<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Die dritte Modernisierung

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Die dritte Modernisierung

Die „Occupy-Gezi“-Bewegung ist zwar kein Türkischer Frühling, signalisiert aber einen wichtigen historischen Wendepunkt.

Man möge sich die Mühe machen, die osmanischen Militärbaracken des Istanbuler Taksim-Platzes, die nun, wenn es nach Premier Recep Erdogan geht, rekonstruiert werden und als Einkaufsmalls Verwendung finden sollen, zu googeln. Man schaue sich die Bilder dieses 1806 gebauten und 1940 abgerissenen Bauwerks an – auch die Pläne für dessen Wiederaufbau auf dem Areal des jetzigen Gezi-Parks. Zunächst erscheinen diese gar nicht so verrückt: Der im Stil des türkischen Rokoko gestaltete Komplex war ganz schön. Und das Grün würde auch nicht völlig verschwinden. Der Innenhof, der in der ersten Hälfte des Jahrhunderts als Fußballstadion diente, wäre im aktuellen Projekt wieder ein parkartiges Areal.

Dennoch bleibt das Vorhaben, an dem Erdogan partout festhalten will, eine Schnapsidee: ein symbolisches An­docken an jene Zeit, als die Sultane und Kalifen das Sagen hatten und die putschfreudigen Militärs dominant waren. In seiner Realisierung hätte das wohl die Ästhetik von Las Vegas, Disneyland oder dem Wurstelprater-Vorplatz.

Viel wichtiger aber: Die Menschen wollen diese von oben oktroyierte „Stadtplanung“ nicht. Sie hängen an ihrem Gezi-Park. Und so zündete das Retroprojekt des Regierungschefs die „Occupy-Gezi“-Bewegung – die größte türkische Massenbewegung seit Langem. Diese fordert den Abgang des immer autokratischer agierenden „Sultan“ Erdogan.

„Türkischer Frühling“: Als das werden in den Medien die Unruhen am Bosporus vielfach apostrophiert. Aber so sehr die jungen, städtischen, zumeist mittelständischen und ­Internet-affinen Demonstranten jenen gleichen mögen, die 2011 die Verhältnisse der arabischen Welt zum Tanzen brachten – das, was sich in der Türkei jetzt abspielt, ist etwas ­völlig anderes. Nicht zuletzt, weil da nicht der Rücktritt eines abgehobenen Diktators gefordert wird, sondern eines drei Mal hintereinander von einer großen Mehrheit gewählten ­Politikers, der – was immer noch passieren mag – als großer Reformer in die Geschichtsbücher eingehen wird.
Wie kann man also die aktuellen türkischen Turbulenzen interpretieren? Versuchen wir sie historisch zu verorten:

Als der ohnehin schon lange Zeit marode osmanische Vielvölkerstaat nach dem Ersten Weltkrieg das Zeitliche ­segnete, war es ein Kriegsheld, Mustafa Kemal, der den „kranken Mann am Bosporus“, wie die Türkei damals genannt wurde, zu einem zeitgemäßen Nationalstaat machte: Als Kemal Atatürk katapultierte der überaus aufgeklärte General die Türkei in die Moderne: Er brach die Macht der Moscheen, verordnete eine strikte Trennung von Kirche und Staat, verfügte die Europäisierung der Sitten und Gebräuche – er verbot das Tragen von Fes und Schleier – und führte die
lateinische Schrift und den gregorianischen Kalender ein.

Gestützt auf Militär und Staat und geleitet von einem ­Nationalismus, der die ethnischen Minderheiten, wie ­Kurden, Aramäer oder Armenier, wüst unterdrückte, wurde Atatürks Entwicklungsdiktatur eine echte Erfolgsstory.
Nach dessen Tod dauerte es nicht lange, bis es offensichtlich wurde: Die Dynamik dieses Herrschaftsmodells beginnt sich zu erschöpfen. Der Kemalismus kam in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in die Krise. War der Staat einst der Motor des ökonomischen Fortschritts, erwies sich der von Atatürk ererbte Etatismus spätestens in den 1960er- Jahren als Bremse der Entwicklung. Und die Allmacht der Armee verhinderte jegliche echte Demokratisierung des Landes. Politisches Chaos wurde mehrfach durch einen Militärputsch beendet, um kurz danach wieder voll auszubrechen.

Erst Erdogan stabilisierte Anfang dieses Jahrhunderts das Land. Neoliberale Reformen im besten Sinn bescherten dem Land ein spektakuläres Wirtschaftswunder. Er lockerte die strikten Säkularismus-Gebote und ermöglichte so den Aufstieg einer konservativ-religiösen Provinz-Bourgeoisie, die das Rückgrat des ökonomischen Aufschwungs werden ­sollte. Er drängte das Heer in die Kasernen zurück. Erstmals schien das Kurden-Problem lösbar. Und welch Ironie: Nicht die sich europäisch gerierenden, urbanen kemalistischen Eliten führten die ­Türkei an die Tore der EU, sondern eine in den Vorstädten und am flachen Land entstandene einstige Islamisten-Partei: die AKP des Recep Erdogan.

Die EU ist aber nicht wirklich gewillt, den europäischen Ambitionen Ankaras entgegenzukommen. Damit hat sie Mitschuld daran, dass Erdogans Erfolgsmodell bereits nach knapp einem Jahrzehnt zu degenerieren begonnen hat. Gleichzeitig mit der Implementierung beeindruckender ­Reformen (siehe Seite 64) wird das Regime immer unduldsamer gegenüber politisch Andersdenkenden. Die Gefängnisse sind voll mit seinen Kritikern. Sie werden immer ­häufiger als hinterhältige Terroristen, staatsfeindliche ­Verschwörer und ausländische Agenten verfolgt.

Atatürk stand für die erste große Modernisierung der Türkei, Erdogan für die zweite. Mit der „Occupy-Gezi“-Bewegung ist offenbar ein Wendepunkt erreicht: Die dritte Modernisierung hat begonnen – ein Prozess, in dem erstmals das türkische Volk, die Zivilgesellschaft, Hauptakteur ist.n

georg.ostenhof@profil.at