<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Danzig in Nahost

Warum die arabischen Diktatoren nicht reihenweise stürzen werden.

Wenn es zu dämmern beginnt und Vogelschwärme laut kreischend sich auf den Akazienbäumen der Avenue Habib Bourguiba, der Prachtstraße von Tunis, niederlassen, gehen Kinder von Tisch zu Tisch der Kaffeehäuser und Bistros und verkaufen zu einem Sträußchen gebündelte Jasminblüten. Diese stecken sich die teetrinkenden Männer hinter das Ohr. Der schwere Duft der Blüten liegt über der ganzen Stadt.

Große Ereignisse wie Revolutionen wollen benannt sein, in jüngster Zeit nach Farben und Blumen. Noch hatte Ben Ali, der Diktator Tunesiens, das Land nicht fluchtartig verlassen, da wusste die Welt bereits, dass der Maghreb-Staat gerade eine Revolution erlebt: die Jasmin-Revolution. Doch ein Name genügt nicht. Das große Neue drängt nach historischen Parallelen. Der meistgebrauchte Vergleich, der angesichts der Vorgänge im nordafrikanischen Land angestellt wird, lautet: Tunis ist das Danzig der arabischen Welt.

Wie 1980 in der polnischen Werftenstadt fing das Große ganz klein an, schreibt etwa der „New York Times“-Kolumnist Roger Cohen: In Danzig begann alles mit der Entlassung der Kranfahrerin Anna Walentynowicz. Das führte zum Streik, zum Generalstreik und zur Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc – einer Bewegung, welche die kommunistische Herrschaft infrage stellte und schließlich stürzte. In Tunesien war es der arbeitslose junge Akademiker Mohamed Bouazizi, der im Schatten der Prachtvillen der Regierenden als Straßenhändler Gemüse verkaufte, dauernd von den Behörden schikaniert wurde, weil er kein Bestechungsgeld zahlen konnte, sich schließlich mit Benzin übergoss, anzündete und so den Tod fand. Die Nachricht von dieser Protest- und Verzweiflungstat verbreitete sich über Facebook und Twitter wie ein Lauffeuer. Ein Feuer, das für den Diktator Ben Ali so heiß wurde, dass er mitsamt seiner Familie und seinen gestohlenen Reichtümern das Weite suchte.

Die Danzig-Metapher deutet aber nicht nur darauf hin, dass auch in Tunis ein kleiner, wenn auch erschütternder Einzelfall Anlass zur großen Umwälzung war. Vor allem ist der Vergleich mit Polen 1980 ein Argument gegen die so beliebte Domino-These, wonach nun, nach Tunesien, eine arabische Diktatur nach der anderen fallen würde. Danzig weist auf einen anderen Rhythmus hin. Die polnischen Ereignisse waren zwar der Beginn einer allgemeinen Entwicklung. Diese aber gestaltete sich nicht linear, sondern verschlungen, holprig und mit Rückschlägen behaftet. Bis die Politbüros Osteuropas das Handtuch warfen, dauerte es neun Jahre. Und es darf auch nicht vergessen werden, dass die oppositionelle Solidarnosc-Bewegung noch 1981 niedergeschlagen und ihre Führung interniert wurde, bevor sie sich 1989 als endgültig siegreich erweisen sollte. Im Rahmen dieses Vergleichs befindet sich die arabische Welt dort, wo Osteuropa Anfang der achtziger Jahre stand. Das scheint eine realistische Einschätzung zu sein.

Natürlich haben die greisen Autokraten und kleptomanen Herrscher der anderen arabischen Länder allen Grund, sich zu fürchten. Und zweifellos verfolgen die unterdrückten Massen der arabischen Straße leidenschaftlich das Wunderbare, was sich in Tunesien zuträgt. So leicht wie dort wird es aber in Algerien, Ägypten, Syrien oder Jordanien nicht sein, die Unterdrücker zum Teufel zu jagen.

So wenig die Welt die tunesische Umwälzung voraussah, so günstig waren aber im Rückblick die Bedingungen für die Revolution. „Tunesien hat das Glück, kein Öl zu haben“, analysiert der französische Islamismus-Experte Gilles Kepel. „Es ist die Mittelklasse, die den Reichtum des Landes erzeugt. Das gibt ihr eine gewisse Autonomie.“ In den meisten anderen arabischen Ländern leben die Mittelschichten von den Öleinnahmen, also unmittelbar vom Staat. So ist das für arabische Verhältnisse selbstbewusste tunesische Bürgertum eine wesentliche Kraft der Revolution geworden. Der Hass der Unternehmer auf das Ben-Ali-Regime war zudem besonders tief, hat doch der herrschende Familienclan systematisch Schutzgelder verlangt und sich scham- und skrupellos die besten Geschäfte unter den Nagel gerissen.

Ohne die diebischen Aktivitäten der herrschenden Mafia wären die ohnehin vergleichsweise hohen Wachstumsraten der tunesischen Wirtschaft (durchschnittlich fünf Prozent im vergangenen Jahrzehnt) um zwei bis drei Prozentpunkte ­höher ausgefallen, wurde berechnet.

Noch andere Eigenheiten begünstigen Tunesien: Das Land ist ethnisch und religiös homogen, hat seit Jahrhunderten anerkannte Grenzen und eine Tradition zentraler Verwaltung, eine Tradition, die schon vor der französischen Kolonisierung am Ende des 19. Jahrhunderts bestand: „Tunesien hat solidere Fundamente als die meisten anderen arabischen Staaten“, diagnostiziert die britische Zeitschrift „Economist“. Außerdem wirken sich einige Elemente, die Tunesien von den französischen Kolonialherren geerbt hat, positiv aus. Habib Bourguiba, der Vater der tunesischen Unabhängigkeit, war ausgesprochen frankophil. Der Modernisierungsdiktator forcierte nicht nur ein Bildungswesen à la française – die Tunesier sind für diese Region besonders gut ausgebildet –, er übernahm für sein Land auch den Laizismus der französischen Republik. Das ist mit ein Grund, warum in der tunesischen Revolution Allah bisher so auffallend absent war.

„Ali Baba gone, but what about the 40 thieves?“ Mit dieser Frage titelt der „Economist“ launig seinen jüngsten Tunesien-Artikel. Wann nach Ben Ali die übrigen Räuber der Region vor dem Zorn ihrer Landsleute flüchten müssen, ist ungewiss. Es wird wahrscheinlich länger dauern, als viele Optimisten angesichts des fabelhaften tunesischen Umsturzes glauben. Dass die Ära der arabischen Demokratie angebrochen ist, das ist aber sicher.

georg.ostenhof@profil.at