<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Papst Franziskus, der Coole

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Papst Franziskus, der Coole

Warum auch Gottlose Fans des argentinischen Papstes sein können.

Mein Bruder im Unglauben Rudolf Schwarz, der unlängst verstorbene Freidenker und wackere Kämpfer gegen die katholische Kirche, möge mir verzeihen. Aber ich bin von Papst Franziskus zunehmend begeistert.

Doch, doch. Auch jenen, die mit Gott nichts am Hut haben, kann der neue Mann im Vatikan gefallen. Sagen wir es in zeitgemäßer Sprache: Franziskus ist einfach cool.

Erinnern wir uns: Auch Johannes Paul II., der polnische Papst, hatte den Gottlosen etwas zu bieten. Gewiss, für Mitglieder der Kirche war er vielfach ein Ärgernis. Er verantwortete katastrophale Bischofsernennungen – siehe Groer und Krenn. Unter ihm versteinerte die Hierarchie der Amtskirche. Und nicht nur in rebus sexualibus, da aber besonders, erwies er sich als weltfremder reaktionärer Dogmatiker, der dem Katholikenvolk das Leben schwer machte. Aber, und das lässt ihn als einen der Großen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen: Er inspirierte den Aufstand der Polen gegen ihre kommunistischen Herrscher. Papst Johannes Paul wurde so zu einem der Mentoren der osteuropäischen Umwälzungen des Jahres 1989.

Benedikt XVI. hatte nicht Statur und Charisma seines Vorgängers. So konservativ wie dieser war Benedikt aber noch allemal. Mancher hoffte jedoch, dass der geborene Bayer und gelehrte Theologe Joseph Ratzinger intellektuell anregend sein würde. Hatte Benedikt nicht noch als Kardinal lebhaft mit dem deutschen Philosophenpapst Jürgen Habermas dialogisiert? Ratzinger wurde zu einer herben Enttäuschung. Die kurialen Machthaber in Rom wurden noch autoritärer. Ihm selbst gelang es in nur kurzer Zeit, Juden, Moslems und Protestanten vor den Kopf zu stoßen. Und mit seiner permanenten Verkündigung der repressiven, völlig aus der Zeit fallenden Sexualmoral ging der katholische Oberhirte seinen Schäfchen schwer auf die Nerven.

Nun Franziskus. Anfangs wurde der aus Argentinien stammende Jesuit Jorge Mario Bergoglio vielfach noch mit Skepsis empfangen. Das Gerücht ging um, er hätte in den 1970er-Jahren mit der damalig herrschenden Militärjunta kollaboriert und regimekritische Kleriker ans Messer geliefert. Das wurde dann nie bestätigt. Und Progressive in der Kirche bezweifelten, dass der Außenseiter aus der Dritten Welt es mit den heiligen Seilschaften in Rom aufnehmen könnte. Die Bedenken wurden bald zerstreut. Er begann die Kurie personell zu erneuern. Und präsentierte sich bald als veritabler Volkspapst, der locker und auf gleicher Augenhöhe mit den Menschen plaudern kann und sich als Oberhaupt einer „Kirche der Armen“ versteht.

Mit allerlei Gesten machte er klar, dass nun ein neuer Wind im Vatikan und in der Weltkirche wehen solle: Er wählte den Namen eines Bettelmönches, verzichtete auf Goldkreuz und rote Schuhe, will partout nicht in seinen Apostolischen Palast einziehen, sondern bleibt im vatikanischen Gästehaus wohnen. Am Gründonnerstag wusch er Gefängnisinsassen – unter ihnen Frauen und Muslime – die Füße. Seine erste Reise führte ihn zu den Flüchtlingen auf Lampedusa. Und jüngst mahnte er an, die überall leer stehenden Klöster sollten nicht in Hotels umgewidmet, sondern für Flüchtlinge geöffnet werden. Ginge es nach dem argentinischen Papst, würde also Österreich nicht bloß 500 Syrer aufnehmen, sondern ein Vielfaches davon.

Franziskus lässt verlauten, dass der Zölibat kein Kirchendogma, sondern bloß Tradition sei, man darüber also diskutieren könne. Er plädiert für die Dezentralisierung von kirchlichen Entscheidungsstrukturen. Und in einem offenen Brief an den Kirchengegner Eugenio Scalfari, dem Herausgeber der linksliberalen Tageszeitung „La Repubblica“, gestand er Atheisten zu, auch moralische Grundsätze und Gewissen zu besitzen – eine Premiere: Noch Benedikt XVI. hatte mehrmals kategorisch festgestellt, dass der Mensch ohne Gott notgedrungen haltlos und sündhaft sein müsse.

Dass das alles keine bloße Inszenierung ist, sondern Franziskus wirklich gewillt ist, die Kirche ins Offene zu führen, machte er dieser Tage in einem großen Interview klar: Darin plädiert er für eine „barmherzige Kirche“, die sich von ihrer „Obsession“ löst, dauernd über Homosexualität, Abtreibung und Verhütung zu sprechen. Jeder einzelne Fall müsste im Kontext betrachtet werden. Wenn zwischen dem Dogma und der Seelsorge keine neue Balance gefunden werde, warnt er, könnte das „moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“.

Offenbar beginnt mit Papst Franziskus wirklich eine neue Ära. Und was haben wir Kirchenfernen davon, dass der Pontifex Maximus nun ein überaus freundlicher, legerer und cooler Typ ist? Zunächst: Die Gläubigen werden glücklicher. Mit Franziskus steht ihr konkreter Lebensvollzug nicht mehr in so eklatantem Gegensatz zu den moralischen Anforderungen Roms. Das macht lockerer. In nach wie vor katholisch geprägten Ländern wie Österreich bedeutet das eine allgemeine Klimaveränderung zum Guten.

Man soll aber auch die unmittelbar politischen Auswirkungen nicht unterschätzen: Wenn die katholische Kirche nicht mehr so insistierend und penetrant Homo-Ehe, Schwangerschaftsabbruch und Geburtenregelung verdammt, dann schwächt das die reaktionäre Rechte aller Länder: Die kann nicht mehr so leicht mit diesen Themen mobilisieren.

georg.ostenhof@profil.at