<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Mann, ein Wort

Über Barack Obama und Worte, die die Welt verändern werden.

Jetzt müssen aber den Worten Taten folgen. So oder so ähnlich endeten tausende Kommentare. Die große Rede Barack Obamas in Kairo wurde fast überall begeistert aufgenommen, fast immer aber wurde schließlich vom amerikanischen Präsidenten Handeln eingefordert. Reden allein bringe nichts.

Die Kraft der Rede sollte freilich nicht unterschätzt werden. Wie heißt es doch in der Bibel: Im Anfang war das Wort. Und es war just auf der Website des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera, wo man es verstanden hat: „In dieser von Bildern besessenen Welt vergisst man oft, wie einige wenige Worte vom richtigen Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort die Welt verändern können.“

Wie wahr! Nach Obamas allgemein als rhetorische Meisterleistung eingeschätzter Rede wird die Welt tatsächlich eine andere sein als zuvor. Und zwar nicht, weil er etwa einen neuen Friedensplan für den Nahen Osten enthüllt oder eine konkrete Politik angekündigt hätte – das tat er nicht. Es war der Ton, den er anschlug, der die Rede so radikal und kraftvoll machte. Durch alle Passagen zog sich ein roter Faden: Respekt für Moslems und Araber und Hochachtung für deren Kultur. Gleichzeitig aber hat er das furchtbare Schicksal der Juden in der Geschichte zur Sprache gebracht und jeden Versuch, den Holocaust zu leugnen, aufs Schärfste verdammt.

Mindestens so wichtig wie das, was Obama sagte, war, was er nicht sagte. Zwar versprach er mit aller Kraft gegen bewaffnete und gewaltbereite Extremisten kämpfen zu wollen. In seiner ganzen Rede kamen aber die Worte Terror, Terrorismus und Terroristen nicht vor.

Erinnern wir uns: Nach dem 11. September hatte Obamas Vorgänger George W. Bush den „Krieg gegen den Terror“ ausgerufen. Und das war nicht nur eine sprachliche Volte. Damit wurde eine ganze Weltsicht ausgedrückt. Und diese manichäische Ideologie des „Clash of Civilization“ führte nicht nur zum desaströsen Irak-Krieg – für den sich Obama jetzt entschuldigte –, sie errang in den übrigen westlichen Ländern die Hegemonie, ja vergiftete da das Denken breitester Schichten. Diese Ideologie des Bush-Amerika gab den Humus ab, auf dem in Europa und anderswo jene Islamophobie wuchs, die sich immer wieder als grober Rassismus entpuppt.

Es mag weit hergeholt erscheinen – aber die beschämende und erschütternde Tatsache, dass bei uns in Österreich im EU-Wahlkampf die Parteien hauptsächlich darum stritten, wer effektiver die Türken aus Europa raushalten will, hat auch mit Bushs „Krieg gegen den Terror“ zu tun.
Mit dem ist jetzt Schluss. Und so wie das militante Freund-Feind-Denken Bushs mit all seinen kriegerischen Konnotationen über den Atlantik nach Europa geschwappt war, so kann man auch erwarten, dass Obamas auf Kooperation abzielende und multikulturalistische Weltsicht ihre Wirkung entfalten wird. Eine globale ideologische Revolution kündigt sich an.

Nicht nur im Denken, auch ganz real verändern die Worte Obamas so einiges. Es ist kein Wunder, dass ­gerade die Extremisten der Al Kaida und der konservative Klerus im Iran besonders wütend reagierten. Da geht ihnen unter der Hand ihr Hauptfeind und damit ihre Raison d’ˆEtre verloren. Wie kann man noch so locker gegen den „großen Satan“ hetzen, wenn der jetzt mit demonstrativem Mitgefühl das 60 Jahre andauernde Leid der Palästinenser anspricht, für sie einen Staat fordert, Friedenspassagen aus dem Koran einfühlsam zitiert und den zivilisatorischen Beitrag des Islam zur Menschheitsentwicklung in den höchsten Tönen preist? In Kairo hat – um noch einmal in der martialischen Diktion der nun zu Ende gegangenen Ära zu bleiben – Obama eine Schlacht gegen Osama gewonnen. Ist in den vergangenen zwei Jahren die Unterstützung für die Dschihadisten ohnehin schon dramatisch zurückgegangen, bedeutet Obamas ägyptische Performance geradezu eine Katastrophe für Bin Laden und Co. Auch für die Konservativen im Iran könnte es eng werden. Es wäre nicht verwunderlich, sollte nun kommenden Sonntag Hussein Moussavi, der Reformkandidat, der für Entspannung und Öffnung steht, das Rennen um die Präsidentschaft machen. Die Abwahl des radikalen Eiferers Mahmud Ahmadinejad wäre auch ein wenig das Verdienst der Obama-Rhetorik.

Vereinzelte Kritik kommt freilich auch von traditionellen Unterstützern des US-Präsidenten: Er hätte nicht scharf genug die verheerende Politik Israels gegenüber den Palästinensern verurteilt. Diesen Kritikern muss man aber erwidern, dass sie Obamas Taktik nicht verstehen. Um eine tatsächliche Wende in der israelischen Politik zu schaffen, braucht es Kräfte in Israel selbst, die solch einen neuen Kurs steuern können. Die sind im Moment nicht vorhanden. Was brächte ein von Anfang an offen konfrontativer Kurs gegenüber Jerusalem? Mit seinem bestimmten, aber vorsichtigen Auftreten verprellt er nicht von vornherein jene Kräfte, die – um ein altes Kreisky-Wort zu strapazieren – „ein Stück des Weges“ mitgehen und auf diesem Weg sich ändern könnten. Wie überhaupt Obamas Versuch, auch in anderen Bereichen der Politik zuallererst das Gemeinsame und nicht das Trennende zu suchen, nicht schale Konfliktscheu und Übertünchen von realen Konflikten zu sein scheint, sondern ein wohl überlegtes strategisches Konzept.

All jenen, die versäumt haben, die Obama-Rede live im Fernsehen zu verfolgen, sei aber Youtube empfohlen. Der Auftritt des amerikanischen Präsidenten in Kairo zeigt, dass Politik nicht notgedrungen ein prinzipienloses Machtspiel von mediokren Personen sein muss, sondern auch Integrität, Humanismus und Aufklärung bedeuten kann.

georg.ostenhof@profil.at