<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Der decoffeinierte Fremde

Über den Aufstieg des Rechtspopulismus und subtilere Formen der Xenophobie.

Es ist furchtbar: Kein Tag verging in den vergangenen Wochen, an dem nicht Neues vom Vormarsch der Xenophobie in Europa vermeldet wurde: Da setzt, trotz Ermahnung aus Brüssel, Nicolas Sarkozy die Deportationen von Roma fort. Geert Wilders, der den Koran mit „Mein Kampf“ vergleicht, ihn verbieten will und wegen Volksverhetzung vor Gericht steht, wird die niederländische Politik in den kommenden Jahren maßgeblich bestimmen. Ohne seine Duldung kann sich die neue Regierung in Amsterdam nicht an der Macht halten. Ein Land nach dem andern beschließt das Burka-Verbot. Vergangene Woche in Österreich: die gnadenlose Abschiebung der achtjährigen kosovarischen Zwillinge. Die para-rassistischen ­Ausführungen eines Thilo Sarrazin finden in Deutschland breiten Anklang. Und überall sind rechts-rechte Parteien im Aufwind, selbst im so zivilisierten Schweden.

Die Wahlerfolge der Rechtspopulisten beunruhigen, gewiss. Noch mehr sollte man aber darüber erschrecken, dass die äußerste Rechte immer mehr den politischen Diskurs in ganz Europa prägt. Deren Ideen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ja, sie sickern immer mehr ein. Und vergiften auch, vielfach unbemerkt, die Sprache.

Nehmen wir „Integration“. Dieser Begriff hat in den vergangenen Jahren eine spektakuläre Karriere hingelegt. Integration ist in Europa inzwischen eines der meistgebrauchten Politvokabeln. Am Anfang stand Humanismus. Inte­gration war in den neunziger Jahren als Antwort der guten Menschen gegen die deklarierten Bestrebungen von rechtsaußen gedacht, die Einwanderung zu stoppen und im Land befindliche Fremde wieder „nach Hause“ zu schicken. Nein, nicht ausgegrenzt sollen die Ausländer werden, sondern integriert, war die Devise: nicht Ausschluss, sondern Einschluss. Viele Integrationsmaßnahmen sind auch durchaus zu begrüßen.

Was so menschenfreundlich begann, zeigte aber bald auch seine dunkle Seite. Jäh bekam Integration für Migranten einen unguten Klang: Integrierst du dich nicht, dann musst du gehen – diese Drohung schwingt immer mit. Wobei so klar nie wird, was die eingeforderte Integrationsleistung ist, worin sich die Leute eigentlich integrieren sollen. Im alltäglichen Sprachgebrauch kann es eindeutiger nicht sein, was gemeint ist: Die sollen sich anpassen, sich benehmen wie „wir“, nicht in Moscheen mit Minaretten beten, kein Kopftuch tragen, vor allem aber: „Deitsch redn.“

Als Mitte der neunziger Jahre die Haider-FPÖ verlangte, die Ausländer im Land mögen – unter Androhung von Sanktionen – verpflichtet werden, Deutschkurse zu absolvieren, wurde das allgemein als xenophob denunziert. Heute kann H. C. Strache triumphieren: Die Forderung seiner Partei von damals ist mittlerweile schwarz-rote Regierungspolitik. Und kaum jemand nimmt Anstoß daran. Dabei ist natürlich nichts gegen großzügige Förderung der deutschen Sprachkompetenz einzuwenden. Vor allem bei Kindern von Migranten ist das absolut notwendig. Warum aber etwa ältere Einwanderer, die bisher ganz gut mit ihren mangelnden Sprachkenntnissen durchs Leben gegangen sind, existenziell bedroht werden müssen, ist kaum rational zu begründen.

Offenbar wird das Fremde, das Andere, nicht vertragen. Selbst in wohlmeinenden Kreisen. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek zieht eine Parallele: „Auf dem Markt finden wir eine Reihe von Produkten, die sich ihrer bösen Eigenschaften entledigt haben: Kaffee ohne Coffein, Schlagobers ohne Fett, Bier ohne Alkohol. Die Liste geht weiter: Was ist virtueller Sex anderes als Sex ohne Sex?“ So ist, meint Zizek, auch für den Liberalen, der durchaus für Multikulturalismus eintritt, der Fremde, wie er ihn mag: „der Andere, der sich seines Andersseins entledigt hat – der decoffeinierte Andere.“ Zizeks Diagnose: „Barbarei mit menschlichem Antlitz“.

Integrationspolitik, wie sie heute in Europa betrieben wird, stellt vielfach den Versuch dar, die Gesellschaft mit erzwungener Assimilation zu homogenisieren.

Und das ist verrückt – in einer Zeit der anschwellenden Migrationsströme, in einer Epoche, in der die europäischen Gesellschaften immer mehr durchmischt werden. Da kann eine Politik, die letztlich auf kulturelle, sprachliche oder ethnische Reinheit abzielt, nur zu schweren Verwerfungen führen.

Dass man die patriarchalischen Strukturen und Gebräuche in einigen Einwanderergruppen als Problem betrachtet und sich über Frauenunterdrückung in diesen Milieus empört, ist klar. Ebenso, dass sich die Politik gegen ­Gettoisierungen stemmt. Die Angst vor den so genannten Parallelgesellschaften aber bekommt zunehmend paranoiden Charakter. Da wird in diese alles Böse und Gefährliche hineinprojiziert, das uns angeblich bedroht. Als ob europäische Gesellschaften nicht seit je, und erst recht jetzt, eine Ansammlung von Parallelgesellschaften, ein Mosaik von Subkulturen wären.

Aber heute gilt ja allgemein multikulti als gescheitert. Ja, multikulti ist zu einem Schimpfwort geworden. Dabei stellt sich ja gar nicht die Frage, ob man das Zusammenleben verschiedener Kulturen mag oder nicht. Multikulti ist einfach eine Realität, die zu verleugnen oder gar zu hassen desas­tröse Konsequenzen nach sich ziehen muss.

Sehr hellsichtig hat kürzlich der österreichische Schriftsteller und Essayist Karl-Markus Gauß in der deutschen „Zeit“ die Lage auf den Punkt gebracht: Dem Gerede, wir alle hätten uns viel zu lange gescheut, die Probleme zur Kenntnis zu nehmen, welche die Zuwanderung schafft, antwortet Gauß: „Das ist eine Lüge, die nicht besser wird, weil allzu viele an sie glauben. Wahr ist vielmehr, dass wir sie nicht verleugnet haben, sondern, zu unserem Schaden, von ihnen besessen sind, seit vielen Jahren.“

georg.ostenhof@profil.at