<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Held Erdogan

Warum Europa jetzt erst recht erkennen sollte, was es an der Türkei hat.

Die roten Fahnen mit dem Halbmond wehen in den Straßen der arabischen Metropolen. Die islamische Welt hat einen neuen Helden: Recep Tayyip Erdogan, den Regierungschef in Ankara. Spätestens seit der blutigen Militäraktion der Israelis gegen die internationale Hilfsflottille, welche die Gaza-Blockade durchbrechen sollte, breitet sich im Nahen Osten Sympathie für die Türkei aus.
Die neun Türken, die bei der Kaperung der „Mavi Marmara“ den Tod fanden, wurden zu Hause demonstrativ feierlich zu Grabe getragen, Erdogan denunzierte den „Staatsterrorismus“ Jerusalems und ist weltweit an der vordersten Front jener Staatsmänner, die ein Ende der israelischen Absperrung des von der radikal-islamischen Hamas beherrschten Gaza-Streifens fordern. Das begeistert die nahöstlichen Massen, deren Herz seit jeher für die Palästinenser schlägt. Dennoch: Dieser Enthusiasmus für Erdogan kann überraschender nicht sein, ist er doch Premier eines NATO-Mitglieds, das seit Jahr und Tag einen Beitritt zur Europäischen Union anstrebt, über Jahre hinweg – bis vor Kurzem – der einzige Bündnispartner Israels in der Region war und als dessen Grundlage der Säkularismus gilt. Die Türkei ist zudem der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, jener Kolonialmacht, die jahrhundertelang die arabische Welt beherrschte. Ein Türke als Held im Nahen Osten: ein absolutes Novum. Viele fühlen sich jetzt bestätigt, allen voran jene Gegner eines EU-Beitritts der Türkei, die immer schon wussten, dass dieses Land nie und nimmer zu Europa gehöre. Macht Erdogan nicht gerade mit den Erzfeinden des Westens und Israels – Hamas, Teheran und Damaskus – gemeinsame Sache? Stimmte Ankara nicht kürzlich im UN-Sicherheitsrat gegen weitere Iran-Sanktionen, und unterhält die türkische Regierung nicht inzwischen mit Syrien beste Beziehungen? Zeigt Erdogan jetzt sein wahres Gesicht als radikaler Islamist – der er tatsächlich in früheren Jahren einmal gewesen ist? Für die antitürkischen – meist christlichen – Kreise Europas war die Türkei immer schon eine östliche Macht, deren Integration den Untergang des Abendlands bedeutete.

Auch so mancher Freund einer Türkei-Mitgliedschaft in der EU glaubt sagen zu können: Wir haben es ja immer gewusst. Wenn man den Türken, die so viele Anstrengungen unternehmen, um europareif zu werden, den Weg nach Brüssel versperrt, würden sie sich frustriert vom Westen abwenden. Dann könnte die regierende Erdogan-Partei AKP ihre islamistischen Wurzeln wiederentdecken.
Die EU hat zweifellos ihren Anteil am Schwenk Ankaras. Jahrzehntelang verkündete man: Wenn ihr die Politik, die Wirtschaft, die Minderheitenrechte reformiert und die Macht der Generäle zurückdrängt, dann seid ihr in Europa willkommen. Als die Regierung Erdogan genau das tat, winkte man ab und sagte zwar diplomatisch, aber unzweideutig: Eigentlich wollen wir kein moslemisches Land in unserem christlichen Klub. Das machen auch die Amerikaner der EU zum Vorwurf: Durch diese Politik habe sie die Türkei vom Westen entfremdet. Aber ist das Land zwischen Schwarzem und Mittelmeer für den Westen wirklich verloren?
Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Türken von der Liebe, die ihnen nun in der arabischen und islamischen Welt entgegenschlägt, verführen lassen und langfristig einen Nahen Osten, der sie feiert, einem Europa, das sie von oben herab behandelt, vorziehen. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Der Drang nach Europa ist nicht nur eine Entwicklung der jüngsten Vergangenheit, sondern spätestens seit dem 19. Jahrhundert tief in der türkischen Identität verankert. Die Eliten – die alten wie die neuen, die von Erdogan und seiner Partei vertreten werden – bleiben proeuropäisch. Und die ökonomischen Interessen dürften auch dagegensprechen, die Kandidatur für die EU-Mitgliedschaft aufzugeben.

Die neue Politik Ankaras hat zudem vor allem mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre zu tun. Die Türkei ist in die Liga der dynamischen Schwellenländer China, Indien, Russland und Brasilien aufgestiegen. Jetzt besitzt das Land erst die politische und diplomatische Kraft, um eine wichtige Rolle in jener Region zu spielen, die seinerzeit Teil des osmanischen Imperiums war. Die neuen guten Beziehungen zu Teheran, Syrien und anderen arabischen Staaten haben weniger ideologische Gründe, sie sind vielmehr Ausdruck einer aktiven und pragmatischen Außenpolitik, die unter dem Motto „Null Probleme mit allen Nachbarn“ betrieben wird.
Es stimmt: Ankara spielt mit den propalästinensischen Gefühlen der Menschen in der Region. Das ist Teil des Erfolgs. Dass aber Erdogan zum Dschihad gegen Israel aufgerufen habe, wie nun gelegentlich insinuiert wird, erscheint völlig abwegig. Hat man denn vergessen, dass die Türken immer wieder verfolgten Juden Zuflucht geboten haben? Es ist auch kein Zufall, dass die Mehrheit der jüdischen Gemeinde in der Türkei bei Wahlen der AKP ihre Stimme gibt.
Sehen wir die Entwicklung positiv. Wenn man bedenkt, welche desaströsen Figuren die arabische Straße in den vergangenen Jahren heroisiert hat – von Saddam Hussein bis Bin Laden –, dann kann man sich nur freuen, dass sie diesmal Erdogan zu ihrem Helden macht. Die Türkei hat heute ein enormes Prestige im Nahen Osten. Wenn sie es nützt, um ein wenig Vernunft und Friedfertigkeit in die Region zu bringen, und wenn das türkische politische System von den arabischen und islamischen Massen als erstrebenswerte Alternative zu den herrschenden Diktaturen in dieser Gegend erkannt wird, dann eröffnen sich historisch neue Chancen. Europa sollte spätestens jetzt begreifen, was es an der Türkei hat.

georg.ostenhof@profil.at