<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Gemischter Satz

Wiener Wein, „Schwabos“ und die Multikulti-Zukunft der österreichischen Hauptstadt.

Vor Kurzem schrieb Thomas Friedman, Starkolumnist der „New York Times“, in einem seiner Kommentare unter dem Titel „America’s Real Dream Team“ über ein feierliches Dinner in Washington, D. C. Und er zählte alle 40 Ehrengäste namentlich auf. Bei der Liste in alphabetischer Reihe von Namrata Anand bis Linda Zhou handelte es sich zu über 90 Prozent um Namen asiatischer Provenienz. Friedman fragte rhetorisch, um welche Art Veranstaltung es sich gehandelt haben könnte. „Nein, das war nicht ein Dinner der Chinesisch-Indischen Freundschaftsgesellschaft“, klärte er auf, sondern ein Essen zu Ehren der 40 Highschool-Finalisten in einem Jugend-forscht-Wettbewerb unter dem Motto „Intel Science Talent Search“.

Friedman schlussfolgerte: „Wenn Sie sich vom Segen von Einwanderung überzeugen wollen, besuchen Sie das ,Intel Science‘-Finale. Wenn man diese energischen, dynamischen, ambitionierten Leute kombiniert mit einem demokratischen System und einem freien Markt, dann schafft das Wunder.“ Mit anderen Worten: Die Dynamik eines Landes kommt von den Immigranten.
Friedmans Erkenntnis ist bei uns noch nicht richtig angekommen. „Der Ausländer“ – und in seiner besonderen Ausprägung „der Asylant“ – wird im Allgemeinen noch immer mit Kriminalität assoziiert, die Einwanderung vornehmlich als Problem und Last gesehen. Wenn in Wien eine geballte Aufzählung von Namen mit viel „Ö“s, „Ü“s oder mit Endungen auf „-ic“ auftaucht, also von Menschen aus südslawischen Herkunftsländern oder mit türkischem ­Background, welche hierzulande das Hauptkontingent der ­Migranten stellen, dann hat man im besten Fall die Aufstellung von österreichischen Fußballklubs vor sich.

Aber da ändert sich einiges. Mein Sohn Leon hat die Schule gewechselt. Jetzt geht er in die dritte Klasse eines Gymnasiums in einer durchaus bürgerlichen Gegend Wiens. Am ersten Schultag kam er nach Hause und eröffnete uns fröhlich: „Wir sind nur fünf Schwabos in der Klasse.“ „Svabo“ wurden früher am Balkan die „Deutschen“ oder Deutschsprachigen genannt – hergeleitet von „Schwaben“. Heute wird „Schwabo“ offenbar von den Jungen als Ausdruck für einheimische Österreicher verwendet, im Unterschied zu jenen, die einen, wie man heute sagt, Migrationshintergrund haben. Also nur fünf Kinder aus „eingesessenen“ Familien sind in Leons Schulklasse. Der Rest hat Eltern, die von überall her kommen: aus dem slawischen Osten, aus der Türkei, aus Deutschland, aber auch aus Nordafrika und Asien. Und das ist eben nicht eine Unterschichten-Hauptschule aus Rudolfsheim, Ottakring oder Favoriten, sondern eine durchschnittliche Mittelschule in einem durchschnittlich durchmischten Bezirk innerhalb des Gürtels.

Leons Klasse ist vielleicht besonders multikulturell. Aber eine echte Ausnahme dürfte sie auch nicht sein. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte demografische Erhebung: 44 Prozent der Wiener Stadtbewohner haben einen Migrationshintergrund. Gerechnet werden im Ausland Geborene, Menschen mit einer nichtösterreichischen Staatsbürgerschaft und Personen mit mindestens einem Elternteil ­ausländischer Herkunft. Die Enkelkinder der klassischen ­Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Österreich kamen, sind also gar nicht mit­gezählt.

Eine kleine önologische Abschweifung sei hier erlaubt. Seit ein paar Jahren erfreut sich der Gemischte Satz ­steigender Beliebtheit, vor allem in Wien, wo sich mehrere Winzer zusammengetan haben, um eine alte Tradition der Stadt wieder aufleben zu lassen. Der Wiener Gemischte Satz hat heute fast schon Kultcharakter. Das ist ein Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten zusammensetzt. Diese werden aber – im Gegensatz zur Cuvée, die auch ein Verschnitt ist – gemeinsam in einem Weingarten angebaut und nicht erst im Weinkeller vermischt. Über Jahrhunderte hinweg wurde in Europa nur in seltenen Ausnahmefällen sortenrein ausgebaut. Da galt der Spruch: „Eine Rebsorte in einem Weingarten ist eine Geige, der Gemischte Satz aber ein Orchester.“

Mit dem immer stärkeren Aufkommen der sortenreinen Weine Ende des 19. Jahrhunderts erlitt der Gemischte Satz aber einen sozialen Abstieg sondergleichen. Seit damals führte er ein Schattendasein als einfacher Schank- und Heurigenwein. In den feinen Salons und Etablissements setzte man offenbar verstärkt auf „Rassereinheit“ – vor allem in Deutschland und Österreich. Da wird kaum verschnitten, im Unterschied zu Italien, Spanien und Frankreich, wo etwa Burgunder, Rioja und Chianti durchwegs Cuvée-Weine sind.

Nun erlebt der Wiener Gemischte Satz seine Renaissance und präsentiert sich in seiner feinen Vielschichtigkeit und geschmacklichen Kraft. Und das stimmt nicht nur den Weinliebhaber zuversichtlich. Denn keiner sage, die Renaissance des Gemischten Satzes sei bloß Mode und drücke nicht allgemein Zeitgeistiges aus. Das haben die Dichter erkannt: Dem Gemischten Satz liege der „nichtrassische Züchtungsgedanke“ zugrunde, schwärmt Julian Schutting, und der Schriftsteller Norbert Silberbauer sieht in ihm ­ironisch gar einen „Widerstandstrunk gegen die hiesige Asylpolitik“. Nicht nur für die USA gilt: Zuwanderung bringt Dynamik, Melange macht stark. Auch Wien hatte immer dann seine Blüte, wenn die Völker sich in ihrer Vielfalt an der Donau zusammenfanden. Das mag man verleugnen und negieren und über Parallelgesellschaften und Integrationsprobleme klagen. Aber klar ist: Der Gemischte Satz ist nicht nur Wiens Vergangenheit. Er ist auch die Zukunft dieser Stadt.

georg.ostenhof@profil.at