<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Freud in Peking

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Freud in Peking

Auch die Chinesen träumen. Aber ­anders als ihre Führung – für die dürfte es ein böses Erwachen geben.

Millionen Chinesen radelten in blauem Drillich durch Pekings Straßen. Nur selten war ein Auto zu sehen. Noch lebte die Mehrheit der Chinesen in den malerischen Hutongs, jenen engen Gassen mit den ebenerdigen traditionellen Mehrfamilien-Häusern mit Innenhof. So erlebte ich China vor fast drei Jahrzehnten, als ich das erste Mal das Land besuchte. Und doch war der Aufbruch schon zu spüren, der das Riesenland zur zweiten Wirtschaftsmacht nach den USA machen sollte.

Auch kulturell kündigten sich damals große Veränderungen an. Westliche Gesellschaftswissenschaften und Künste waren jahrzehntelang als Gift bourgeoiser Ideologie vom Volk ferngehalten worden. Nun erlebte China ein so genanntes Tauwetter. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Pekinger Intellektuellen. Sie gierten danach, all das zu lesen und zu sehen, was ihnen so lange verwehrt war. Mit leuchtenden Augen erzählten sie mir, dass gerade eine Schrift von Sigmund Freud in ihrer Sprache erschienen war: „Die Traumdeutung“ – ein Buch, das sie alle geradezu verschlangen.
Heute wirken die Skylines von Peking und Shanghai beeindruckender als jene von New York und London. Auf den Stadtautobahnen ist wegen des Staus kein Vorwärtskommen. Längst ist der Mao-Anzug aus dem Straßenbild verschwunden. Dem kulturellen Tauwetter der frühen achtziger Jahre sind Eiszeiten gefolgt. Und wieder Tauwetter. Die Information ist aber nach wie vor streng kontrolliert. Auch wenn sich die Behörden immer schwerer tun: Wenn im Internet Sekunden und Minuten reichen, um einen Text zehntausendfach zu verbreiten, dann kommt die Zensur schlicht nicht nach. In der chinesischen Version von Twitter, im Sina Weibo, sind aber täglich hunderte Millionen Chinesen unterwegs.

In diesen Tagen vornehmlich als Traumdeuter.

Es geht um den „Chinesischen Traum“. Das ist der zentrale Slogan, der vom neuen Staats- und Parteichef Xi Jinping im März ausgegeben wurde. Er spricht von der „großen Renaissance der chinesischen Nation“, die es einzuleiten gelte. Was bedeutet aber dieser Traum in der Realität? Das Unkonkrete dürfte beabsichtigt sein. Gerade das pathetisch Vage soll die Leute mit den unterschiedlichsten Interessen mobilisieren, zusammenbringen und an die führende Partei binden.

Zunächst: In der Beschwörung der Wiedergeburt einstiger Größe und Stärke – in diesem Traum drückt sich ein durchaus freudianisch interpretierbares tiefes Trauma aus, ein Trauma des großen Verlustes in frühen Jahren. Man vergesse nicht: China war über tausend Jahre bis Ende des 18. Jahrhunderts dem Westen in fast allen Bereichen überlegen. Noch 1830 hatte das Reich der Mitte ein Drittel des globalen Bruttoinlandsproduktes. Mitte des 20. Jahrhunderts war dieses auf vier Prozent (!) abgesackt, um jetzt wieder etwa 13 Prozent zu erreichen. Die Fantasie der nationalen Wiedergeburt ist nachvollziehbar.

Aber teilt das Volk die Fantasie ihrer Führer, die offenbar einen Gegenentwurf zum American Dream präsentierten wollten? Die regierenden Kommunisten unternehmen alles, die Traumkampagne in Gang zu bringen: Schulen organisieren Redewettbewerbe zum Thema, eine Talent-Show im TV mit dem Titel „Die Stimme des Chinesischen Traums“ soll das Publikum locken, Volksmusiker besingen die Zukunftsvisionen der Partei.

Wirklich erfolgreich scheint das alles nicht zu sein. Als das Regierungsorgan „Volkszeitung“ die Leser aufforderte, einen Artikel über den China-Traum zu kommentieren, kamen auf Weibo mehrheitlich nur ablehnende Tweets wie etwa: „Nur Führer haben Träume, wir haben nicht einmal das Recht zu träumen.“ Oder: „Der einzige chinesische Traum ist der, nach Amerika zu gehen und dem amerikanischen Traum nachzujagen.“ Ein anderes Blatt machte eine Umfrage zum Thema, musste diese aber abbrechen, weil 80 Prozent negative Antworten kamen.

„Der chinesische Traum kann die Bevölkerung nicht begeistern, weil sie kaum mehr Vertrauen in die herrschenden Eliten hat“, analysiert Lanxin Xiang, der in Genf lehrende Historiker und Sinologe: Xi habe mit seinem Zögern, konkrete Maßnahmen zur Säuberung der durch und durch verrotteten regierenden Partei zu setzen, enttäuscht: „Die Hoffnung auf politische Reformen schwindet.“

Und wenn die Bevölkerung politisch träumt, dann – das ergeben auch die Umfragen – den „Traum des Konstitutionalismus“, wie der Titel eines von den Zensoren kassierten Leitartikels in einem südchinesischen Blatt hieß. Der Inhalt des Textes: Die Menschen wünsichen das Ende staatlicher Willkür und von der Herrschaft des Gesetzes.

Vor allem der inzwischen etwa 500 Millionen Menschen umfassende chinesische Mittelstand, der bisher kaum über Politik redete, wird zunehmend individualistisch und beginnt seinen Frust über die Korruption und den Mangel an Rechtstaatlichkeit zu artikulieren.

Die Xi-Kampagne hat die Massen nicht erfasst, im Gegenenteil: Sie dürfte der Führung sogar noch gefährlich werden. Mit einem Mal diskutieren alle über die Kluft zwischen dem Traum der Regierung und jenem der Regierten. Und das weckt den Appetit auf wirkliche Veränderungen.
Ai Wei Wei, der berühmteste Künstler Chinas und aktive Regimekritiker trocken: „Mein Traum ist es, nicht länger träumen zu müssen.“

georg.ostenhof@profil.at