<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Mohammed verarschen

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Mohammed verarschen

Über Religion soll man sich schon lustig machen – aber bitte über die eigene.

Schon schien die Empörung über das in den USA gedrehte Anti-Mohammed-Video abzuebben, da erhielt die arabische Wut über die westliche Verunglimpfung des Propheten vergangene Woche neue Nahrung: Die Pariser Satirezeitung „Charlie Hebdo“ erschien mit einer ganzen Latte von Mohammed-Karikaturen. Und „Titanic“, das deutsche Pendant zum französischen Humorblatt, eine überaus witzige Publikation, verkündete, man werde ebenfalls in der nächsten Ausgabe den von den Muslimen verehrten Mann aus dem siebenten und achten Jahrhundert auf die Schaufel nehmen.

Beim Barte des Propheten: Das ist keine gute Idee. Eher eine große und gefährliche Dummheit. Und nicht deshalb, weil man gegen Blasphemie im Allgemeinen wäre. Solche ist ja meist wirklich amüsant. In der Vergangenheit war zudem Gotteslästerung ein wesentliches Vehikel der Aufklärung. Dennoch, diese Veräppelungen der islamischen Religion wären besser nicht gemacht worden. Das kann man auch meinen, wenn man absolut gegen jedes Verbot, für Meinungsfreiheit und somit für das Recht auf Blasphemie eintritt.

Bei der Ablehnung des YouTube-Streifens „Unschuld der Muslime“ tut man sich leicht. Es ist ein erbärmlich inszeniertes Machwerk von christlichen Fundis, deren unappetitliche Intentionen offensichtlich sind – ein Hassvideo im Rahmen einer Religionskonkurrenz. Die Satireblätter aber weisen dar­auf hin, dass sie in der Vergangenheit mit gleicher Verve über das Christentum gehöhnt haben. Und sie haben ja Recht. Dennoch reihen sie sich – ob sie wollen oder nicht – mit ihrer jetzigen Provokation in die Front des xenophoben „Kampfs der Kulturen“ ein.

Sie spotten diesmal eben nicht über die „eigenen Götter“, wie etwa Gerhard Haderer mit seinen Jesus-Comics oder wie Monty Python mit der filmischen Bibel-Persiflage „Das Leben des Brian“, sondern über die heiligen Dinge und Personen der anderen, also in diesem Fall über die der Muslime. Und die sind in Europa eine immer noch diskriminierte religiöse Minderheit. Die Anhänger Mohammeds offensiv mit Satirischem zu verletzen – das tut man einfach nicht. So wenig wie man antisemitisch witzelt. Da mögen die „Charlies“ und „Titanics“ noch so aufklärerisch daherkommen und sich als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit gerieren.

Sie spielen damit auch den fanatischen Kulturkämpfern in der islamischen Welt in die Hände. Derzeit wird gezielt eine „Empörungsmaschine“ angeworfen, analysiert Salman Rushdie, der selbst wegen seiner angeblich blasphemischen „Satanischen Verse“ um sein Leben fürchten musste. Aber im Jahr zwei nach dem arabischen Frühling sind es nicht mehr Regime, die diese Maschine anwerfen, um von den realen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und politischen Verwerfungen ihrer Diktaturen abzulenken. Die Empörungsmaschine wird jetzt von frustrierten Salafisten und Dschihadisten in Gang gesetzt, die in der Revolution kaum eine Rolle spielten und in den vergangenen Monaten noch weiter an Ansehen verloren haben. Und die gewaltbereiten und zuweilen mörderischen jungen Männer, die nun auf der Straße wüten, sind eine verschwindende Minderheit.

Für die Radikalen sind die Anti-Mohammed-Provokationen aus den USA und Europa „die Antwort auf viele Gebete“, schreibt der bekannte ägyptische Journalist Hani Shukrallah so treffend in der Wochenzeitung „Al Ahram Weekly“: „Nicht nur geben ihnen die Proteste die Möglichkeit, gegen die Werte der Revolutionäre zu agitieren, die aus ihrer Sicht atheistisch und aus dem Westen importiert sind. Mit ihrem Rabatz bahnen sie sich auch den Weg zurück auf die politische Bühne.“

Die diktatorischen Regime von einst instrumentalisierten die antiwestlichen Gefühle der Massen. Die neuen Regierungen, seien sie nun jene der Muslimbrüder oder ähnlicher moderater Islamisten, nehmen auf die Stimmungen der Bevölkerung Rücksicht. Und versuchen gleichzeitig, den Unmut in zivilisierte und gewaltlose Bahnen zu lenken. „Mit anderen Worten, sie verhalten sich eben wie gewählte Politiker“, schreibt der amerikanische Star-Journalist Fareed Zakaria. „Und das ist gewissermaßen eine gute Nachricht.“

Zu begrüßen ist auch, dass die moderaten Kräfte der arabischen Welt nicht mehr schweigen – wie in vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit –, sondern diesmal ihre Stimme erheben und die fundamentalistischen Verrücktheiten denunzieren.

Zu wünschen wäre zweierlei: In der islamischen Welt sollten die Moderaten noch entschiedener jener paranoiden Vorstellung entgegenwirken, wonach sich vom evangelikalen US-Fundi bis zu frivol-liberalen Satireblättern der gesamte Westen gegen den Islam verschworen hat. Und zweitens gilt es, den Leuten ein für alle Mal klarzumachen, dass es sinnlos ist, die westlichen Regierungen aufzufordern, antimuslimische Auslassungen einfach zu verbieten. Dem Volk in Kairo, Tunis oder Tripolis, das an seine neu gewonnene Freiheit noch nicht gewohnt ist, muss das Prinzip Meinungsfreiheit nahegebracht werden.

Im Westen wiederum sollte man aber mit den Mohammed-Verarschungen Schluss machen. Sie bringen nur mäßigen Humorgewinn, erweisen sich aber als politisch umso schädlicher. Und sind letztlich für den Tod unzähliger Personen mitverantwortlich.

georg.ostenhof@profil.at