<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Königreich für ein Pferd

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Königreich für ein Pferd

Von Speise-Tabus, Walzerträumen und katholischen Ängsten.

Was hat der Pferdeleberkäs mit Papst Gregor III. zu tun, was die Skandal-Lasagne mit Karneval und Opernball? Die Wege der Geschichte sind unergründlich. Das zeigen zwei aktuelle Ereignisse.

Dienstag vergangener Woche wurde, wie das Wort Karneval schon sagt, dem Fleisch ade gesagt: Die Katholiken sind bekanntlich von alters her dazu angehalten, von Aschermittwoch bis Ostern auf den Verzehr von Braten und Filets, von Schinken, Würsten und Stelzen zu verzichten. Diesmal war beim Anbruch der Fastenzeit jedoch ein ganz besonderes Fleisch Objekt der allgemeinen Aufmerksamkeit: das Pferdefleisch.
Da glaubt jemand eine ganz harmlose im Mikroherd schnell zubereitete Lasagne zu mampfen – und dann erfährt er, dass im Verspeisten nicht feines Haschee vom Rind, sondern billigeres vom Pferd verarbeitet war. Die Empörung ist groß. Verständlich, angesichts der Untaten einer grenzüberschreitenden Fleischmafia, die den gutgläubigen Konsumenten so hinterhältig täuscht.

Dass aber die Emotionen jetzt derart hochkochen – so, als ob die Menschheit wieder einmal von so Bedrohlichem wie einer Rinderseuche, Schweinepest oder Vogelgrippe in ihrer schieren Existenz gefährdet wäre –, ist so einleuchtend nicht. Zunächst schmeckt das Fleisch des Reittiers gut. Das wissen nicht nur die Liebhaber der auch bei uns populären Pferdeleberkässemmel. Pferdesteak oder Fohlengulasch sind auch billig. Nicht nur das: Im Vergleich zu ähnlichen Speisen von Rind und Schwein gelten sie als überaus gesund: arm an Fett und reich an Proteinen und Eisen. Also warum die große Aufregung?

Um die zu verstehen, muss man tief in die Geschichte hin­absteigen. Fast überall frönten die Menschen jahrtausendelang der Hippophagie, dem Konsum von Pferdefleisch – bis im Jahre 732 der damalige Papst Gregor III. diese Usance als „abscheuliche Praxis“ verteufelte. Warum er daranging, diese letztlich zur Todsünde zu erklären, ist nicht endgültig geklärt. Nach einer Version wollte der martialische Pontifex verhindern, dass die Rösser, mit denen man gegen den Islam ritt, in den Kochtöpfen verschwinden. Eine andere verweist darauf, dass die germanischen Stämme das Pferd als Opfertier hoch schätzten. Man weihte sie den Göttern und verzehrte sie dann als besondere Spezialität. Im Zuge der Christianisierung des nördlichen Europas bekämpfte man nun diese heidnischen Bräuche. Wahrscheinlich stimmen beide Erklärungsansätze. Bis ins frühe 19. Jahrhundert sollte – wenn auch in Zeiten der Not oft durchbrochen – das kirchliche Verbot des Genusses von Pferdefleisch aufrecht bleiben.

Dass in den lateinischen Ländern dieses Speise-Tabu nicht so durchgängig ist und etwa Boucheries Chevalines in Paris so viel zahlreicher sind als die so genannten Pepihacker in Wien, liegt wohl daran, dass im Süden des Kontinents der Kampf gegen germanische Pferdeverehrer nicht notwendig war.

In England wiederum ist in diesen Tagen die Empörung besonders groß. Und das hat auch wieder historische Gründe. Die frühe Industrialisierung der Angelsachsen hat schneller als anderswo das Pferd von seiner Rolle als Arbeitstier „emanzipiert“. Es wurde zum Prestigeobjekt der oberen Schichten. Dass sich die hungrigen Massen an diesem edlen Tier vergriffen, konnte nicht zugelassen werden. So ist das Hippophagie-Tabu auf der Insel besonders tief und fest in den Seelen der Menschen verankert.
Der in Europa weitverbreitete Ekel vor Pferd am Teller hat also weit weniger mit dem Geschmack von dessen Muskelgewebe oder mit aktueller Tierliebe zu tun als letztlich mit den Manövern eines Papstes von vor 1300 Jahren. Unser Ekel stammt aus dem Mittelalter.

Ähnlich Kurioses, das auf Geschichtliches verweist, fiel mir in den diesjährigen Faschingstagen auf. Von der grassierenden Grippe ans Bett gefesselt, hatte ich die Gelegenheit, vergleichende Studien anzustellen. Die im Fernsehen verfolgten Karnevalsevents aus Köln und Mainz bestätigten meine Eindrücke von früher: Für uns Wiener ist dieser dumpfe Ausbruch kollektiven und organisierten Frohsinns am Rhein nur sehr schwer auszuhalten. Ähnlich wie der Villacher Fasching. Da mag man über die Tanzwut der Wiener auf den unzähligen Bällen lästern, verglichen mit den Events des deutschen Karnevals sind jene des Wiener Faschings geradezu Höhepunkte menschlicher Zivilisation. Ja, auch und gerade der Opernball.
Und wem oder was ist das geschuldet? Es war Maria Theresia, die so recht erst diese Balltradition beförderte. Der Fasching mit seinen Verkleidungen, seinen Rollenspielen und Tanzvergnügungen ist zwar eine durch und durch katholische Angelegenheit – die Reformation machte in den protestantischen Gebieten dem Karneval den Garaus. Aber das maskierte Volk auf den Wiener Straßen war der katholischen Habsburgerin dann doch zu unheimlich. Da könnten ja vermummte Mörder und Revoluzzer ihr gefährliches Unwesen treiben, meinte die Habsburgerin. Outdoor-Maskeraden wurden verboten. Die Wiener waren gezwungen, sich für ihre Faschings-Lustbarkeiten in die Innenräume der Palais, der Bürgervillen und Gasthäuser zurückzuziehen.

Und so ertönen vor dem Beginn der Fastenzeit in Wien nicht Rufe wie „Helau“, „Alaaf“ und „Lei, lei“, sondern ­„Alles Walzer!“. Dank der maria-theresianischen Verbote.

georg.ostenhof@profil.at