<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Immer diese Austrians!

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Immer diese Austrians!

Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit als Wiege des globalen Neoliberalismus.

Den „Austrians“ geht es wirklich nicht gut. Man hat sie ganz gehörig auf dem Kieker. Sie sind schwer in der Defensive.

Ist gar wieder Nazoides im Geburtsland von Adolf Hitler aufgetaucht? Oder ist die Welt wieder von dunklem Treiben in einem alpenländischen Keller fasziniert? Keineswegs. Gibt man in Google „Austrian“ ein, da stößt man zuallererst auf etwas, was bei uns nicht gerade sehr bekannt, international aber – besonders in den USA – offenbar von großer Bedeutung ist: die „Austrian School of Economics“. Und die scheint tatsächlich in einer miserablen Verfassung zu sein.

Für die Nicht-Eingeweihten: Es handelt sich dabei um eine wirtschaftstheoretische Schule, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Wien entstand. Als deren historische Hauptvertreter und Gründer gelten die Österreicher Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek. Allen „Austrians“, wie sie in Ökonomen-Kreisen genannt werden, ist ihre Gegnerschaft gegenüber dem Denken des britischen Ökonomen John Maynard Keynes gemeinsam: Sie hegen ein tiefes Misstrauen gegen jegliche Intervention des Staates in den Markt, der, von der Politik in Ruhe gelassen, angeblich von sich aus Blasen und deren Platzen, Booms und Pleiten sowie so garstige Dinge wie Inflation verhindern könne.

Das Denken von Hayek, der 1972 den Nobelpreis bekam, war lange außerhalb des wirtschaftswissenschaftlichen und politischen Mainstreams. Mit Margaret Thatcher als Pre­­mierministerin, die den „Weg zur Knechtschaft“ – das polit-philosophische Werk Hayeks – zur Grundlage ihrer konservativen Revolution machte, und mit Ronald Reagan im Weißen Haus, der sich gleichfalls als Hayekianer outete, waren die „Österreicher“ ab den achtziger Jahren aber voll angesagt. Sie dominierten die Wirtschaftspolitik, eine ganze Generation lang.

Jetzt freilich mussten sie gleich mehrere Niederlagen einstecken.
Als die große Krise 2008 ausbrach, rieten die Nachfolger Hayeks dringend von einer Politik der Stimuluspakete und des billigen Gelds ab. Die würde direkt in die Katastrophe führen. Barack Obama und seine Leute schlugen die Warnungen der „Austrians“ in den Wind, stimulierten kräftig, pumpten Geld in die Wirtschaft, ja sie machten sogar etwas, was von den Hayekianern als Todsünde schlechthin angesehen wird: Die bankrotte Autoindustrie wurde temporär verstaatlicht. Auch in der EU, in der man zwar dauernd Sparen predigt, begegnet man der Krise – wenn auch oft uneingestanden und widerwillig – letzten Endes auch mit dem keynesianischen Instrumentarium.

Führende Politiker der Republikanischen Partei in den USA sind deklarierte Anhänger der „Österreichischen Schule“. Ihr Programm ist ganz „Austrian“: Sie wollen den Staat zurechtstutzen, verabscheuen Steuern und propagieren das Laisser-faire der Marktkräfte. Bloß, die US-Bürger sagen Nein dazu: Der keynesianische Politiker Barack Obama wurde gleich zweimal hintereinander ins Weiße Haus gewählt.

Schließlich konnte sich die Voraussage, die staatlichen Maßnahmen gegen die Krise würden desaströse Folgen haben, als falscher nicht erweisen. Die US-Ökonomie befindet sich auf dem Weg der Erholung. Trotz aller Verwerfungen scheint auch Europa das Ärgste überstanden zu haben. Vor allem aber ist von einer simbabwischen Hyperinflation, die von den „Austrians“ an die Wand gemalt wurde, weit und breit nichts zu sehen.
Auf diese und andere eklatante Fehlprognosen hat der Ökonom Paul Krugman, Nobelpreisträger, Kolumnist der „New York Times“ und oberster Keynesianer unserer Zeit, hingewiesen. Daraufhin tobte seit Jahresbeginn ein wüster Blogger-Krieg: Die Hayekianer wollten partout durchsetzen, dass weite Passagen der Krugman-Kritik aus dem Wikipedia-Eintrag über die „Austrian School“ gelöscht werden.

Zu deren Entstehungsgeschichte steuert der berühmte US-britische Historiker Tony Judt, der vergangenes Jahr gestorben ist, sehr Interessantes bei. In der jetzt posthum herausgekommenen deutschen Ausgabe seines letzten Werks „Nachdenken über das 20. Jahrhundert“ führt er die Ideen von Hayek auf dessen Erfahrungen mit dem Roten Wien der Zwischenkriegszeit – mit dessen Stadtplanung, Gemeindebauten und sozialen Einrichtungen – zurück: „Der Weg zur Knechtschaft“, Hayeks 1944 in den USA erschienenes Buch, sei „bemerkenswert wegen seiner Prognose, dass der sich abzeichnende britische Wohlfahrtsstaat ein ähnliches Schicksal erleiden werde wie das sozialistische Experiment in Wien nach dem Ersten Weltkrieg“, schreibt Judt.

Der in seiner Jugend links orientierte Hayek und einige seiner Kollegen hätten letztlich den „Konflikt zwischen der urbanen marxistischen Linken und den ländlichen christlichen Rechten, die misstrauisch nach Wien schauten“, zu einer ökonomischen Theorie erhoben. Eigentlich ein Missverständnis „einer Handvoll desillusionierter Wiener Wissenschafter“, die diese Theorie in die USA importierten und damit ironischerweise alle wichtigen wirtschaftspolitischen Debatten von heute prägen.

Den „Austrians“ geht es schlecht, den Österreichern hingegen vergleichsweise gut. Denn sie folgen eher dem berühmten Briten John Maynard Keynes als dem großen Österreicher Friedrich von Hayek.

georg.ostenhof@profil.at