<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Eurobonds und Holocaust

Warum man die europäische Krise ohne die deutsche Geschichte nicht verstehen kann.

Diesmal vermochte Thilo Sarrazin nicht wirklich zu provozieren. Sein „Europa braucht den Euro nicht“ ist eine Kritik an der gemeinsamen Währung, die – ähnlich und besser geschrieben – bereits vor ihm unzählige Ökonomen geübt haben. Empörung konnte dennoch nicht ausbleiben. Die macht sich fest an einer kurzen Passage, in der der rechte Sozialdemokrat und Ex-Bundesbanker gegen die linken und grünen Befürworter von gemeinsamen Staatsanleihen polemisiert. Die seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Und in einem Interview präzisierte er: „Wir dürfen aus einer historischen Schuld keine Schuldenberge machen.“

Offener Hass und Verachtung schlagen Sarrazin entgegen. Man möge diesem Provokateur keine Öffentlichkeit geben, wird gefordert. „Nationalistischen Unsinn“ attestiert man ihm. Und der FDP-Generalsekretär Patrick Döring stellte fest: „Sarrazin verknüpft die Frage der historischen Verantwortung Deutschlands unzulässig mit der aktuellen währungspolitischen Debatte.“

Da mag Sarrazin mit seiner Polemik gegen die Eurobonds Unrecht haben und auch sonst danebenliegen: Die aktuelle Europapolitik auf die deutsche Geschichte zu beziehen ist aber nicht nur nicht unzulässig, sondern im Gegenteil absolut notwendig. Und natürlich hat die momentane Diskussion um die Zukunft des Euro mit dem Holocaust zu tun. Ohne das tiefe Misstrauen, das die Welt gegenüber den Deutschen hegt, wäre die europäische Einigung gar nicht auf den Weg gebracht worden, analysierte kürzlich Helmut Schmidt, der ehemalige Bundeskanler und Grand Old Man der deutschen Politik, in einer großen Rede. Und dieses Misstrauen ist älter als der Zweite Weltkrieg.

Legionen sind die Bücher über jenen „deutschen Sonderweg“, den die übrigen Europäer fürchten lernten. Das Trauma des Dreißigjährigen Kriegs habe die deutsche Seele geformt, schreibt der Soziologe Norbert Elias in seinen „Studien über die Deutschen“: Sie seien geprägt von Innerlichkeit und depressiver Mentalität in Zeiten der Schwäche, von Aggressivität und autoritär-antidemokratischer Grundhaltung in Stärke-Perioden.

Obrigkeitsstaatliches Denken und Militarismus kennzeichneten – so der Philosoph Helmuth Plessner – die „Verspätete Nation“, die seit ihrem Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für das übrige Europa immer bedrohlicher wurde. Der Sonderweg mündete schließlich in die zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts und in die Shoah. „Wir sind uns nicht ausreichend im Klaren darüber, dass bei fast allen unseren Nachbarn wahrscheinlich noch für viele Generationen ein latenter Argwohn gegen die Deutschen besteht“, sagte Schmidt.

Jedenfalls war eines der Hauptmotive für das europäische Projekt die Angst vor dem Entstehen eines neuerlichen Dominanzstrebens Deutschlands. Man wollte dieses geopolitisch so zentrale Land fest einbinden und dadurch zähmen. Auch der Euro wurde bloß deswegen so hastig eingeführt, weil man glaubte, nur so das durch das Ende der Spaltung erstarkte Deutschland auf dem gemeinsamen Weg halten zu können. Um die internationale Zustimmung zur Wiedervereinigung zu erlangen, musste die D-Mark aufgegeben werden. Nach ihrem Vorbild wurde dann die gemeinsame europäische Währung konstruiert – das war deutsche Bedingung. Wenn der Euro – wie jetzt nicht nur von Sarrazin behauptet wird – wesentliche Geburtsfehler aufweist, dann liegt das also auch an den Deutschen.

Neben der allzu oft verdrängten Tatsache, dass die EU ohnehin als solidarische Gemeinschaft konzipiert ist, in der die Starken den Schwächeren helfen – es gibt ja nicht grundlos Nettozahler und Nettoempfänger –, habe Deutschland kraft seiner unglücklichen Rolle im Verlauf der europäischen Geschichte „eine zusätzliche Solidaritäts-Verpflichtung“. Das sagt kein gefühlsduseliger Gutmensch, sondern der als kühler Pragmatiker bekannte Helmut Schmidt. Vor allem aber liege es „im kardinalen, langfristig-strategischen Interesse Deutschlands, sich nicht zu isolieren“.

Der hinhaltende Widerstand Angela Merkels gegen ein gemeinsames europäisches Schuldenregime – das international immer mehr Befürworter findet – drohte jedoch, die deutsche Regierung zu isolieren. Antideutsche Gefühle gegen das „Spardiktat aus Berlin“ begannen in mehreren Staaten der europäischen Peripherie aufzuwallen. Ein Alarmzeichen, das aber sichtlich verstanden wurde: Noch immer will die Kanzlerin keine gemeinsamen Anleihen, aber in den vergangenen Monaten hat sie auch bewiesen, dass sie um den Wert der europäischen Integration weiß und kompromissfähig und -willig ist. Die Einführung von Eurobonds zur Entlastung der notleidenden EU-Staaten dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Offenbar hat man da doch aus der Geschichte gelernt. Vor allem auch innenpolitisch. In kaum einem anderen europäischen Staat haben rechtspopulistische, radikalnationalistische und rassistische Strömungen so wenig politische Chancen wie in Deutschland.

georg.ostenhof@profil.at