Georg Hoffmann-Ostenhof: Merci, Mercer!

Georg Hoffmann-Ostenhof: Merci, Mercer!

Warum die US-Beratungsfirma recht hat, wenn sie Wien lobt, und die rechten und linken Raunzer irren.

Und täglich grüßt das Murmeltier. Und jeden März beantwortet Mercer gleichlautend die Frage, in welcher Großstadt man am besten lebt: in Wien. Auch 2015 reiht das amerikanische Beratungsunternehmen die österreichische Hauptstadt auf ihrer „Quality of Life“-Liste ganz nach oben. Das sechste Jahr in Folge. Wien ist Spitze, absolute Spitze.

Naturgemäß jubelt die Stadtregierung jedes Mal demonstrativ über dieses Lob aus dem Ausland. In Wahljahren, also auch heuer, mit besonderer Verve. Aber ebenso regelmäßig setzt alsbald die Kritik am Mercer-Ranking ein.

Da würde ja vorrangig die Lebensqualität gemessen, „die Wien den Top-Managern, den oberen Zehntausend bietet“, moniert etwa der FP-Politiker Johann Gudenus, und ätzt: So reden die Rot-Grünen im Rathaus „die eigene Versagenspolitik schön“. Ins gleiche Horn stößt der Wiener VP-Obmann Manfred Juraczka, der das „übertriebene Eigenlob“ von Michael Häupl und Co. geißelt.
Auch in der üblicherweise progressiven Szene der Social Networks findet man nur wenig Gefallen am amerikanischen Ranking. Mein schüchterner Twitter-Eintrag, in dem ich, angesichts der Mercer-Frohbotschaft, den leichten Anflug patriotische Gefühle gestand, stieß auf massive Ablehnung: Wer im „Cottage“, in Döbling oder Hietzig wohnt, möge sich ja einer gute Lebensqualität erfreuen. Wie sich aber die Favoritner, Simmeringer und Ottakringer fühlen, werde da nicht gesagt. Den „Expats“, den Mitarbeitern ausländischer Konzerne gehe es hier sicher gut. Aber den „Locals“? So lautet der Tenor der Digital-Kritik.

In der Tat führt Mercer die Erhebung durch, um internationalen Unternehmen bei der Standortwahl behilflich zu sein und ihnen Richtwerte für die Einstufung und Entlohnung ihrer Angestellten an die Hand zu geben. Allerdings betreffen die meisten der Kriterien, nach denen die Städte eingestuft werden, alle Bewohner: Es geht um Kriminalität, Gastronomie, politische Stabilität, Wasser, Preise, Mieten, öffentlichen Verkehr, Sozial- und Gesundheitswesen, gesunde Luft, Grünzonen, Kulturangebot usw. Und da schneidet Wien eben fast in allen Bereichen hervorragend ab.

Es braucht gar keine großen komparativen Studien, es genügt, ein wenig auf der Welt herumgekommen zu sein, um zu begreifen, welches Privileg es ist, in Wien zu leben. Auch jene, die nicht solche Vergleiche anstellen können, wissen das. Eine Umfrage ergab unlängst, dass unglaubliche 94 Prozent der Wiener „zufrieden“ sind, „in dieser Stadt zu leben“.

Da mag zwar einiges am Klischee vom ewig raunzenden und matschkernden Wiener stimmen: Auf Facebook, Twitter und in Postings tobt er sich offenbar aus. Aber wer offenen Auges – und nicht nur im herausgeputzten touristischen Zentrum oder den reichen Villenvierteln, sondern auch in den Vorstädten – durch die Straßen spaziert, der spürt das positive Lebensgefühl der Bewohner dieser Stadt.

Das war beileibe nicht immer so. Wer die Gnade der frühen Geburt hat – sich also an früher zu erinnern vermag –, der kann erst so recht ermessen, was er am heutigen Wien hat. Stabil und sicher war die Stadt auch schon vor 20, 30 Jahren. Und schön auch. Aber die längste Zeit präsentierte sie sich als grantig und grau, langweilig und feindselig. Es roch nach Ostblock. Depressiv konnte man werden. Helmut Qualtinger besang Wien als böse, grausliche, alte Frau.

Erst in den 1990er-Jahren begann die Stadt aufzublühen. Und dann ging alles sehr schnell. Heute gehört Wien, das über fast ein ganzes Jahrhundert hinweg schrumpfte, gemeinsam mit Madrid und Brüssel zu den am schnellsten wachsenden europäischen Städten – und ist das österreichische Bundesland mit der jüngsten Bevölkerung. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte man über die langsame Vergreisung der österreichischen Metropole geklagt. Jetzt strahlt sie jugendliche Dynamik aus.


Und wem verdanken wir diese so erfreuliche Entwicklung? Erraten: den Ausländern. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Osterweiterung, aber auch die Westöffnung (sprich: der EU-Beitritt) – das veränderte Wien bis zu seiner Kenntlichkeit, machte es wieder zu dem, was es eigentlich immer war: eine Stadt der Einwanderer. Nicht zuletzt durch den massiven Zuzug von „Fremden“ lebte Wien auf: Frisches Blut strömte herein, brachte neue Impulse, Parallelgesellschaften bildeten sich, kulturelle Verschmelzungen fanden statt. Endlich herrscht hier wieder jene fruchtbare Vielfalt, jenes wunderbare – wie man mundartlich sagen würde – „Gewurl“, das eine wirkliche Weltstadt erst so recht ausmacht.

Aber Anerkennung finden bis jetzt die Migranten für ihren gewaltigen Beitrag zum Aufschwung der Stadt keineswegs. Im Gegenteil. Die Ausländergesetze wurden empfindlich verschärft, Einbürgerungsraten drastisch gesenkt. Und diese ängstlich-defensive Politik ist nicht nur gemein gegenüber den Einwanderern, sondern auch demokratisch höchst bedenklich: Jeder fünfte Wiener (rund 350.000 Bewohner der Bundeshauptstadt) darf aufgrund der xenophoben Gesetze nicht wählen. Dass das politisch nicht gesund sein kann, liegt auf der Hand.

Dennoch: Bei aller durchaus gerechtfertigten Kritik an so manchem Aspekt der Wiener Verhältnisse – auf das gute Abschneiden der Stadt bei der Mercer-Studie kann man ebenso stolz sein wie auf die Tatsache, dass die Helden der heutigen Jugend David Alaba und Conchita Wurst heißen.

Karl Kraus schrieb einst: „Wien bleibt Wien – und das ist eine gefährliche Drohung.“ Diese Drohung gilt heute jedenfalls in geringerem Maß als zuvor. Wien ist in Bewegung.

georg.ostenhof@profil.at