<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Es war einmal Belgien

Warum Flamen und Wallonen einander nicht mögen – aber dennoch zusammenbleiben sollten.

Vielleicht werden die österreichischen Fußballer, wenn die Belgier im Rahmen der EM-Qualifikation Ende März nach Wien kommen, gegen eine Mannschaft eines Staates spielen, den es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gibt. Belgien ist im Begriff, sich aufzulösen.

Seit vielen Jahren geistert die Spaltung des 10-Millionen-Einwohner-Landes durch die Köpfe. In den vergangenen Monaten, Wochen und Tagen beschleunigte sich aber der Zerfallsprozess. Bei den Wahlen am 13. Juni wurde die flämische Separatisten-Partei N-VA mit 30 Prozent der Stimmen nicht nur die stärkste flämische, sondern auch die stärkste gesamtbelgische Partei im Brüsseler Parlament. Das sind zwar die moderateren Nationalisten in Flandern – sie gewannen auf Kosten des rechtsradikalen Vlaams Belang –, aber auch sie machen klar: Mit den französischsprachigen Belgiern, den Wallonen im Süden des Landes, wollen sie nicht mehr im gleichen Staat leben.

Verhandlungen der flämischen Separatisten mit der zweitstärksten Partei, den wallonischen Sozialisten, sind vorerst gescheitert, und es ist nicht abzusehen, wie unter diesen Bedingungen eine Regierung zustande kommen könnte.

Und nun hat es vergangene Woche erstmals ein amtierendes Regierungsmitglied offen ausgesprochen: „Wir müssen uns auf das Ende Belgiens vorbereiten“, sagte Laurette Onkelinx, die Französisch sprechende Vize-Premierministerin, deren Namen so klingt, als stammte sie aus einem kleinen gallischen Dorf. „Wir steuern auf eine Trennung zu.“

Es ist absurd. Erleben wir den Zerfall eines Staates im Herzen Europas? Oder gar die Entstehung eines „failed ­state“ in dem am meisten entwickelten Teil des Kontinents? Was ist da passiert?

Es ist offensichtlich, was die Flamen zu ihrem Separatismus treibt: Der wallonische Süden ist arm und das nördliche Flandern reich. Dort liegt das Einkommen bei 118 Prozent des EU-Durchschnitts, jenes der Französisch sprechenden Belgier bei 85 Prozent. Diese haben eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie die Flamen und eine um ein Fünftel geringere Pro-Kopf-Produktivität. Warum sollen wir die Hungerleider in Charleroi, Namur oder Liège finanzieren?, fragen sich viele in Antwerpen, Brügge oder Löwen.

Dass die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen inzwischen eine Eskalation erleben, die in ihren politischen Ausprägungen der Verrücktheit des Kärntner Orts­tafelkonflikts keineswegs nachsteht, hat seine historischen Wurzeln.

Die Wallonie war im 19. Jahrhundert das Zentrum der Industrialisierung Belgiens, ja ganz Europas. Die Wallonen wurden reich und zur herrschenden Elite. Das ließen sie die Menschen in Flandern spüren: Französisch wurde zunächst zur Staatssprache, ab der Mittelschule wurde nur mehr in Französisch gelehrt, und Französisch dachten, redeten und schrieben die Intellektuellen. Selbst die Oberschicht in den flandrischen Städten wollte nicht Flämisch parlieren. In der Hauptstadt Brüssel, die selbst vor 150 Jahren noch eine fast rein flämische Metropole war, verständigen sich heute neunzig Prozent auf Französisch. Die Flamen, an denen die industrielle Revolution vorbeigegangen war, entwickelten sich zu einer verachteten rückständigen Unterschicht, deren Sprache als unzivilisiertes Idiom der Bauern abgetan wurde.

Mit dem Niedergang der Schwerindustrie haben sich aber seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Verhältnisse umgekehrt: Die Wallonen sackten ab, die Flamen aber erlebten einen spektakulären Aufstieg. Nun rächen diese sich dafür, dass sie lange Zeit so mies behandelt wurden. Das Bedürfnis nach Revanche steckt hinter der Stärke und Lebendigkeit des flämischen Separatismus.

Ist also das Ende Belgiens tatsächlich besiegelt, die Trennung der Wallonen und Flamen, die seit 1830 in einem gemeinsamen Staat leben, unvermeidlich? Und was wäre so katastrophal daran?

Es deutet nichts darauf hin, dass eine Trennung der beiden Teile gewaltsam vor sich ginge. Warum sollen die belgischen Volksgruppen nicht in der Lage sein, sich zivilisiert auseinanderzudividieren? Da könnte eine Konföderation zweier unabhängiger Staaten entstehen, die sich den König teilen. Brüssel könnte nach dem Vorbild der USA eine Art Washington, D.C. der EU werden. Auch möglich, dass die arme Wallonie nicht überlebensfähig wäre und sich Frankreich anschlösse. Gewiss: Einfach wäre so eine Trennung nicht, aber im Rahmen der Europäischen Union – mit gemeinsamer Währung und ohne Grenzbalken – müsste man einer derartigen Entwicklung nicht mit Schrecken entgegensehen.

Symbolisch jedoch wäre der Zerfall Belgiens ein Desaster – ist das Land doch das Zentrum der Europäischen Union, die in Brüssel ihre Hauptquartiere hat. Die belgischen Verhältnisse sind jetzt bereits „ein Schlag gegen das Modell EU, das auf der Idee basiert, dass verschiedene Kulturen und Völker zusammenarbeiten können“, beklagt der Politologe an der Katholischen Universität von Löwen, Lieven De Winter. Die dumme Vorstellung, dass in einem Land nicht mehrere Sprachen gesprochen werden können, scheint zu triumphieren.

Eine gefährliche Entsolidarisierung greift in ganz Europa um sich: Die wohlhabenden Regionen wollen ihren Reichtum nicht mehr teilen – siehe auch den Aufschwung der Lega Nord in Italien. Die reichen EU-Länder wollen den armen nicht mehr helfen – siehe etwa den Fall Griechenland. Und generell stehen in der EU die Zeichen auf Renationalisierung. Nationaler und regionaler Egoismus ist en vogue, Provinzialismus am Vormarsch.

Die belgische Misere ist nur ein Ausdruck dieser allgemeinen, höchst beunruhigenden Tendenz. In diesem Kontext ist man versucht, „Lang lebe Belgien!“ zu rufen.

georg.ostenhof@profil.at