<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Das erfundene Volk

Wo Bruno Kreisky doch Recht gehabt hat.

Als kürzlich die brillante Wiesenthal-Biografie von Tom Segev herauskam, führte ich mit dem Autor, dem bekannten israelischen Historiker, ein Gespräch, bei dem auch der Konflikt des „Nazi-Jägers“ mit Bruno Kreisky von vor einem Vierteljahrhundert zur Sprache kam. Segevs Diagnose: Der damalige österreichische Bundeskanzler habe im Streit mit Wiesenthal „durchgedreht“. Auch Kreiskys Diktum, wonach die Juden kein Volk seien, zeige, dass er einen „Komplex“ gehabt habe und nicht zurechnungsfähig gewesen sei, wenn es um Juden ging. Auf die Nachfrage, ob nicht unterhalb der Irrationalität Kreiskys in dieser Frage auch Rationales steckte, ob nicht an der Aussage, dass die Juden kein Volk seien, etwas dran sei, winkte Segev schroff ab: „Seit Tausenden Jahren fühlen sich die Juden als Volk, also sind sie ein Volk.“ Ist das wirklich so?

Vergangene Woche hielt nun ein anderer israelischer Historiker einen Vortrag in Wien: Shlomo Sand referierte im Kreisky-Forum in der Wiener Armbrustergasse die Thesen seines Buchs, das mit seinem Titel „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ Furore machte.

Bei seinen Recherchen habe er zu seiner Überraschung entdeckt, dass eine der Grundannahmen, auf der sich das israelische Selbstverständnis aufbaut, nicht den Tatsachen entspricht, berichtet Sand. Das moderne Israel ist auf dem Glauben begründet, dass das „jüdische Volk“ als einheitliche Nation nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christi aus ihrem Land vertrieben wurde und dann nach knapp 2000 Jahren Exil zurückgekehrt sei. Sand weist nun nach, dass die Vertreibung nie stattgefunden hat, dass es sich dabei um einen Mythos handelt – der obendrein eine Erfindung der Christen ist: Zur Strafe für die „Ermordung Jesu“ habe Gott die Juden in der Welt „zerstreut“.

Und wo kommen die Millionen Juden her, die überall auf der Erde leben und lebten? Sie stammen, meint Sand, von Völkern ab, die im Lauf des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung zum Judentum konvertiert sind, von kaukasischen und nordafrikanischen Völkern, die den Glauben an Jehova übernahmen. Die wirklichen „leiblichen“ Nachkommen jener Juden, die seinerzeit im Gebiet lebten, das heute Israel und die besetzten Territorien darstellt, seien – so die ironische Pointe Sands – die Palästinenser. Sie schlossen sich, als der Islam im Aufschwung war, dieser neuen Religion an.
Das jüdische Volk sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, als auch anderswo pseudohistorische Erzählungen zurechtgelogen und Mythen zu realer Geschichte erklärt wurden, um Staats- und Nationsbildungen Legitimation zu verleihen.

Sands These ist natürlich ein Frontalangriff auf die Gründungsidee Israels. Kein Wunder also, dass sie scharfe Kontroversen auslöste. Dennoch wurde sein Buch auch in seiner Heimat ein Bestseller.

Bei der Herausbildung eines Volks ist wichtig, als was sich die Leute fühlen. Und beim Pessachfest verabschieden sich Juden mit der Sehnsuchtsformel: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Aber haben sich die Juden – wie Tom Segev meint – tatsächlich über die Jahrtausende als Volk empfunden?

Wahrscheinlich nicht. Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Zionismus war vor dem Holocaust eine Minoritätsströmung innerhalb des europäischen Judentums. Kreiskys Vorstellungen – abzüglich seines „jüdischen Komplexes“ – waren da absolut gängige Meinung. Sigmund Freud, Arthur Schnitzler etwa, aber vor allem auch österreichische Sozialdemokraten wie Otto Bauer oder Viktor Adler haben sich gewiss nicht als Mitglieder des „jüdischen Volks“ begriffen. Völkisches Denken war ihnen fremd.

Die Gründung Israels war auch weniger Ausdruck des lange unerfüllt gebliebenen Volkswillens, weiß Shlomo Sand, als vielmehr eine Antwort auf existenzielle Nöte: „Hätten die Amerikaner und andere westliche Länder jene Juden, die vor der Vernichtung im Holocaust flohen oder diesen überlebten, aufgenommen – den Staat Israel gäbe es heute mit Sicherheit nicht.“

Wie aktuell diese ganze Diskussion ist, zeigen die vergangenen Tage: Dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu genügt nun nicht mehr die Anerkennung seines Staats. Als Vorbedingung für die Verlängerung eines Baustopps der jüdischen Siedlungen im Westjordanland verlangt er, dass die Palästinenser Israel explizit als jüdischen Staat anerkennen. Eine neue Forderung, die dazu angetan ist, die Nahostverhandlungen weiter zu blockieren.

Wenn aber den Juden die volksmäßige Grundlage abgeht und sich die historische Rechtfertigung der „Rückkehr“ in die Heimat der Altvorderen als bloßer Mythos entpuppt, ist dann dem Staat nicht die Existenzgrundlage entzogen? Mitnichten, antwortet Sand. Israel braucht für seine Legitimierung keine völkischen Mythen. Solche haben im 20. Jahrhundert immer wieder zu blutigen Tragödien geführt. Ein israelisches Volk gibt es – im Unterschied zum jüdischen – wirklich: Die israelische Gesellschaft ist eine lebendige Realität. Und diesem Volk gehören bekanntlich nicht nur Juden an.

Nur wenn sich Israel von seinem völkisch-religiösen Nationalismus befreit, sich modernisiert und zu einem säkularen Staat all jener entwickelt, die in ihm leben, gibt es eine Chance: für Israel und für den Frieden in Nahost.
Und Kreisky hatte doch Recht. Das sollte gerade jetzt, wo sein hundertster Geburtstag bevorsteht, noch einmal ­gesagt sein.

georg.ostenhof@profil.at