<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Homo-Poker

Barack Obamas Coming-out in Sachen Schwulenehe macht Furore.

Was der österreichische Starkoch Wolfgang Puck, der für Hollywood aufkocht und jedes Jahr das Dinner nach der Oscar-Verleihung ausrichtet, am vergangenen Donnerstagabend im Haus von George Clooney servierte, wurde nicht bekannt. Puck verriet nur: „Das Essen war wesentlich besser als bei der Oscar-Gala.“

Besser als ursprünglich gedacht, verlief auch der Abend für Barack Obama, den Ehrengast. 150 glamouröse Promigäste zahlten je 40.000 Dollar, um mit dem US-Präsidenten speisen zu dürfen. So sollen etwa 15 Millionen Dollar für Obamas Wahlkampfkasse zusammengekommen sein. Das war erwartet worden. Aber dass der amerikanische Präsident auf der Clooney-Party, wie berichtet wird, geradezu als Held gefeiert wurde, war zuvor nicht so klar.

Die tiefe Liebe, die Hollywood anno 2008 für den Schwarzen, der ins Weiße Haus einziehen wollte, empfand, war in den vergangenen drei Jahren weitgehend verflogen. Dass ihm die Herzen der Filmschickeria wieder zufliegen, hat mit einem TV-Interview zu tun, das Obama vergangene Woche gab. Nun habe er seinen Nachdenkprozess beendet, sagte er und gab eine Entscheidung bekannt: „Ich bin dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können.“

Doch nicht nur Hollywood, das sich seit Jahr und Tag für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt, ist begeistert. Massive Wahlkampfspenden werden nun lockergemacht, die zurückgehalten wurden, weil Obama zu wenig Prinzipienfestigkeit gezeigt habe. Die Gay-Community jubelt. Und die Gesamtheit der liberalen US-Öffentlichkeit rühmt ihn für seinen Mut, endlich – noch vor der Wahl im September – seine taktische Ambivalenz in Sachen Schwulenehe aufgegeben zu haben: Obama ist der erste US-Präsident, der in dieser Frage so klar Partei ergriffen hat, damit habe er einen „historischen Meilenstein“ in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Kampf für Gleichberechtigung gesetzt.

Zweifellos riskiert er damit einiges. Werden ihm Gläubige, denen die Ehe zwischen Mann und Frau heilig ist, noch ihre Stimme geben? Hat Obama seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney nicht geradezu eine Steilvorlage geboten? Bei näherer Betrachtung muss gesagt werden: Ganz so mutig war sein Schwenk wieder auch nicht. Er weiß es selbst. Da seien „winds of change“ am Werk, sagt er – heftige Winde, von denen er sich offenbar zu seiner positiven Haltung zur Homoehe treiben hat lassen. Sein Bekenntnis könnte durchaus auch kühles Kalkül sein.

Wohl in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich hat sich in so kurzer Zeit ein so gewaltiger Einstellungswandel vollzogen. Die Demoskopie zeigt in der Tat dramatische Entwicklungen: Noch im Jahr 2004 waren 62 Prozent der US-Bürger gegen die Schwulenehe, 30 dafür. Heute ist eine Mehrheit von 52 dafür, 48 dagegen. Bei den Wechselwählern, auf die es ja ankommt, sind es an die 60 Prozent, die es normal finden, wenn gleichgeschlechtliche Partner den Bund der Ehe schließen. Und zwei Drittel der jungen Amerikaner verstehen überhaupt nicht, was man dagegen haben kann, wenn zwei sich liebende Schwule Hochzeit feiern wollen.

Gewiss werden einige Homophobe, die in gewissen Gruppen der traditionellen demokratischen Wählerschaft überrepräsentiert sind – vor allem in der schwarzen und der hispanischen Minderheit, aber auch bei der weißen Arbeiterklasse –, Obama im November nicht wählen. Im Gegenzug kann dieser nun darauf zählen, dass die Jungen, die vor vier Jahren für seinen Sieg gesorgt hatten und sich zunehmend weniger im amtierenden Präsidenten wiedererkannten, nun doch erneut für ihn in die Schlacht ziehen. Mit seiner Entscheidung für die „gay marriage“ habe er gezeigt, heißt es nun, dass er doch ein Mann der Zukunft sei, einer, der zu seinen liberalen Grundsätzen stehe.

Die Republikaner stürzt der Obama-Schwenk aber in ein strategisches Dilemma. Natürlich sind sie nun versucht, mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Ehe bei Teilen des demokratischen Elektorats zu punkten. Gleichzeitig aber riskieren sie, mit einer Anti-Gay-Kampagne die Wechselwähler zu verprellen. Wie sensibel die Sache für ihn ist, zeigt Mitt Romneys Reaktion auf das Obama-Interview: Zwar sehe er prinzipiell in der Ehe nur die Verbindung zwischen Frau und Mann, bekräftigte er seine konservative Position, aber er trete dafür ein, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren können, versichert er.

Das muss man sich als Österreicher einmal vorstellen: Da führt der aktuelle republikanische Präsidentschaftskandidat den rechtesten US-Wahlkampf seit Barry Goldwater 1964. Und dann will Romney schwulen oder lesbischen Paaren das Adoptionsrecht geben. In Österreich würde selbst so mancher fortschrittliche Freund der Schwulenehe bei der Frage nach der Adoption sehr zögern. Und um sich klarzumachen, wie weit Österreich in diesen Fragen den USA hinterherhinkt, sei an einen legendären Satz unseres Vizekanzlers erinnert. Er wolle nicht, dass Homosexuelle ihre Verbindung auf dem Standesamt eintragen, weil da „zur schönen Jahreszeit besonders gerne geheiratet wird – das führt automatisch zum Kontakt zwischen heterosexuellen und homosexuellen Paaren“, sagte Michael Spindelegger einst und fügte hinzu: „Ob das gut ist, sei dahingestellt.“

georg.ostenhof@profil.at