Georg Hoffmann-Ostenhof: Adiós compañeros!

Georg Hoffmann-Ostenhof: Adiós compañeros!

Eineinhalb Jahrzehnte regierte die Linke Lateinamerika. Nun geht diese Ära zu Ende. Ein Grund zur Trauer?

Wir erleben das Ende linker Regierungsmacht in Lateinamerika. Das Pendel schlägt wieder nach rechts aus. Die Argentinier wählten am 6. Dezember den Linksperonismus der Kirchner-Familie ab. Mit dem Erdrutschsieg der bürgerlichen Opposition bei den Wahlen in Venezuela wird deutlich: Der bolivarische Sozialismus des Hugo Chávez ist endgültig gescheitert. Und den anderen Linksregierungen am Kontinent geht es auch nicht gut. Die Umfrageergebnisse in Brasilien, Chile, Bolivien und Ecuador können eindeutiger nicht sein. Die europäische Linke darf trauern.

Für sie war Lateinamerika immer schon ein Sehnsuchtsort. Fidel Castro, Che und deren Guerilla-Genossen anderswo auf dem Kontinent schienen den radikal Jugendbewegten der 1960er- und 1970er-Jahre zu zeigen, dass Revolutionen möglich sind. Der Sozialismus des Chilenen Salvador Allende und dessen gewaltsam herbeigeführtes Ende im Jahre 1973 hatten im Gefühlshaushalt der linken Nachkriegsgeneration einen ähnlichen Stellenwert wie der Spanische Bürgerkrieg der 1930er-Jahre für deren Väter. Wenig später war die tatkräftige Hilfe beim Aufbau des sandinistischen Sozialismus angesagt. Der Revolutionstourismus nach Nicaragua boomte.

Dann machte der Lateinamerika-Hype ein wenig Pause. Die kratzigen Alpaka-Pullover wurden verräumt und die Anden-Flöten-Ensembles verschwanden zunehmend aus den Fußgängerzonen der europäischen Städte.

Aber zu Beginn der 2000er-Jahre blickten viele wieder hoffnungsfroh in Richtung Südamerika: Eine kleine Welle linker Wahlsiege rollte durch den Kontinent. Und es war für alle etwas da: Die radikalen Antiglobalisierer und Antiimperialisten freundeten sich mit den venezolanischen Konzepten eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ an. Die müde gewordenen europäischen Sozialdemokraten ließen sich vom ehemaligen Metallarbeiter Lula da Silva faszinieren, der robust-pragmatisch das große Brasilien auf Reformkurs brachte. Und beeindruckt waren alle, wenn Leute wie Evo Morales, der bolivianische Indio und einstige Kokabauer, im Namen des Volkes den verkommenen und räuberischen Eliten seines Landes Mores lehrte.

Und es ließ sich alles sehr gut an. Brasilianische und argentinische Familien erhielten Geld, wenn sie ihre Kinder in die Schule schickten, in venezolanischen Elendsviertel ordinierten plötzlich kubanische Ärzte, und überhaupt: Fast überall besserten sich die Sozialdaten, Bildungs- und Gesundheitswesen wurden für die armen Bevölkerungsteile zugänglich, und Millionen von Ausgeschlossenen fanden den Weg zu bescheidenem Wohlstand.

Warum wenden sich dann aber die Leute nun so klar von ihren linken Regierungen ab?

Zunächst: Bei allen sozialen Fortschritten ist die Ungleichheit in diesen Ländern fast unverändert hoch. Außerdem konnten die Regierungen, seien sie nun linkspopulistisch oder sozialdemokratisch, ihre progressive und generöse Sozialpolitik anfangs vor dem Hintergrund stark steigender Rohstoffpreise betreiben. Mit der globalen Wirtschaftskrise und dem allgemeinen Verfall der Weltmarktpreise von Öl, Gas, aber auch Agrarprodukten, wurde den lateinamerikanischen Umverteilungsökonomien zunehmend der Boden entzogen.

Darauf waren die meisten Regierungen nicht vorbereitet. Sie hatten mit den sprudelnden Geldquellen der Boomzeit den Staatsapparat gemästet, ihre Wählerbasis in den Favelas bedient, Wasser, Energie, Verkehr und heimische Industrien subventioniert, aber keine Anstalten gemacht, die Wirtschaft zu modernisieren und zu diversifizieren. Nicht wenige der linken Präsidenten und Premiers, vor allem jene, die sich in alter Caudillo-Tradition als soziale Heilsbringer gerierten, entpuppten sich als ökonomische Analphabeten.

Nun stehen sie vor den Scherben ihrer Politik. Und die chronische Krankheit Lateinamerikas, die Korruption, hat auch unter linken Regierungen epidemische Formen angenommen.

Noch eines: Der historische Hauptfeind der lateinamerikanischen Linken, die Vereinigten Staaten, ist auch nicht mehr das, was er einmal war. In der Tat agierten die USA im Süden Amerikas die längste Zeit höchst unfreundlich. Vor allem während des Kalten Krieges zettelten sie Militärputsche an, finanzierten rechte Todesschwadrone und etablierten horrible Diktatoren. Die Zeit ist vorbei.

Wie sehr diese Lateinamerikapolitik Washingtons der Vergangenheit angehört, demonstrierte nicht zuletzt Barack Obama, als er in diesem Frühjahr nach nun fast schon sechs Jahrzehnten Totalisolierung der kommunistischen Karibikinsel Kuba auf Entspannungskurs einschwenkte. Das für die lateinamerikanische Linke einende Feindbild verblasst zunehmend.
Und was bleibt von der linken Ära, die nun zu Ende geht? Zunächst das, was der dezidierte Wirtschaftsliberale und peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa in einem profil-Interview vor ein paar Jahren sagte: „Das erste Mal in der Geschichte Lateinamerikas erleben wir linke Regierungen, die demokratisch gewählt sind und nach demokratischen Spielregeln agieren“ – und, wie es aussieht, auch demokratisch abzutreten bereit sind. Es gibt zudem die begründete Hoffnung, dass der rechte Rollback nicht allzu radikal ausfällt und die an die Macht gelangenden Konservativen funktionierende Sozialprogramme erhalten werden.

Die trauernden linken Fans Lateinamerikas in Europa seien aber darauf hingewiesen, dass nach allen Umfragen die Völker dort, der Armut und der politischen Misere zum Trotz, zu den glücklichsten auf der ganzen Welt zählen.