Georg Hoffmann-Ostenhof: Ode an die Freude

Georg Hoffmann-Ostenhof: Ode an die Freude

Macron wird es nicht leicht haben. Warum trotzdem die Champagnerkorken knallen – und nicht nur in Frankreich.

Die Realisten haben ja recht, die meinen, mit der Wahl von Emmanuel Macron sei noch wenig gemacht: Der frisch gekürte französische Hoffnungsträger, dessen Bewegung En Marche! bisher keinen einzigen Abgeordneten in der französischen Nationalversammlung sitzen hat, müsse erst einmal bei den kommenden Wahlen im Juni eine parlamentarische Mehrheit, eine Präsidenten-Majorität zustande bringen.

Das stimmt. Und dann muss Macron seine versprochenen Reformen auch wirklich durchsetzen. "Wird es ihm nicht so ergehen wie so manchem französischen Politiker vor ihm, der ähnliche Reformen wollte und am Widerstand der mächtigen Interessensgruppen und des tief sitzenden Konservativismus der französischen Gesellschaft scheiterte?", wird gefragt.


Schließlich hat die Mehrheit der Wähler Macrons weniger für diesen als vielmehr gegen Marine Le Pen gestimmt

Schließlich hat die Mehrheit der Wähler Macrons weniger für diesen als vielmehr gegen Marine Le Pen gestimmt. Und der Hinweis darauf, dass die rechtsextreme Blondine zwar verloren hat, aber das bisher beste Wahlergebnis ihrer Nationalen Front erzielte, und deshalb Triumphalismus nicht angebracht sei, ist nicht von der Hand zu weisen.

Trotz alledem: Beim Anblick der Bilder der Zehntausenden Franzosen, die am Wahlabend vor dem Louvre die Tricolore und die Europafahne schwenkten, die Marseillaise sangen und ihren Helden Macron nach geschlagener Schlacht mit Beethovens Ode an die Freude empfingen, wurde einem warm ums Herz. Pathetische Auslassungen, wie etwa jene des amerikanischen Ökonomen Paul Krugman, der via Twitter bekannte, dass die französischen Wahlen ihn wieder für die Zukunft der Zivilisation hoffen ließen, wirken keineswegs hohl. Die unzähligen Glückwünsche aus der ganzen Welt mit den begeisterten Ausrufen "Vive la France, Vive l’Europe" scheinen durchaus tief empfunden und ehrlich gemeint zu sein.

Und diese starken Gefühle haben durchaus ihre Richtigkeit: Nach Van der Bellens Einzug in die Hofburg, dem Absacken des Islamhassers Geert Wilders bei den holländischen Wahlen, signalisiert nun der so eindeutige Sieg Macrons, dass der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des Rechtspopulismus – zumindest vorläufig – tatsächlich gestoppt ist, die xenophobe antieuropäische Welle, die seit einiger Zeit durch den Kontinent schwappt, gebrochen ist.

Das ist schon ein Grund zu feiern. Wenn man noch bedenkt, wer auf internationaler Ebene Madame Le Pen bei ihren präsidentiellen Ambitionen unterstützt hat, dann wird die Freude noch größer. Donald Trump machte in den Wochen vor dem französischen Urnengang klar, dass er die Chefin der Nationalen Front im Élysée sehen will.
Wladimir Putin hat sogar ihren Wahlkampf mitfinanziert. Und die britischen Brexitiere machten kein Geheimnis daraus, dass sie der Propagandistin eines Frexit die Daumen hielten.


Der Sieg Macrons bedeutet auch eine Niederlage für die Feinde der offenen Gesellschaft überall

Die Franzosen haben also nicht nur ihren eigenen Nationalisten eine Abfuhr erteilt. Der Sieg Macrons bedeutet auch eine Niederlage für die Feinde der offenen Gesellschaft überall. Deswegen knallen in diesen Tagen nicht nur an der Seine die Champagnerkorken.

Und bei allen berechtigten Überlegungen zu den Schwierigkeiten, denen sich Macron gegenübersehen wird: So klein sind die Chancen wiederum auch nicht, dass er so einiges von dem, was er vorhat, zustande bringt:

  • Macron ist das Unerhörte gelungen, innerhalb von einem Jahr von einem weitgehend unbekannten Politiker zum gefeierten Präsidenten zu werden. Sollte er nicht auch jene politische Dynamik entfachen können, die ihn die Widerstände gegenüber seinem Reformprojekt, überwinden lassen?
  • Seit Langem geht es mit der europäischen – ja auch mit der französischen – Wirtschaft wieder bergauf: Gute Voraussetzungen für Reformen. Macrons "Yes We Can"-Optimismus findet so einen fruchtbaren Boden.
  • Schließlich ist er der erste französische Politiker, dem klar bewusst ist: Die Überwindung von Krisen im Land ist letztlich nur im Rahmen der europäischen Politik zu bewältigen. Frankreich wird nur europäisch gesunden. Europa muss gestärkt werden.