<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ehekrach

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ehekrach

In Frankreich tobt ein Kulturkampf um die gleichgeschlechtliche Liebe. Warum die Konservativen letztlich die Verlierer sein werden.

Und was ist das Problem? Etwa vier bis sechs Prozent der Menschen – weltweit und in allen Gesellschaften – sind homosexuell. Von dieser Minderheit wieder will nur eine kleine Minderheit den Bund fürs Leben eingehen. Und wie die Länder, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe schon eingeführt wurde, zeigen: Noch weniger von diesen Paaren haben die Absicht, gemeinsam Kinder großzuziehen. Ob nun Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen oder nicht, ist somit auf der realen gesellschaftlichen Ebene kaum von Bedeutung.

Dennoch entfesselt die Frage der Homo-Ehe gewaltige Leidenschaften. Die deutsche „Zeit“ diagnostiziert: „Einen solchen globalen Kulturkampf hat es lange nicht gegeben.“
Warum aber schwappen die Emotionen weltweit so hoch – und das gerade in Zeiten der Krise? Man würde annehmen, dass andere Probleme die Menschen mobilisieren müssten.

Besonders heiß tobt dieser Kulturkampf gerade in Frankreich. Dienstag vergangener Woche beschloss die Pariser Nationalversammlung die „Mariage pour tous“, die „Ehe für alle“ – inklusive Adoptionsrecht. Das war ein zentrales Wahlverspechen des sozialistischen Staatspräsidenten François Hollande.

„Papa und Mama – es gibt nichts Besseres für ein Kind“: Mit diesem Slogan – in babyfarblichem Rosa und Hellblau auf die Transparente gemalt – gingen in den vergangenen Monaten hunderttausende Menschen auf die Straße. Die Massendemos gegen die Homo-Ehe gehören zu den größten Aufmärschen der französischen Geschichte. Schon wird von einem „heißen französischen Frühling“, von einem „umgekehrten Mai 1968“ gesprochen. Und auch nach dem Parlamentsbeschluss von vergangenem Dienstag ebbt die Bewegung nicht ab: Weitere Großkundgebungen sind angekündigt.

Der Widerstand gegen die Homo-Ehe hat sich radikalisiert. Was – von der rechten Opposition und katholischer Netzwerken organisiert – als friedlicher Protest begann, ist in den vergangenen Wochen eskaliert: Rechtsextreme und christliche Fundis haben sich hinzugesellt und bestimmen zunehmend die Dynamik der Bewegung. Da werden schon mal Gay-Bars von Skinheads verwüstet und Händchen haltende homosexuelle Paare verprügelt. Es kommt zu Straßenschlachten mit der Polizei.

Die Konservativen verdächtigen die Linke einer perfiden Strategie: Sie wolle die traditionelle Familie durch die Homo-Ehe schwächen. Bloß, dazu braucht es die Schwulen nicht. Das besorgen die Heterosexuellen schon selbst: Überall steigen die Scheidungsraten, vielfach wird geheiratet, ohne die Absicht zu haben, Nachkommen zu produzieren und immer mehr Kinder werden außerhalb einer Ehe geboren, nur von einem Elternteil aufgezogen, leben in Familien mit wechselnden Partnerschaften oder in so genannten Patchwork-Kombinationen. Das klassische Familienbild von Vater–Mutter–Kind ist real passé. Die heilige Verbindung von Ehe und Fortpflanzung ist längst zerbrochen.

Offenbar steht die Homo-Ehe symbolisch für viel mehr. Sie wirkt als Chiffre für eine Moderne, die zunehmend ängstigt – für eine Entwicklung, in der langfristige Bindungen erodieren und die soziale Existenz der Menschen immer prekärer wird. Mit der Resistance gegen die „Ehe für alle“ glaubt die französische Rechte, den archimedischen Punkt gefunden zu haben, von dem aus sie eine breite Front gegen die Linke an der Macht aufbauen und die ohnehin schwer angeschlagene Präsidentschaft von François Hollande sturmreif schießen kann.

Die konservative Opposition hat freilich ein Problem: Rückgängig wird sie das Gesetz, das eine Mehrheit der Franzosen hinter sich weiß, wohl nicht machen können. Wenn die Rechte wieder an die Macht kommt, werden schon viele Schwulen und Lesben einander das Ja-Wort gegeben haben. Und außerdem ist – so weht nun mal der Zeitgeist – die Sache entschieden: In wenigen Jahren wird man gar nicht mehr verstehen, was man gegen die Homo-Ehe eigentlich gehabt hat.

Ist diese Retro-Bewegung also nicht ohnehin auf der Verliererstraße? Mag sein. Gefährlich ist dieser Kulturkampf dennoch. Und zwar weniger für die demokratische Linke als für die bürgerliche Rechte.

Auch in den USA mobilisierte letzthin die Republikanische Partei ihre Klientel nicht zuletzt über brisante gesellschaftspolitische Fragen wie Abtreibung und Homo-Ehe. Das gelang auch – nur allzu gut: Es entstand mit der Tea Party eine dynamische radikale Strömung, die zunehmend der Kontrolle der etablierten Konservativen entglitt. Die Bewegung wurde so stark, dass sie die Koordinaten der gesamten Republikanischen Partei nach rechts – weit entfernt vom Mainstream der US-Politik – rückte.

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich nun in Frankreich ab. Entsteht da mit der Radikalisierung der Bewegung gegen die „Ehe für alle“ eine französische Variante der amerikanischen Tea Party?

PS: Die ÖVP sei gewarnt. Die Frage der Homo-Ehe kommt früher oder später auch auf sie zu. Die internationalen Beispiele zeigen: Um dieses oder ähnliche Themen herum einen Kulturkampf zu entfachen, mag für christliche Konservative verführerisch sein, entpuppt sich aber letztlich als gefährliches Vabanquespiel.n

georg.ostenhof@profil.at