<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Keine Träne um Kopenhagen

Der Klimagipfel ist gescheitert, doch die grüne Revolution ist längst im Gange.

Eigentlich müsste man deprimiert sein. Wenn der Klimagipfel kein Erfolg wird, wenn in der dänischen Hauptstadt die Regierungschefs und Staatsoberhäupter dieser Welt kein verbindliches Abkommen über die Reduzierung der Treibhausgase zustande bringen, dann drohen ernsthafte Katastrophen, wenn nicht gar der Weltuntergang. So hieß es. Und dann zeigten sich die Ergebnisse der Konferenz in einem Maße dürftig, dass allgemein von Scheitern gesprochen wurde. Ist es also unausweichlich, dass die Eisbären sterben, die Gletscher verschwinden, die Küstenstädte global dem Untergang geweiht sind, ganze Inselgruppen untergehen und fruchtbare Ebenen zu Wüsten werden? Wird die Erde nun nach dem Flop von Kopenhagen zwangsläufig zu einem immer heißeren und unwirtlicheren Planeten?

Mitnichten. Einige Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen zeigen deutlich: 2010 muss nicht als Jahr in die Geschichte eingehen, in dem versäumt wurde, die ökologischen Weichen richtig zu stellen. Im Gegenteil: In diesem Jahr könnte die so notwendige Energiewende gewaltig beschleunigt werden.

Am 5. Jänner beschlossen neun europäische Staaten – gemeinsam mit großen Energiekonzernen –, die Nordsee zu verkabeln. Man plant am Meeresgrund ein Hightech-Netz für Ökostrom. Viele Staaten Nord- und Westeuropas sind dabei, gewaltige Hochsee-Windparks zu bauen. Deutschland allein will 40 Offshore-Kraftwerke errichten; Dänemark und Belgien betreiben bereits jetzt Gezeitenmeiler; und Norwegen erzeugt Strom vor allem mit Wasserkraft. All diese Ökostrom-Fabriken sollen nun über ein „Supergrid“ von tausenden Kilometer Kabel unter dem Meer verbunden werden und so zusammenarbeiten. Die Notwendigkeit dieser Kooperation ergibt sich aus der Unbeständigkeit der Natur. Wind ist unberechenbar. Er bläst, wann und so stark er will. Strom lässt sich aber nur schwer speichern. Die Vernetzung von Wind-, Wasser- und Gezeitenkraft macht die unkalkulierbare regenerative Energieerzeugung beständig.

Und das geht so: Ein Überschuss an Energie wird über die Kabel über tausende Kilometer zu Wasserpumpkraftwerken – etwa in Norwegen – geleitet. Normalerweise fließt Wasser aus einem höheren Becken durch Turbinen in ein tiefer gelegenes. Bei geringen Lastzeiten kann der überschüssige Strom Pumpen antreiben, die das Wasser von unten nach oben bringen und die Energie auf diese Weise speichern. Das macht die alternative Energie billiger. Und es gibt den Herstellern mehr Planungssicherheit. Zwar ist das Nordsee-Verkabelungsprojekt, dessen Verwirklichung 30 Milliarden Euro kosten wird, erst im Anfangsstadium. Aber der deutsche Energie-Experte Josef Auer schwärmt jetzt bereits: „Das ist die europäische Antwort auf den gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen. Europa prescht so bei der Nutzung erneuerbarer Energie vor.“

Schon im Dezember stand fest: Die Weltbank will ein gigantisches Solarprojekt auf den Weg bringen. Sie beteiligt sich an einem 5,5-Milliarden-Dollar-Plan für den Bau von thermischen Solarkraftwerken in Ägypten und den Maghreb-Staaten. Bei solchen Stromfabriken wird das Sonnenlicht nicht direkt in elektrischen Strom umgewandelt. Es wird durch riesige Spiegel gebündelt und erhitzt ein Spezialöl, das verdampft und Turbinen antreibt, die Strom erzeugen.

Die Entscheidung der Weltbank wird zweifellos das europäische Wüstenstromprojekt Desertec beschleunigen. Zwölf Unternehmen aus der Energie-, Solar- und Finanzbranche haben sich vergangenes Jahr zusammengeschlossen, um in der Sahara, auf welche die Sonne unaufhörlich herunterbrennt, gigantische Spiegelplantagen zu bauen. Der so erzeugte Strom soll dann über Hochspannungsleitungen nach Europa geschickt werden. Ziel von Desertec: Langfristig sollen ein erheblicher Anteil des Strombedarfs Nordafrikas und bis zu 15 Prozent des europäischen Bedarfs mit umweltfreundlich erzeugtem Wüstenstrom gedeckt werden. Europa setzt also zunehmend auf Wind und Sonne als Alternative zu Kohle, Öl und Gas.

Auch in China ist einiges in Bewegung geraten. Gewiss, der CO2-Ausstoß des Reichs der Mitte ist gewaltig. Die tausenden chinesischen Kohlekraftwerke sind wüste Dreckschleudern. Und es war nicht zuletzt Peking, das in Kopenhagen eine Einigung verhinderte. Aber im Land selbst verfolgen die superkapitalistischen Kommunisten eine höchst ambitionierte Energiestrategie: 220 Milliarden Dollar, etwa ein Drittel des Konjunkturprogramms, werden in erneuerbare Energie investiert. Damit soll deren Anteil an der gesamten Stromerzeugung bereits dieses Jahr zehn Prozent ausmachen.

Auch die USA zögern, international verbindliche Öko-Standards zu akzeptieren. Die Obama-Regierung aber hat gerade auch inmitten der Wirtschaftskrise Milliarden in Laboratorien gesteckt, die im Bereich grüner Technologie forschen. Wer zudem nur ein wenig die Wirtschaftsseiten der Zeitungen liest, weiß, dass in regenerative Energie immer größere Summen investiert werden.

Noch eines: Der Wettbewerb, wer das erste massentaugliche Elektroauto auf den Markt bringt, ist global voll entbrannt.

Bei der Bekämpfung des Klimawandels ist weltweite Zusammenarbeit nötig. Das ist klar. Aber man möge den Wettbewerb auch nicht unterschätzen. Wer hat die Nase vorne bei zukunftsträchtigen Technologien? Das ist die Frage der kommenden Jahre. Was konkret all das für das Klima bedeutet, ist kaum zu überblicken. Aber die Dynamik, die wir nun beobachten, ist beeindruckend. Und beruhigend. Der Weltuntergang kann wohl wieder einmal abgeblasen werden.

georg.ostenhof@profil.at