Georg Hoffmann-Ostenhof: Kellogg’s und die Vorhaut

Georg Hoffmann-Ostenhof: Kellogg’s und die Vorhaut

Eine Nachbemerkung zur sommerlichen Beschneidungsdebatte.

Wer über Beschneidung redet, darf über Cornflakes nicht schweigen.
Zunächst zu den Cornflakes: Die wurden bekanntlich vom Amerikaner John Harvey Kellogg kreiert. Auch wenn viele dessen Biografie nicht kennen mögen: Auf seinen Namen stoßen wir fast täglich frühmorgens, wenn wir uns an den mit Milch übergossenen oder in Jogurt getränkten knusprigen Maisflocken ergötzen. Kellogg hat Ende des 19. Jahrhunderts jene Firma gegründet, die uns heute noch mit einem großen Teil der beliebten Zerealien beliefert.

Das tat er aber nicht, um uns einen Genuss beim Frühstück zu bereiten. Ganz im Gegenteil. Er brachte sein Produkt auf den Markt, um den Leuten einen Lustgewinn zu verwehren. Der 1852 in Michigan geborene Arzt, ein Mitglied der puritanischen Sekte der Siebenten-Tags-Adventisten, war der festen Überzeugung, dass der Verzehr von fetten, scharfen und gewürzten Speisen und Fleisch die Menschen zur Todsünde der Wollust verleite. Diese in Ausschweifungen auszuleben, verstoße aber nicht nur gegen Gottes Gebote, sondern sei auch die Hauptursache für alle nur möglichen Krankheiten, glaubte Kellogg.

Also erfand er ein speziell fade schmeckendes Lebensmittel, das seiner Ansicht nach garantiert nicht sexuell zu stimulieren vermochte. Anfangs waren die Flocken nicht einmal gezuckert. Das ließ Kellogg erst zu, als der Absatz der Flakes stagnierte.

Nun zur Beschneidung: Kellogg ist nicht nur als Reformator des Frühstücks in die Geschichte eingegangen. Der Asket – er selbst soll zeitlebens sexuell enthaltsam gelebt haben – beschränkte sich keineswegs auf Diätvorschriften.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wütete ein obsessiver Kampf gegen die Masturbation. Diese inzwischen als universelle und harmlose, wenn nicht sogar gesundheitlich positiv erkannte Aktivität wurde dämonisiert: Sie führe direkt zu Neurosen und Psychosen, zu Rückenmarkschwund und allen erdenklichen todbringenden Leiden.

Kellogg war nun nicht der erste und einzige, wohl aber der einflussreichste Propagandist der Beschneidung. Die Vorhaut sei der Quell allen Übels, meinte er. Dieses kleine Hautstück verleite die Buben dazu, an sich herumzuspielen und so die Möglichkeit zu entdecken, sich selbst ganz autonom Lust zu verschaffen – eine Betätigung, die der Adventisten-Doktor als des Teufels ansah. Und so schrieb er: Die sicherste Methode, kleinen Buben die Selbstbefriedigung auszutreiben, sei die Beschneidung: „Dabei sollte die Operation ohne Anästhesie durchgeführt werden, da der kurze Schmerz eine segensreiche Auswirkung auf den Geisteszustand des Jungen haben kann – speziell, wenn die Operation mit der Idee der Bestrafung verbunden wird.“

Auch damit war Kellogg überaus erfolgreich. Außer den Muslimen und Juden, die seit jeher aus religiös-archaischen Gründen die Eichel ihrer männlichen Kinder mittels eines Schnittes freilegten, war 1870 noch kaum ein US-Bürger beschnitten. Die immer verrückter werdende Angst vor dem „Laster“ der Masturbation war nun die größte treibende Kraft hinter der zunehmenden und routinemäßigen Beschneidung von Buben.

Die hygienischen und gesundheitlichen „Gründe“ für diese Operation waren zumeist nachgeschobene Rationalisierungen. Der lustmindernde Effekt der Beschneidung blieb bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eines der wichtigsten Argumente für diesen medizinisch unnötigen Eingriff.
1970 sollen in den USA bis zu 90 Prozent der städtischen Bevölkerung beschnitten gewesen sein – in anderen protestantischen und angelsächsischen Ländern wie Australien, England und Kanada war der Prozentsatz ähnlich hoch. Seit damals aber ist die Entwicklung rückläufig. Heute sind nur mehr etwa die Hälfte der amerikanischen Männer beschnitten. Die Ursache dafür ist offensichtlich. Dass Masturbation gesundheitsschädlich sei, glaubt inzwischen niemand mehr. Und die sexuelle Liberalisierung hat die Selbstbefriedigung inzwischen weitgehend rehabilitiert.

Das ist die skurrile Geschichte der nichtreligiösen Beschneidung. Und was bringt diese in der nicht enden wollenden Sommerdebatte über Fluch und Segen der Vorhaut? Zunächst nicht sehr viel. Alle Argumente – sowohl die guten wie auch die von Vorurteilen geleiteten – sind bereits gefallen. Fest steht jedenfalls: Die Beschneidung hält so wenig die Menschen vom Masturbieren ab, wie die Cornflakes die geschlechtliche Begehrlichkeit einzudämmen in der Lage waren. Onaniert wird immer und überall.

Die Beschneidung mag nun eine Körperverletzung sein. Deren traumatisierende Wirkung scheint jedoch weitgehend überschätzt zu werden. Der wütende Kampf gegen die Sünde der „Selbstbefleckung“ dürfte bisher mehr seelischen Schaden angerichtet haben als die Beschneidung. Diese zu verbieten wäre natürlich gefährlicher Unsinn. Der Wert der Religionsfreiheit muss Vorrang haben.

Die Religionen aber, welche sie zu einem wichtigen Teil ihrer Identität erklären, sind auf sich zurückgeworfen. Hygienische und gesundheitliche Argumente ziehen immer weniger. Man muss schon fest daran glauben, dass Gott wirklich will, dass dem männlichen Nachwuchs mit dem Messer zu Leibe gerückt wird.

georg.ostenhof@profil.at