<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Der Alten-Hype

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Der Alten-Hype

Stéphane Hessel und die Sehnsucht nach einer integren Biografie.

Ein Siebzigjähriger führt Regie bei dem Film über ein Ehepaar in ihren Achtzigern. Der Mann pflegt seine Frau – bis sie stirbt. Michael Hanekes „Amour“ heimste in den vergangenen Monaten alle nur erdenklichen Filmpreise ein – bis hin zum Oscar. Barbara Coudenhove-Kalergi weist in ihrer jüngsten „Standard“-Kolumne darauf hin, dass sich das allgemeine Interesse an Alter und Altern nicht nur am Jubel über „Amour“ zeigt. Sie zählt weitere aktuelle Kinohits wie „Quartett“ und „The Best Exotic Marigold Hotel“ auf, deren Protagonisten allesamt „Senioren“ sind. Und auch auf den Bestsellerlisten entdeckt die ehemalige ORF-Journalistin derzeit nicht wenige Bücher mit Alten als Hauptfiguren. Warum haben aber Kunst und Unterhaltung ihr Interesse am Alter entdeckt?, fragt sie. Liegt diese erstaunliche Tendenz etwa daran, dass die entwickelten Länder, allen voran die europäischen, immer älter werden – mit allen Problemen, die das letztlich mit sich bringt?

Gewiss dürfte dies der Hintergrund für die nun allgemein aufkeimende Gerontophilie sein. Aber da ist noch anderes im Spiel.

Stéphane Hessel ist Dienstag vergangener Woche gestorben. Erinnern wir uns: Vor drei Jahren machte der damals 92-jährige französische Diplomat mit seinem schmalen Bändchen „Indignez-vous!“ – zu Deutsch: „Empört Euch!“ – Furore. In 22 Sprachen übersetzt, verkaufte sich die Streitschrift gegen die Macht der Finanzmärkte, gegen die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, gegen die allgemeine Ungerechtigkeit und die Arroganz der Mächtigen über vier Millionen Mal. Der Text wurde zur Bibel der Occupy-Bewegung. Und Hessel zu einer Art Guru. Dabei zeichnet sich dessen Politpamphlet nicht durch überragende stilistische Brillanz oder besondere inhaltliche Originalität aus.

Was steckt also hinter diesem so erstaunlichen Hessel-Hype? Wie kommt es, dass die Jugend, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden will, just diesen temperamentvollen Methusalem zu einem ihrer Helden erkoren hat?
Da mögen die aktuellen Bewegungen der Empörten, diese aufmüpfige Internet-Generation, wenig mit Vergangenem zu tun haben und ihren Blick fest auf die Gegenwart richten – dennoch scheint ein tiefsitzendes Bedürfnis da zu sein, sich in der Geschichte zu verorten. Diesem Bedürfnis kommt die Figur des Stéphane Hessel geradezu ideal entgegen.
Er repräsentiert gelebte Geschichte schlechthin: Der in Deutschland in eine jüdische Intellektuellen-Familie geborene Stéphane kämpft in der französischen Résistance gegen die deutsche Besatzung, schließt sich Charles de Gaulle in London an, wird von den Nazi-Schergen gefasst, im ­Konzentrationslager gefoltert. Er kann fliehen und beginnt nach dem Krieg eine Karriere im Pariser Auswärtigen Dienst. Als Vertreter Frankreichs schreibt er 1948 mit an der Menschenrechts-Deklaration der UN. Der Diplomat und spätere Berater sozialistischer Präsidenten begleitet aktiv die Dekolonisierung, den Aufbau Europas und die deutsch-­französische Versöhnung. Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit blieben auch im Pensionsalter sein großes Anliegen. In den verschiedensten Bewegungen – allen vor­an jener für die „Sans-Papiers“, für die „illegalen“ Ausländer, die deportiert werden sollen – setzte sich der unorthodoxe Linke Hessel bis zuletzt unermüdlich ein.

Der kraftvolle greise Revoluzzer bot seinem Publikum nicht nur eine historische Kontinuität vom französischen Widerstand gegen Hitler bis zu den Platz-Besetzungen in New York, Tel Aviv, Madrid und London. Er projizierte gleichzeitig das Bild eines gelungenen langen Lebens. Er stand symbolisch für die in sich stimmige Biografie eines Mannes, der über die Abgründe der Geschichte hinweg Würde und Moral bewahrte, nie den aufrechten Gang aufgab und stets ins Geschehen eingriff. Er demonstrierte die Möglichkeit einer Vita activa, eines Lebens, das trotz allem vom Glauben an den menschlichen Fortschritt geleitet war.

Genau das dürfte Hessel in unserer desorientierten und zynisch gewordenen Zeit, in der Biografien zunehmend ­brüchig, Identitäten zerrissen und Werte immer flüchtiger werden, zu einer derartig attraktiven Gestalt gemacht haben.

Sein „Indignez-vous!“ sah er nur als „Präludium“ eines Stücks, dem die Haupthandlung erst folgen müsse. Hessel wusste, dass Empörung bloß die notwendige Grundlage für Veränderung ist, allein jedoch nicht genügt. Wie Recht er hat, zeigen die vergangenen Jahre allzu deutlich. Die von ihm inspirierte Occupy-Bewegung hatte eine nur kurze Halbwertszeit. Und jetzt nützen nicht die vernünftigen politischen Kräfte, sondern Populisten wie Beppe Grillo und Silvio Berlusconi die Empörung der Italiener über den Sozialsadismus des Sparkurses – und sie mobilisieren gegen Europa. Ähnliches passiert in anderen EU-Ländern auch.

Es ist durchaus im Sinn des weisen Alten aus Paris, wenn der deutsche „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger im aktuellen profil-Interview dafür plädiert, dass sich vor allem die etablierte Linke endlich auch empört und Front gegen die so desaströse Austeritätspolitik macht, die sie bisher mitträgt – eine Politik, die nicht nur Millionen von Menschen ins Elend stürzt und Gesellschaften destabilisiert, sondern auch die Grundlage der europäischen Einigung untergräbt.

georg.ostenhof@profil.at