<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Lukrez, Jefferson und die Norweger

Drei Nachrichten über die fortschreitende Säkularisierung der Welt.

Gewinnt die Religion die Vorherrschaft, oder geht die Säkularisierung der Welt weiter? In den vergangenen Jahren erlebten wir den Aufstieg der verschiedensten Fundamentalismen – zuletzt auch nach dem arabischen Frühling. Auch der Ausbruch von Glaubenskriegen erschreckte. War die alte aufklärerische Vorstellung, wonach sich die Menschen in der modernen Welt sukzessive von den Göttern und vom Jenseits abwenden, bloß ein frommer Wunsch? Vielleicht doch nicht. Hier drei aktuelle Nachrichten, die den Freunden der Säkularisierung gefallen werden:

1 Der Literaturprofessor an der Harvard-Universität Stephen Greenblatt wurde kürzlich für sein Buch „The ­Swerve: How the World Became Modern“ mit dem Pulitzerpreis 2012 ­ausgezeichnet. Er schildert in dieser Arbeit, die dieser Tage unter dem Titel „Die Wende. Wie die Renaissance begann“ in deutscher Übersetzung erschien, detailreich die Wiederentdeckung eines Gedichts. Über tausend Jahre war ein in Hexametern verfasster Text des römischen Poeten Lukrez verschollen und vergessen gewesen. Da spürte Anfang des 15. Jahrhunderts ein im Dienste der päpstlichen Kurie stehender Humanist in einem deutschen Kloster das Lukrez-Poem auf: „De rerum natura“ sollte Furore machen.

In prachtvollen Versen legte Lukrez seine von Epikur, dem griechischen Philosophen des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, inspirierte Weltanschauung dar. Und die hatte es in sich: Die Götter sind weder Schöpfer der Welt, noch kümmern sie sich darum, was der Mensch so treibt. Der sei wie die Tiere und alles andere auch aus kleinen Teilchen, den Atomen, zusammengesetzt, die ewig und unzerstörbar sind und immer wieder in neuen Konstellationen auftauchen. Alles ist Materie, auch die Seele. Und die stirbt gemeinsam mit dem Körper. An ein Leben nach dem Tod glaubt Lukrez nicht. Die organisierten Religionen seien jedoch Täuschungen, die tief in unserem Begehren, in Ängsten und Unwissen wurzeln und uns die Freude am Leben verderben.

Da also für uns nach Lukrez kein Jenseits existiert und allfällige höhere Wesen sich um uns nicht scheren, müsse unser höchstes Ziel die Steigerung des Genusses und die Verringerung des Leidens sein. Das Leben sei so zu organisieren, dass es dem Streben nach Glück dient. Wie ein spannender Krimi liest sich Greenblatts Schilderung der Umstände, unter denen dieser Urtext der Moderne und des Atheismus gefunden wurde. „De rerum natura“ sollte die Renaissance prägen. So bedeutende Künstler wie Botticelli und Shakespeare, aber auch Denker wie Giordano Bruno, Galileo Galilei und Niccolò Machiavelli wurden von den Lukrez-Versen beeinflusst. Und nicht nur das: Thomas Jefferson, der bei der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 die Feder führte, war, berichtet Greenblatt, geradezu vernarrt in das antike Poem. Er hatte unzählige Ausgaben in mehreren Sprachen gesammelt. Und wenn im Gründungstext der USA das „Streben nach Glückseligkeit“ als Ziel formuliert ist, dann geht das auf Lukrez zurück: Es waren eben nicht nur Puritaner und andere christliche Sekten, die an der Wiege der Vereinigten Staaten standen, sondern auch Atheismus und Religionskritik, analysiert der diesjährige Pulitzerpreisträger.

2
Gewiss sind die US-Bürger um ein Vielfaches gläubiger als die Europäer. Doch auch jenseits des Atlantiks zeigt sich seit etwa zwanzig Jahren eine bemerkenswerte Tendenz zur Säkularisierung. Die Meinungsforschung diagnostiziert: Regelmäßigen Gottesdienst feiern immer weniger Amerikaner, auch nimmt die Gebetsfrequenz ab, und der Anteil derer, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, ist zwar noch immer sehr klein, hat sich aber dennoch im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Pew Research Center zeigt zudem, dass den Amerikanern Politiker, die ihren Glauben vor sich hertragen, zunehmend auf die Nerven gehen. Waren es noch 2001 nur zwölf Prozent, die meinten, Politiker beziehen sich zu viel auf Gott und Religion und beten zu oft in der Öffentlichkeit, denken heute 38 Prozent so. Und inzwischen ist bereits eine Mehrheit von 54 Prozent der Ansicht, die Kirchen sollten sich aus der Politik heraushalten: Tendenz steigend.

3
Um Säkularisierung geht es auch in Nordeuropa. Nach 475 Jahren Ehe gab es Montag vergangener Woche eine Scheidung. Sämtliche im norwegischen Parlament vertretenen Parteien beschlossen längst Fälliges: die Trennung von evangelisch-lutherischer Kirche und Staat. Ende des Staatskirchentums – ein historischer Schritt. Die Verfassung in ihrer alten Form schrieb vor, dass mindestens die Hälfte der Regierungsmitglieder der Kirche angehören müssen und der König dieser vorsteht. Auch sonst waren Kirche und Staat bisher institutionell eng verflochten. Damit ist jetzt Schluss. Es ist eine glückliche Scheidung. Selbst die Kirche freut sich: Zwar verliere sie ihre privilegierte Stellung, gewinne aber auch an Autonomie und Glaubwürdigkeit, begründet sie ihre Zustimmung.

Und was lehrt uns all das? Das Projekt der Aufklärung ist nicht gescheitert. Sie wirkt trotz allem fort. Als ganz so düster, wie die Weltgeschichte der vergangenen Jahre glauben lassen könnte, muss sich die Zukunft vielleicht doch nicht erweisen.

georg.ostenhof@profil.at