Georg Hoffmann-Ostenhof: Ich bin #stolzdrauf

Georg Hoffmann-Ostenhof: Ich bin #stolzdrauf

Integration und Patriotismus. Über den Flop einer Internet-Kampagne.

Sebastian Kurz hätte es wissen müssen. Image-Kampagnen in den sozialen Medien gehen meistens schief.
Da kann ein Hashtag leicht zu einem Bashtag werden. Hätte unser Außen- & Integrationsminister und ÖVP-Politstar die Erfahrungen von McDonald’s und der New Yorker Polizei mit ihren Internet-Image-Aktionen bedacht, #stolzdrauf wäre nie online gegangen.

Die berühmte US-Fleischlaberl-Kette wollte 2012 auf Twitter per Hashtag #McDStories Geschichten von begeisterten Kunden publik machen und erzielte damit das Gegenteil dessen, was sie bezweckt hatte. Die negativen Tweets von Leuten, die etwa „lieber ihren Durchfall essen würden, als zu McDonald’s zu gehen“, überwogen bei Weitem jene, in denen Gefallen an dessen Fast-Food-Angebot annonciert wurde.

Ebenso „eingefahren“ sind die Ordnungshüter in New York: Über den Hashtag #NYPD sollte das Publikum Fotos von freundlichen, feschen Polizisten hochladen, die dem Bürger Sicherheit geben, Katzen vom Baum retten und Gebrechliche über die Straßen führen. Solche Bilder tauchten aber nur spärlich auf. Umso mehr aber fanden Szenen den Weg auf Facebook, Twitter und Co., in denen die Polizei Bürger – allen voran schwarze – malträtiert. Von einem „Trollfest epischen Außmaßes“ schrieb die „Washington Post“.

Ganz so arg wurde es hierzulande nicht. Aber der Versuch, über das Internet Patriotismus zu mobilisieren – vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund –, ist auch sofort krachend in die Hose gegangen. Besonders auf Twitter herrscht Spott und Häme. Ausgelöst wurde dieser leichte Shitstorm vom ersten Promi, den der Minister vor den digitalen Vorhang bat, damit er seinen Heimat-Stolz zum Besten gebe. Der populäre Volksrocker und notorische Töchterverächter Andreas Gabalier verkündete: „Ich bin stolz darauf, dass es noch sooo viele Dirndln und Buam im Land gibt, die unsere Kultur und Tradition zeitgemäß leben und weitergeben, und hoffentlich noch lange im Trachtengewand außer Haus gehen.“

Da konnte man leicht den Eindruck gewinnen, bei #stolzdrauf handle es sich um die alte dumpfe und verlogene Heimattümelei, die uns bereits in den 1950er-Jahren belästigte. Ich wäre versucht gewesen, beim Shitstorm mitzumachen, hätte ich nicht gewusst, dass das Motiv für die Kampagne eine durchaus nettes und der Trachten-Elvis als erster Testimonial-Akteur einfach ein Ausrutscher war.

Was wollte die Internet-Aktion des Sebastian Kurz? Den Migranten und ihren Nachkommen sollten Promis mit ausländischen Wurzeln gezeigt werden, welche die Integration geschafft haben und sich hier heimisch fühlen – als Role Models quasi. Gleichzeitig würde den tendenziell xenophoben Einheimischen damit signalisiert: Seht her, die „Ausländer“ bei uns sind ja auch „gute Österreicher“. Und alle fänden sich so schließlich im Stolz auf und in der Liebe zu Österreich. Gut gemeint. Da sollte dem alten, rückwärtsgewandten und ausschließenden Patriotismus ein neuer, moderner und inklusiver gegenübergestellt werden.
Bloß: Zufall war der Gabalier-Ausrutscher dann doch nicht. Begriffe von Nationalstolz und Heimatliebe haben bei unserer so abgründigen Geschichte immer etwas Unangenehmes, Verdruckstes und oft auch Lächerliches (wie auch jetzt der Volksliedsänger zeigt) – ganz im Gegensatz zu Ländern, wo das Konzept der Nation eben nicht an die Herkunft, ans „Blut“ geknüpft, sondern Ausdruck von leitenden Ideen ist. Frankreich und die USA etwa sind Staaten, in denen eben seit je die Nation der Definition nach eine einschließende, für Fremdes offene ist. Da mag französischer und amerikanischer Nationalismus ebenso von Übel sein wie jener in unseren Breiten; die Inbrunst und der Pathos, mit denen dort Hymnen gesungen werden und Fahnen flattern, wirkt bei Weitem nicht so peinlich wie bei uns Demonstrationen heimischen Patriotismus’.

Das spürt natürlich auch Sebastian Kurz, wenn er betont, es ginge bei der Kampagne vor allem um eine neue „Willkommenskultur“. Da muss man ihm aber auch sagen: Bei aller Hochschätzung symbolischer Politik – dass sich viele „Zuag’raste“ und ihre Kinder bei uns eben nicht willkommen fühlen und sich mit ihrer „neuen Heimat“ nicht identifizieren können, hat zuallererst ganz handfeste Gründe: Die Gesetze bei uns sind geradezu dazu angetan, den Zuwanderern das „Österreicher-Werden“ mit allen nur erdenklichen Gemeinheiten zu erschweren und zu vermiesen. Um nur einige zu erwähnen:

• In kaum einem anderen europäischen Land muss man so lange auf eine Einbürgerung warten wie in Österreich: zehn Jahre. Und anderswo sind die Anforderungen für Naturalisierung auch nicht so hoch wie bei uns.
• Kommunalrecht für bereits länger hier lebende ausländische Staatsbürger gibt es nicht. In Wien hat dieses die ÖVP des Sebastian Kurz verhindert.
• Das Bildungssystem ist nach wie vor vornehmlich auf Selektion ausgerichtet, deren Opfer die sozial Schwachen, allen voran aber die Migrantenkinder sind.

Unter diesen Bedingungen ist es ohnehin ein Wunder, wie viele Einwanderer sich doch in Österreich heimisch fühlen. Aber klar ist auch: Solange diese niederträchtigen Gesetze bestehen, wird sich der Prozentzahl jener Migranten, die austro-patriotische Anwandlungen haben, nicht wesentlich erhöhen. Daran könnte auch eine besser konzipierte Patriotismus-Kampagne als die aktuelle nichts ändern.

PS: Ich werde #stolzdrauf sein, wenn dereinst einmal die Österreicher Stolz darüber empfinden, dass Einwanderer stolz sind, Österreicher zu werden. Im Übrigen finde ich es wunderbar, dass die beiden Helden der österreichischen Jugend heute Conchita Wurst und David Alaba heißen.
Darauf bin ich jetzt bereits stolz.

georg.ostenhof@profil.at

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