

Georg Hoffmann-Ostenhof: Coburg, Krieg und Frieden

Was das Wiener Iran-Abkommen mit „Foxy Ferdinand“ und der Türkenbelagerung zu tun hat.

In den vergangenen Wochen wurde wohl kein anderes Bauwerk öfter abgebildet als das Palais Coburg nahe der Wiener Ringstraße. Faktisch in Klausur saßen wochenlang die Verhandler des Iran-Atom-Deals in diesen zum Luxushotel umgebauten herrschaftlichen Gemäuern – bis dann am Dienstag vergangener Woche zur allgemeinen Erleichterung verkündet wurde, dass der gewaltige diplomatische Marathon sein Ziel erreicht hat. Unzählige Male nahmen Hunderte von überall her angereiste Fotografen das beeindruckende, elegante Gebäude auf, in dem die Außenminister der Weltgroßmächte mit jenem des Iran um den finalen Text des Abkommens rangen. Die Fotos fanden den Weg in alle Welt.

Im Coburg wurden dieser Tage Entscheidungen von globaler Bedeutung getroffen. Aber warum ist diese edle Herberge just nach einer unbedeutenden oberfränkischen Kleinstadt benannt? Die Antwort auf diese Frage zeigt: Es ist ein Ort, an dem nicht das erste Mal Weltgeschichte gemacht wird.

Wir schreiben das Jahr 1887. Der Regent von Bulgarien ist zurückgetreten. Mehreren Prinzen und Fürsten hat man schon die Herrschaft über das Balkanland angeboten. Aber niemand will den Job. Einige Sofioter Politiker sitzen verzweifelt im Wiener Hotel Imperial an der Ringstraße. Da schlägt einer der Gesprächspartner einen Mann vor, auf den noch niemand gekommen ist: den damals 27-jährigen Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha.


Das Volk nannte das prachtvolle Palais wegen seiner vielen Säulen 'Spargelburg'

Der hätte nicht nur den klingenden Namen einer großen europäischen Familie, deren Stammsitz eben Coburg ist – man hätte es auch nicht weit, um Ferdinand zu fragen, ob er demnächst nach Bulgarien übersiedeln wolle. Dieser lebt im keine 100 Meter vom Imperial entfernten Palais Coburg, das sein Vater, ein österreichischer General, 40 Jahre zuvor auf der Braunbastei der Wiener Stadtbefestigung errichten ließ – ein Schloss, das im Volksmund wegen der vielen Säulen an der Fassade bald den Spitznamen „Spargelburg“ bekam.

Gesagt, getan. Man holt Ferdinand aus dem Bett und macht ihm das bulgarische Angebot. Er akzeptiert.

Seine illustre Verwandtschaft – Cousins, Onkeln und Tanten sitzen auf den dänischen, britischen, portugiesischen Thronen – ist entsetzt. „Foxy Ferdinand“, wie der Spitzname des jungen Mannes lautet, hat bisher keinerlei politisches Interesse gezeigt. Er ist eher für seine amourösen Abenteuer bekannt. Er soll unter anderem das Bett der Katharina Schratt, der Geliebten von Kaiser Franz Joseph, frequentiert, aber gleichzeitig auch Gefallen an so manchem schmucken Jüngling gefunden haben. Seine royale Tante Victoria in London schickt ihrem Premierminister eine Notiz zur Causa: Ferdinand sei „völlig ungeeignet. Schwächlich, exzentrisch, weibisch. Sofort stoppen“, wütet die Queen.

Vergeblich. Ferdinand wird in Bulgarien zuerst Regent, dann König. Historiker bescheinigen ihm, dass er so unfähig, wie Queen Victoria ihn eingeschätzt hatte, gar nicht war. Als einer der wesentlichen Protagonisten in den zwei Balkankriegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts reiht er sich freilich ein in jene Phalanx der „Schlafwandler“, die Europa in den Ersten Weltkrieg führte. Nach diesem tritt er zugunsten seines Sohnes Boris zurück.

Dessen Sohn Simeon wiederum war als Kleinkind in den 1940er-Jahren kurz bulgarischer König. Und er kehrte in den 1990er-Jahren aus dem Exil zurück, um im postkommunistischen Bulgarien einige Jahre als Simeon Sakskoburggotski Regierungschef zu werden. Er spricht übrigens ein gebrochenes, aber unverkennbar altösterreichisches Aristo-Deutsch. Das hat er wohl im Wiener Palais seines Opas gelernt.

An diesem Ort hat sich aber schon viel früher historisch Bedeutsames begeben: Tief unten im Souterrain des Hotels. In den alten Gewölben mit roten Ziegelmauern befindet sich heute nicht nur der exquisit assortierte Weinkeller des Coburg-Restaurants. In einem der Nebenräume wurde auch, bevor man zu einer Einigung gelangte, über die Details des Atom-Abkommens gestritten. Vor über 300 Jahren aber lagerten hier Pulverfässer.


Ein besserer Werbeeffekt ist kaum vorstellbar.

Der Keller des Palais Coburg ist nämlich der letzte Rest der Kasematten der einstigen Wiener Befestigungsanlage, der vom Schleifen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur verschont wurde, weil die Familie derer von Sachsen-Coburg ihren Prachtbau auf einer Bastei errichtet hatten. Den wollte man dann doch nicht abreißen. Von diesen Munitionsdepots jedenfalls bezog die österreichische Armee 1683 jene Feuerkraft, welche schließlich die Türken, die Wien belagert hatten, zum Rückzug zwang. Das christliche Abendland war gerettet.

Allerdings machte gerade die historisch-symbolträchtige Vielschichtigkeit Wiens und seiner Architektur die Stadt nicht zur ersten Wahl für die Iran-Konferenz: Die iranische Delegation habe es, so wird berichtet, eine große Überwindung gekostet, zum Tagungsort über einen Platz zu gelangen, der nach Theodor Herzl benannt ist. Und US-Außenminister John Kerry soll lange gezögert haben, bevor er und seine Crew im nahen Hotel Imperial eincheckten – stieg da doch Adolf Hitler ab, wenn er in Wien weilte.

Schließlich war das Angebot der österreichischen Regierung, die alles zahlte und die Delegationen großzügig bewirtete, doch zu verlockend. Und so stehen, bei aller Ungewissheit, wer letztlich die Gewinner und wer die Verlierer des Iran-Deals sein werden, zwei Gewinner bereits fest: Wien und das Hotel Palais Coburg. Ein besserer Werbeeffekt ist kaum vorstellbar.