<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Katastrophe und Fortschritt

Die Angst vor der Erderwärmung nimmt ab – kein ernsthafter Grund zur Sorge.

Es war wohl der hinter uns liegende bitterkalte Winter, der den Umschwung brachte. Die Angst vor der Erderwärmung scheint zu verfliegen. Die Leute schaudern immer weniger vor den fatalen Folgen des Klimawandels. 42 Prozent der Deutschen fürchten in einer „Spiegel“-Umfrage die Aufheizung unseres Planeten. Ein Jahr vorher waren es noch 62 Prozent gewesen. Eine ähnliche Entwicklung in Großbritannien. „Der Klimawandel findet statt, und es ist erwiesen, dass er großteils vom Menschen gemacht ist“: Dieser Aussage stimmen heute nur 26 von 100 Briten zu – gegenüber 41 Prozent im vergangenen November. Und in den USA fanden vor einem Jahr 41 Prozent, das Problem der Erd­erwärmung sei „im Allgemeinen übertrieben“. Heute sind es bereits 48 Prozent. Die Skeptiker, die in den vergangenen Jahren immer mehr in die Defensive gerieten, fühlen sich plötzlich wieder im Aufwind.

Natürlich sind nicht die tiefen Wintertemperaturen allein für den Meinungsumschwung verantwortlich. Das wäre zu blöd und zu banal. Offenbar hat die Wirtschaftskrise das Ihre getan, das Angstpotenzial der Menschen vom Klima auf die Ökonomie zu verschieben. Was immer auch die Gründe sein mögen: Der Druck der öffentlichen Meinung, etwas gegen den Ausstoß von Treibhausgasen zu unternehmen und alternative Energien einzusetzen, schwindet. Schließt sich nun das „window of opportunity“, in dem man noch die drohende Klimakatastrophe verhindern kann? Muss man also verzweifeln?

Wahrscheinlich doch nicht. Aus einem handfesten Grund: Es wurde in den vergangenen Jahren, seit die Erderwärmung als großes Menschheitsproblem entdeckt wurde, bereits so viel in grüne Technologien investiert, dass ein Ausstieg aus dieser neuen Branche einfach zu viel kosten würde. Wer will schon Milliarden in den Sand gesetzt haben? Die Konkurrenz der Industrien, der Forschungseinrichtungen und der Staaten tut ein Übriges. Da will jeder die Nase vorn haben. Außerdem scheint inzwischen, trotz konjunktureller Meinungsschwankungen, das Bewusstsein, dass ein Ausstieg aus der fossilen Energie nötig ist und es gilt, mit der Energie effizient umzugehen, von der Peripherie ins Zentrum der Gesellschaft gewandert zu sein. Ökologisches Denken ist – zumindest in den entwickelten Ländern – allgemein geworden. Man kann also durchaus zuversichtlich sein, dass das Klimaproblem in den kommenden Jahrzehnten gelöst wird.

Als Optimist macht man sich angreifbar. Besonders in Zeiten wie diesen. Spott ist einem meist sicher. Und auf den ersten Blick scheinen die Pessimisten tatsächlich auf festerem Boden zu stehen. Christian Rainer hat das vergangene Woche in seinem Leitartikel ausgeführt. Katastrophen können mit der Fortschreibung von vorhandenen gefährlichen Tendenzen wissenschaftlich errechnet werden. Gegenstrategien hingegen „entspringen Erfindungsfantasien“. So sei es sicher, dass bei der Fortsetzung der momentanen Ressourcenvernichtung durch Verbrennungsvorgänge sich die Erde apokalyptisch aufheizt. Ob aber Alternativenergien rechtzeitig und in ausreichendem Maße zum Zug kommen, sei höchst ungewiss. Die Sonnenkraftwerke in Afrika mit Standleitung nach Europa etwa blieben bis auf Weiteres „Solar-Science-Fiction“, ätzt Rainer.

Es stimmt zwar, dass das Desertec-Projekt (solarthermische Spiegelplantagen in der Sahara, die Europa mit Strom versorgen) noch nicht morgen verwirklicht wird. Aber eine abgehobene Utopie ist das auch wiederum nicht. Wenn die wesentlichen großen deutschen Energiekonzerne mit von der Partie sind (die OMV übrigens auch), und vor Kurzem die Franzosen, aus Angst den Zug zu versäumen, voll eingestiegen sind, dann ist das kaum als bodenlose Träumerei abzutun. Wie auch die rasant voranschreitende Verbilligung von erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Geothermie, Gezeiten, die bis jetzt gegenüber den traditionellen nicht konkurrenzfähig waren, inzwischen eine robuste Realität darstellt.

Wie überhaupt die Vorhersagekraft von linearen Extrapolierungen vorhandener Entwicklungen äußerst beschränkt ist. Das klassische Beispiel für solche Fehlprognosen ist die Theorie des britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus. Dieser errechnete Ende des 18. Jahrhunderts aus vorhandenen Daten, dass die Menschheit mittelfristig verhungern müsse, weil die Lebensmittelproduktion geringer wachse als die Bevölkerung. Die industrielle Revolution machte aus Malthus einen Narren. In der Volksschule lernten wir in den fünfziger Jahren noch, dass auf der Erde zwei Milliarden Menschen leben. Heute sind es dreimal so viel. Von absolutem Nahrungsmittelmangel kann aber nicht die Rede sein – dank der so genannten „grünen Revolution“, die ab den fünfziger Jahren die Effizienz von Ackerbau und Viehzucht gewaltig verbesserte.

Warum wir, wie Rainer meint, uns ernsthaft davor fürchten sollen, dass die Menschheit nicht ernährt werden kann, wenn sie auf neun oder zehn Milliarden im Jahre 2050 zusteuert (ab dann schrumpft sie aller Voraussicht nach wieder), ist nicht plausibel – vor allem, wenn man bedenkt, dass wir gerade am Anfang der gentechnologischen Revolution stehen, die verspricht, die landwirtschaftliche Produktivität in noch ungeahntem Ausmaß zu steigern.

Gewiss hat eine pessimistische Sicht der globalen Entwicklung und das Extrapolieren bestehender Trends eine wichtige Funktion: Alarmschlagen stärkt und befördert Strategien gegen mögliche Katastrophen. Was die Prognosefähigkeit betrifft, scheinen aber die Optimisten, die ein grundlegendes Vertrauen auf Selbsterneuerung und Fortschrittsfähigkeit der Menschheit haben, besser abzuschneiden. Wäre es nicht so – die Welt wäre schon längst untergegangen. Und unter uns: Als Optimist lebt es sich leichter.

georg.ostenhof@profil.at