<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Ire namens Seamus

Wie ein toter Hund Mitt Romney den Weg ins Weiße Haus versperrt.

Er hat ein Schweizer Bankkonto. Er ist bekennender Mormone. Und er agierte in den republikanischen Primaries einfach zu weit rechts, um noch rechtzeitig in die politische Mitte kommen zu können.

Das sind nur drei Gründe für die wahrscheinliche Wahlniederlage Mitt Romneys im November. Wirklich seinen Weg ins Weiße Haus versperren wird ihm ein Hund namens Seamus. Dieser Irish Setter ist zwar seit Langem tot. Die Geschichte, wie ihn einst, im Jahr 1983, der junge Romney malträtiert haben soll, wird aber wieder und wieder erzählt.

Und der Herausforderer von Barack Obama ist ja selber daran schuld. Um zu illustrieren, welch cooler und stress­erprobter Krisenmanager Romney sei, hat einst sein Wahlkampfstab die inzwischen allseits bekannte Begebenheit geschildert: Eine zwölfstündige Autofahrt mit Frau und fünf Kindern nach Kanada; Seamus findet keinen Platz im Wagen. Romney steckt den Hund in eine Kiste und schnallt diese auf das Autodach. Der fühlt sich da offenbar nicht wohl und erleichtert sich. Wagen und Hund sind beschmutzt. Romney bleibt an einer Tankstelle stehen. Spritzt die Limousine und Seamus mit einem Wasserschlauch ab. Das Tier kommt wieder aufs Autodach.

Seitdem ebbt die Empörung über Romneys vorgebliche Tierquälerei nicht ab. Die Webpage „Dogs against Romney“ ist inzwischen Kult. Und Seamus rückt immer mehr ins Zentrum des Wahlkampfs. Erst kürzlich unterbrach Barack ­Obama seine launige Rede beim White House Correspondents Dinner mit einer Videomontage, die Romney zeigt, wie er gerade die Air Force One verlässt – oben auf dem Flugzeug ist ein Hundekäfig fixiert. Da wurde viel gelacht.

Der jüngste Versuch der Republikaner, auf gleicher ­caniner Ebene zu kontern, ging freilich daneben. Die von ihnen entdeckte Passage in der Autobiografie Obamas, wo dieser berichtet, als Bub in Indonesien nicht nur Schlangen, Heuschrecken, sondern auch Hundefleisch essen gelernt zu ­haben, regt kaum jemanden auf.

Ist es nicht absurd, dass das Hundethema die politische Öffentlichkeit in ernsten Zeiten wie diesen so beschäftigt? Mag sein. Neu freilich ist dies nicht. Bereits mehrere Male hat das präsidentielle Verhalten gegenüber Hunden in US-Wahlen eine entscheidende Rolle gespielt. Hier nur einige Beispiele: Der demokratische Präsident F. D. Roosevelt macht 1944 auf den pazifischen Aleuten-Inseln Wahlkampfstopp. Irrtümlich bleibt Fala, sein kleiner Scottish Terrier, dort im hohen Norden zurück. Die Republikaner beschuldigen darauf den Präsidenten, er habe einen Zerstörer der Navy ins Eismeer entsandt, das Haustier zurückzuholen. Roosevelt weist die Anwürfe zurück und witzelt in einer Radioansprache: Die Angriffe der politischen Gegner auf seine Frau und seine Söhne machten ihm und seiner Familie nichts aus. Aber wenn Fala attackiert werde, dann kränke sich der. „Seine schottische Seele ist wütend.“ Die Republikaner sind entwaffnet. Der Terrier wird zum Liebling der Nation. Und Roose­velt wiedergewählt – zum vierten Mal.

Richard Nixon verdankte seine Karriere wahrscheinlich Checkers, dem kleinen schwarz-weißen Spaniel seiner Tochter. 1952 kandidiert der rechte Republikaner als Vize von Präsident Dwight D. Eisenhower. Nixon ist unbeliebt. Ihm wird vorgeworfen, auf einen aus anonymen Spenden gespeisten Wahlkampffonds zurückzugreifen. In einer großen Rede verteidigt er sich. Offensichtlich von Roosevelt inspiriert, verkündet Nixon: Ein Geschenk werde er ganz gewiss behalten: Checkers, das Tier, das seine Tochter so liebe. Ein Wendepunkt: Die Rede – als „Checkers-Rede“ in die Geschichte eingegangen – sollte beweisen, dass Nixon doch ein Herz hatte, was damals allgemein angezweifelt wurde. Nixons Worte wirken. „It saved my career“, schreibt er später in seinen Memoiren. In der Tat: Acht Jahre sollte er als Vizepräsident amtieren. Und viel später, 1969, ins Weiße Haus einziehen.

Wahrscheinlich war es vor allem der Vietnamkrieg – aber auch eine vom Fernsehen ausgestrahlte Szene machte den Demokraten Lyndon B. Johnson zu einem der unbeliebtesten Präsidenten des vergangenen Jahrhunderts: Man sieht den Texaner, wie er einen seiner zwei Beagles an den Ohren packt und hochzieht. Allgemeine Entrüstung. Johnson, ein überaus erfolgreicher Sozialreformer, verzichtet 1968 auf eine weitere Kandidatur.

Köter machen Geschichte. Offenbar haben „first dogs“ ­einen hohen Stellenwert im politischen Gefühlshaushalt der Amerikaner. Es gab auch seit Menschengedenken keinen US-Präsidenten, der ohne „besten Freund“ im Weißen Haus residierte.

Die Demokraten kalkulieren nun freudig: 78 Millionen Hunde leben in den USA. Jeder von ihnen hat im Durchschnitt wohl etwa zwei (wahlberechtigte) Besitzer. Und wer von diesen wird nun für den „Hundequäler“ votieren?

Die Seamus-Geschichte wirkt offenbar so stark, weil sie so perfekt in die negative Romney-Storyline passt, die von seinen Gegnern verbreitet wird: der herzlose Manager, der über Leichen geht, abgehoben ist und nicht weiß, wo den amerikanischen Normalo der Schuh drückt. Oder wie es Scott Crider, der Erfinder der Internetplattform „Dogs against ­Romney“, schroff ausdrückt: „Die Geschichte zeigt: Der Typ ist nicht einer von uns, er ist einfach böse.“

georg.ostenhof@profil.at