<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Das erfundene Volk II

Wer von israelischen Mythen redet, sollte über österreichische nicht schweigen.

Das war zu erwarten gewesen. Böse Leserbriefe konnten nicht ausbleiben, als ich in einem Kommentar die provokanten im Wiener Kreisky-Forum vorgetragenen Thesen des israelischen Historikers Schlomo Sand unter dem Titel „Das erfundene Volk“ zustimmend referierte. Die vielen kritischen Reaktionen haben einen Grundtenor: Wer dem Judentum abspricht, ein Volk, eine Nation zu sein, verfolge die Absicht, den Staat Israel zu delegitimieren. Es handle sich dabei vor allem um eine „judenfeindliche Bevormundung von Leuten, die vom Judentum so viel Ahnung haben wie Pinguine vom Radfahren“ (Leserbrief von MMag. Michael Schnarch). Und ich hätte mich als kleiner Karl Lueger nach dem Motto „Wer ein Jud’ ist, bestimm’ ich“ aufgespielt.

Da sind gewiss einige (teils wohl beabsichtigte) Missverständnisse. Sand will so wenig wie ich die Existenzberechtigung Israels infrage stellen. Der Historiker zeigt nur auf, dass das jüdische Volk als Ethnie eine Idee des neunzehnten Jahrhunderts ist – eine Übernahme von damals gängigen biologistischen und nationalistischen Denkmustern. Sand versucht, die Idee, die als Gründungsmythos an der Wiege des Staates Israel steht, geschichtlich zu widerlegen. Dieser Mythos mag, so Sand, bei der Staatsgründung und in der Aufbauphase mobilisierend gewesen sein. Am Beginn des 21. Jahrhunderts erweise er sich aber als äußerst dysfunktional. Der ethnisch und völkisch begründete Nationalismus stehe einer friedlichen Entwicklung dieser Region im Weg, gefährde letztlich die Sicherheit des Staates Israel. Der Staat braucht den Mythos nicht, seine schiere Existenz genügt. Und eine kraftvolle und hoch entwickelte israelische Nation ist ja tatsächlich in den vergangenen sechs Jahrzehnten entstanden, eine Nation, die alles Recht hat, anerkannt und verteidigt zu werden.

Natürlich geht es auch gar nicht darum, jemandem das Judentum abzusprechen oder die reiche jüdische Geschichte und Tradition gering zu achten. Im Gegenteil, Sand polemisiert dagegen, die so vielfältige jüdische Identität, die zwischen gemeinsamem Schicksal, Kultur, Religion und Ethnie oszilliert, auf eine eindimensionale Stammesidentität zu reduzieren.

Einer der Kritiker von Schlomo Sand und seinem Auftreten im Kreisky-Forum trifft freilich einen Punkt. Wenn das jüdische Volk eine Erfindung ist, was ist dann das österreichische, fragt der Wiener Journalist Karl Pfeifer in einem kurzen und launigen Text im Internet. Er demontiert darin den „Mythos des österreichischen Volks“. Und er hat ja Recht.

Die Idee der österreichischen Nation ist noch jünger als jene der jüdischen. Volk im ethnischen Sinn waren die Österreicher nie. „Sie sind vielmehr eine Promenadenmischung von keltischem, slawischem, bajuwarischem, ungarischem und italienischem Blut“, schreibt Pfeifer. Österreich war eine Dynastie, keine Nation. Wenn man Deutsch als Muttersprache hatte, fühlte man sich als Deutscher. Und er verweist auf das bekannte Faktum, dass bis 1938 kaum jemand sich einem österreichischen Volk zugehörig fühlte. Nicht nur Deutschnationale, auch Sozialdemokraten und Christlichsoziale hatten mit der österreichischen Staatlichkeit nichts am Hut. Nur ein paar marginale kommunistische und monarchistische Denker machten sich daran, eine Kontinuität des österreichischen Volks seit Menschengedenken zu konstruieren.

Diese Fiktion wurde aber geschichtsmächtig. Die österreichische Nation war dann nach dem Zweiten Weltkrieg ein Projekt der politischen Eliten, das dazu angetan war, die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen von sich zu schieben und sich als Opfer der Hitlerei darzustellen. Erst in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte sich eine Mehrheit im Land mit einer österreichischen Nation anfreunden. So gesehen ist das österreichische Volk also gerade mal ein halbes Jahrhundert alt. Der Mythos aber, den man sich da zurechtgeschustert hat, wirkt weiter nach.
Die grassierende österreichische Türkenfeindschaft etwa ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass man zwecks Identitätsstiftung krampfhaft – den aus Frankreich stammenden – Prinz Eugen zu einem der wenigen Nationalhelden hochstilisiert hat. Die Abwehr des Islam wurde zur nationalen Identität. Das wird bereits in der Volksschule eingetrichtert.

Dass Österreich ethnisch nicht einheitlich ist, weiß jeder. Dennoch herrscht im Land das in Mitteleuropa gebräuchliche ius sanguinis, das Recht des Blutes. Österreicher ist, wer von Österreichern abstammt. Im aufgeklärten Westen – in Frankreich, England und den USA – jedoch herrscht das ius soli, das Bodenrecht: Staatsbürger ist, wer da geboren ist. Wie in Israel wäre es auch bei uns höchst an der Zeit, dass man – wie die Grünen vorgeschlagen und die Deutschen bereits teilweise vollzogen haben – vom Blutrecht zum Bodenrecht übergeht. Und dass man endlich anerkennt, dass das österreichische Volk, das sich ja nach 1945 wirklich herausgebildet hat, nie und nimmer homogen, sondern ein typisches Einwanderervolk ist.

Pfeifer kann man nur zustimmen, wenn er meint, wer von israelischen Mythen rede, möge über österreichische nicht schweigen. Insbesondere auch deswegen, weil beide auf demselben mitteleuropäischen Boden gesprossen sind – bekanntlich war Theodor Herzl ein Wiener Feuilletonist. So wie die österreichische Nation ist über die Jahrzehnte hinweg auch die israelische herangewachsen. Bloß kommt diese – und das zeigt sich an vielen Debatten in Israel selbst – mit dem Anspruch, ethnisch mehr oder weniger homogen zu sein, in Konflikt. Und Israel versteht sich obendrein noch als Staat aller Juden auf der ganzen Welt – ob diese das nun wollen oder nicht.

georg.ostenhof@profil.at