<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Das Gute am Kommunismus

Was beim Jahrestag des Falls der Berliner Mauer nicht gesagt wurde.

Die Feiern sind vorbei. Es war richtig, den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer so ausgiebig zu würdigen, symbolisierte er doch einen Epochenbruch. Er stellte den Kristallisationspunkt der großen und friedlichen demokratischen Revolution dar, die im Herbst 1989 über Osteuropa hinwegfegte und die kommunistischen Politbüros, die sich wie für die Ewigkeit eingerichtet hatten, in nur wenigen Tagen verjagte. Es war ein Herbst der Freiheit. Die Akteure und Beobachter der großen Wende erlebten wieder einmal „erste Tage der Menschheit“, um Karl Kraus zu paraphrasieren. Inzwischen gilt 1989 als Annus mirabilis, ein Wunderjahr.

Ein kleines Wunder konnte man freilich auch in der Folge beobachten: Nur wenige Jahre nachdem sich die Völker vom Joch der KP-Tyrannei befreit hatten, wählten sie die ehemaligen Kommunisten wieder an die Macht. Die Geschwindigkeit, in der sich die meisten einstigen Staatsparteien in marktwirtschaftlich orientierte Sozialdemokratien verwandelten und als solche im In- und Ausland akzeptiert wurden, erscheint ebenfalls recht mirakulös.

Was war da passiert? Gewiss: Die früheren Herrschenden hatten die Fachleute, die Revolutionäre nicht. Und die Wendehälse waren wendig. Aber erklärt das wirklich die Tatsache, dass die gleichen Leute, die noch kurz zuvor den Kommunismus gestürzt hatten, die alten Funktionäre wieder an die Macht wählten und diese so rasch zu mehr oder minder demokratischen Politikern mutieren konnten?

Das führt zur Frage, was 1989 (und in Russland 1991) zu Grabe getragen wurde. War der Kommunismus nur eine ideologische Verirrung der Menschheitsgeschichte, ein verrücktes Zwischenspiel von 70 oder, wenn man bis zu Marx’ „Kommunistischem Manifest“ zurückrechnet, von rund 160 Jahren?

Dem kommunistischen System weint heute bestimmt keiner mehr eine Träne nach. Es war eine brutale Diktatur, ein extrem ineffizientes Wirtschaftssystem, und es hat, vor allem in seiner Stalin’schen Ausprägung, mehrere Millionen Menschenleben auf dem Gewissen.
Wenn nun angesichts der aktuellen Krise des Kapitalismus so mancher meint, die kommunistische Idee sei ja gut gewesen, aber, in die Tat umgesetzt, zur Barbarei verkommen, so muss man klar sagen: Schon in der marxistischen Tradition waren jene Elemente enthalten, die schließlich in der verheerenden Praxis ihren Ausdruck fanden. Ein autoritäres Verständnis von Staat, eine teleologische, letztlich religiöse Vorstellung des Fortschritts, eine Mythologisierung von Revolution und vor allem – bei den Bolschewiken – ein Mangel an unabhängigen ethischen Grundlagen, Ausblendung von Bürger- und Menschenrechten – all das führte notgedrungen in die katastrophale und teilweise kriminelle Realität des Kommunismus. So musste er furchtbar scheitern.

Darauf weist der bekannte britische Politikwissenschafter Fred Halliday in einem kürzlich erschienenen Artikel hin. Gleichzeitig aber sieht er im Kommunismus ein – wenn auch monströs missratenes – Kind der Aufklärung. Der Kommunismus agitierte gegen Nationalismus und Rassismus, propagierte die Beteiligung der Massen an der Politik, die Trennung von Staat und Religion, die Gleichstellung von Mann und Frau. Wenn auch versucht wurde, diese Ziele auf archaische und brutale Weise zu verwirklichen, waren sie dennoch die modernen Aspekte des Kommunismus.

Natürlich wurde das Konzept Planung durch Josef Stalin und seine Adepten hoffnungslos diskreditiert. Aber die Vorstellung, dass die Menschen bewusst und gezielt die Zukunft gestalten müssen, ist in Zeiten der ökologischen Krise und des eklatanten Marktversagens durchaus aktuell. Gerade die aufklärerischen Elemente im Kommunismus erklären aber, warum er eine globale Bewegung werden konnte. Die vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben sich ja nicht vom Kommunismus angezogen gefühlt und oft für ihn ihr Leben riskiert, weil sie partout Diktatur und Terror wollten. Das macht aber auch verständlich, wie ehemalige KP-Mitglieder und -Funktionäre so locker in die demokratische Zivilisation zurückfinden konnten – im Unterschied zu einstigen Anhängern des Nationalsozialismus, des anderen Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, die sich so viel schwerer damit tun und taten. Sie stehen letztlich in einer antiaufklärerischen und antimodernen Tradition.

Der Kommunismus war nicht nur eine Utopie, deren Ende wir vor zwanzig Jahren erlebten. Er war eine dramatische Antwort auf reale Probleme, auf die Ungerechtigkeiten und Brutalitäten der sich entfaltenden kapitalistischen Gesellschaft. Diese sind nicht etwa verschwunden. Sollte Karl Marx heute zurückkehren und die Slums von Megacitys in Afrika, Asien oder Lateinamerika bereisen – würde er sich wundern? Das „Ende der Geschichte“, von dem der US-Denker Francis Fukuyama Anfang der neunziger Jahre schwärmte, ist also keineswegs eingetreten. Was den Kommunismus hervorbrachte, treibt die Geschichte weiter. Wohin, wissen wir nicht.

Zudem zeigt sich im Rückblick ein Paradoxon. Wo der Kommunismus herrschte, führte er in die Katastrophe. Erfolgreich war er dort, wo er nicht an die Macht gekommen war. Ohne die Angst vor der Revolution, ohne das alternative Modell eines Sozialismus im Osten vor Augen wäre im Westen der Wohlfahrtsstaat nicht entstanden. Der Kommunismus hat somit einen wesentlichen Beitrag zur Modernisierung des Kapitalismus geleistet.
Sosehr wir also mit Bewunderung der Revolution 1989 ­gedenken und uns darüber freuen, dass der Kommunismus in Russland und Europa das Zeitliche gesegnet hat – vor kapitalistischem Triumphalismus à la Fukuyama sei gewarnt.

georg.ostenhof@profil.at